29.06.2007 · „Mehr Disziplin wagen?“, wollte Maybrit Illner wissen, war aber selbst zu faul, ihren Gegenstand klar einzugrenzen. Krise der Schulen, Erziehung, Kriminalität, Migranten... - ohne Tiefgang tippte die Talkmasterin alles lässig an. Immerhin: Günther Jauch legte ein Geständnis ab. Von Andreas Kilb.
Von Andreas KilbAm Ende legte Günther Jauch ein Geständnis ab: „Ich war ein schwer erziehbares Kind, es war keine witzige Zeit“. Das war einer der wenigen persönlichen Sätze in einer Sendung, in der es auf Persönliches, auf die eigene Erfahrung, das eigene Beispiel dringend angekommen wäre.
Denn Maybrit Illners Talkrunde handelte nicht vom Klimaschock oder vom Hindukusch, sondern vom derzeit Nächstliegenden: der Erziehung von Kindern und Jugendlichen, der Krise der Schulen und der Elternhäuser. Deshalb musste, natürlich, der Pädagoge und Bestsellerautor Bernhard Bueb in der Runde sitzen, dessen „Lob der Disziplin“ schon nicht mehr ganz das Buch der Stunde ist.
„Von Natur aus faul“?
Bueb forderte mehr Geld für Ganztagsbetreuung, vorbehaltlose Anerkennung von Autorität und Disziplin als „notwendiges, nicht hinreichendes Mittel“; er rief dazu auf, das Selbstwertgefühl von Hauptschülern zu stärken und Lehrer zu Nachmittagsbetreuern ihrer Klassen zu machen, damit Lehrende und Lernende „glücklicher“ (eines seiner Lieblingswörter) würden - alles, wie man es von ihm erwartet.
Auch der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, als Buebs Gegenspieler eingeladen, wurde seiner Rolle gerecht. Wenn Bueb von Disziplin sprach, verwies er auf die sozialen Verhältnisse in den Unterschichten; wo Bueb seine Schützlinge zu ihrem Schülerglück zwingen wollte, sah Brumlik sein Menschenbild gefährdet. „Sie reduzieren alles drauf, dass der Mensch von Natur aus faul ist!“
Unscharfe Debatte
Man könnte diese Ausgabe von „Maybrit Illner“ darauf reduzieren, dass sie zu faul war, ihren Gegenstand klar einzugrenzen, dass sie von allem, von Schülern, Kindern, Eltern, Lehrern und Migranten gleichzeitig reden wollte. Aber vielleicht liegt es in der Natur des Fernsehens, Probleme unscharf zu stellen. So verwischen ihre Konturen ins Debattierbare, und ihr Inhalt wird Impression.
Impressionen aus dem wirklichen Elternleben boten Natascha Ochsenknecht, die Frau des Schauspielers, und Günther Jauch. Während Ochsenknecht einen fein abgestimmten Strafenkatalog - Fernsehverbot, Stubenarrest, Wochenendsperre - zur Anwendung bringt, setzt Jauch eher auf das „Abfordern“ von Leistung bei seinen Kindern. Dass er sich dabei, wie die allermeisten Eltern, selbst noch in einer Lernphase befindet, zeigte seine resignierte Bemerkung über die verschiedenen Schultypen, die er mit seinen vier Sprösslingen nun „alle durch“ habe.
„Hulimisches Lernen“
Der ganz große pädagogische Treffer war offenbar nicht dabei. Und dann waren da noch Noah Sow und Elisabeth Härtl, Rocksängerin die eine, Schülervertreterin die andere, und beide sichtlich an anderem interessiert als an Erziehungsfragen. Die eine war froh, die Schule hinter sich zu haben, die andere wollte in ihrer verbleibenden Oberstufenzeit die Lehrer lieber duzen und das „bulimische Lernen“, sprich: Pauken, abschaffen, was im bayerischen Coburg einer Rebellion, im Berliner Wedding eher einem Rebelliönchen gleichkommt.
Von dort stammte eine Sozialarbeiterin, mit der Maybrit Illner im Publikum ins Gespräch kam. Sie redete von ganz anderen Dingen als der Rest der Runde, von Migranten, Großfamilien, Sprachproblemen, Mangel an Respekt, Langeweile, Kriminalität. Es war ein anderes Thema und eine andere Welt, aber die Talkmasterin tippte es so lässig an, als könnte man auch darüber in drei Minuten alles Nötige erfahren. Doch man erfuhr es nicht.