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Fernsehkritik: „Polizeiruf 110“ : Tödlich Verletzte torkeln durch das Chaos

Nach dem Bombenanschlag im Tunnel zur Allianz Arena: Die Polizeiassistentin Anna (Anna Maria Sturm) sucht Trost bei Kommissar von Meuffels (Matthias Brandt) Bild: dapd

Im Münchner „Polizeiruf 110“, dem zweiten mit Matthias Brandt, geht um einen Bombenanschlag auf Fußballfans. Ästhetisch spielt der Film mit dem Schrecken des 11. September.

          Der mittlere der drei großen Filme, in denen James Dean die Hauptrolle spielte, ist „... denn sie wissen nicht, was sie tun“. Seine Darstellung des jungen Jim Stark wurde von Mitte der fünfziger Jahre an rasch prägend für das Lebensgefühl jener „verlorenen Generation“ weißer Mittelstandskinder zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn der direkten amerikanischen Intervention in Vietnam im Jahr 1965. „Rebel Without a Cause“, der auf die biblische Anspielung verzichtende amerikanische Originaltitel des Films, brachte die Sache auf den Punkt - das jugendliche Aufbegehren, das sich in James Dean verkörperte, benötigte keinen politischen oder ideologischen Grund, es war schlicht das Antidot zu einer als sinnleer empfundenen Kleinbürger- und Wohlstandswelt.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ heißt nun auch der in den vergangenen Wochen bereits heftig diskutierte und laut Lesart des Bayerischen Rundfunks aus Gründen des Jugendschutzes vom frühen Sonntag- auf den späteren Freitagabend vorverlegte „Polizeiruf 110“ (siehe BR verschiebt „Polizeiruf 110“: Ein privater Attentäter). Begründet hatte Sabine Mader, die Jugendschutzbeauftragte des Senders, ihre „dringende Empfehlung“ damit, dass bei Heranwachsenden unter vierzehn Jahren angesichts der detaillierten Szenen von einem fiktiven Bombenattentat auf die Münchner U-Bahn (die U6 vom Marienplatz zur Allianz Arena) das „Risiko einer nachhaltigen Angsterzeugung“ bestehe.

          An der Tabugrenze

          Aus moralischen wie pädagogischen Erwägungen also verzichten der produzierende BR und die ausstrahlende ARD auf nicht wenige der etwa zehn Millionen Zuschauer, welche beide Dauerserien, „Tatort“ wie „Polizeiruf 110“, am Sonntag um 20.15 Uhr gar nicht so selten erreichen. Zugleich hält man im BR aber entschieden daran fest, dass die sittlich inkriminierte Folge, so der Fernsehdirektor Gerhard Fuchs, „künstlerisch“ ganz „ausgezeichnet“ sei.

          Die BR-Moderatorin Sabine Sauer spielt im „Polizeiruf” eine Reporterin am Katastrophenort
          Die BR-Moderatorin Sabine Sauer spielt im „Polizeiruf” eine Reporterin am Katastrophenort : Bild: BR / Claussen+Wöbke+Putz Filmprodukti

          Wie so oft, wenn es um das Verhältnis von Moral und Kunst geht, verdecken die offiziell vorgetragenen Argumente auch dieses Mal den wirklichen Sachverhalt. Denn in Wahrheit und gewiss auch mit Bedacht haben der Regisseur Hans Steinbichler, der Drehbuchautor Christian Jeltsch und die verantwortliche BR-Redakteurin Cornelia Ackers den neuen „Polizeiruf“ aus München auf mehrfache Weise an Tabugrenzen heran- oder über Tabugrenzen hinausgeführt.

          Zunächst mit dem Titel der Folge. Diejenigen, die hier angeblich nicht wissen, was sie tun, sind zwei junge deutsche Bombenbauer, die offenbar keiner größeren Terrorgruppe angehören, sondern auf eigene Faust handeln. Sie haben sich arabische Wunsch- und Tarnnamen zugelegt, zitieren den Koran im Original und sind gewillt, als Selbstmordattentäter zu sterben. Mahmud (Sebastian Urzendowsky) nennt sich der eine von ihnen, er wird kurz vor der Explosion im Fußgängertunnel den Bombenrucksack von sich werfen und deshalb nach dem Anschlag selbst schwerstverletzt unter einem Betonbrocken liegen.

          Noch in der Katastrophe hochsensibel

          Der kammerspielartige Dialog, der sich entspannt zwischen diesem Todgeweihten und dem erst unlängst zugereisten Kommissar - Matthias Brandt als Hanns von Meuffels in seinem zweiten Münchner „Polizeiruf“ -, bildet das Zentrum der Folge. Kriminalistisch geht es darum, von Mahmud Informationen über den zweiten Attentäter und einen möglichen zweiten Anschlag zu erhalten, psychologisch einfühlsam jedoch bemüht sich der selbst in der Katastrophe noch hochsensible von Meuffels auch um Mahmuds Motive.

          Haben wir es bei diesem also mit einem Jim Stark von heute zu tun? Ist das Bombenwerfen ein heutiges Äquivalent zum „chicken run“, also zur Mutprobe im Filmklassiker? Und wenn dem so wäre - kann man sich dann nicht auch gleich mit diesem Mahmud identifizieren? Schon dass Regie und Drehbuch solche Fragen aufwerfen, belegt immerhin, dass sie ganz nahe an dieses Tabu heranwollen.

          Genau dies will auch die Kamera (Bella Halben). Wenn nach dem Anschlag der Bildschirm für Sekunden ganz schwarz wird, wenn man Schmerzens-, Verzweiflungs-, Todesschreie hört, wenn dann aus dem dunkelsten Chaos zutiefst verwirrte, zutiefst verletzte Menschen heraustorkeln und dabei über und über mit grauem, mehligem Staub bedeckt sind - wer dächte da nicht an die Realbilder des 11. September 2001, die zur zehnten Wiederkehr der damaligen Verheerungen erst jüngst aufs Neue gezeigt wurden? Und ist es, so lautet zwangsläufig die nächste Frage, ein ästhetisch legitimes Verfahren, solche Bilder und die zu ihnen gehörenden Assoziationen in einem deutschen Fernsehkrimi nochmals zu erzeugen - ganz egal, zu welcher Stunde dieser dann gesendet wird?

          Die Behörden agieren gegeneinander

          Ganz klar: „Polizeiruf 110: Denn sie wissen nicht, was sie tun“ spielt mit einer der denkbar größten Katastrophen des gegenwärtigen großstädtischen Alltags - und er spielt eine solche Katastrophe auch so konsequent wie gnadenlos durch. Das muss man wissen, wenn und bevor man sich diesem Film aussetzt. Sabine Mader übrigens hatte als weiteres Argument in Sachen Sendetermin noch ins Feld geführt, dieser Folge fehlten „entspannende Momente“.

          Die freilich gibt es durchaus, etwa in den kurzen zynischen Dialogen zwischen dem urbayerischen Polizei-Faktotum Max (Siggi Zimmerscheid) und dem immer mal wieder gar nichts verstehenden „Preußen“-Kommissar von Meuffels. Es gibt zudem satirische Momente in der behördlichen Einsatzzentrale, wo Landeskriminalamt, Verfassungsschutz und der diensthabende Polizist (Rainer Böck) mehr gegen- als miteinander agieren. Mehr Zerstreuung aber ist nicht.

          „Polizeiruf 110: Denn sie wissen nicht, was sie tun“ läuft heute um 22 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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