Einer, der hartnäckig Kanzler zu können glaubt, Frank-Walter Steinmeier, hat vor zwei Tagen verlauten lassen: „So viel Dilettantismus wie bei Röttgen und Rösler habe ich selten gesehen.“ Die Revanche der Gescholtenen wird kaum anders klingen. Nur zu gerne werfen sich Politprofis Amateurhaftigkeit an den Kopf, wenn sie einander diskreditieren wollen. Das ist seltsam antiquiert, denn der Status des Amateurs ist längst zur zentralen Voraussetzung für eine rasante Karriere im Politbusiness avanciert. Nicht wer Politikertugenden wie abwägende Umsicht oder Verständnis für komplexe soziale und juristische Materien am trefflichsten und unauffälligsten erfüllt, wird mit Zuspruch belohnt, sondern der, der rhetorisch überspitzt und sich am resolutesten absetzt, am besten gleich von der gesamten Kaste.
Das ist kein Unfall, sondern systemisch: Mediale Demokratien – und in dieser leben wir, keineswegs in einer flüssig-basisdemokratischen – funktionieren eben ein Stück weit wie jedes mediale Ereignis. Kein Starsystem ohne Profit durch Allüren. Bislang aber ging der erfolgreiche Auftritt des Amateurs mit einer starken Überzeugung einher: Nicht nur die Grünen, auch mancher Gewerkschafter und mancher Unternehmer haben so ihre politische Karriere gestartet. Dass gegenwärtig eine Bande von Dilettanten allein mit dem frechen Beharren auf Dilettantismus – Programm folgt irgendwann – den gesamten Politikbetrieb durcheinander zu würfeln beginnt, mag manch einen mit Genugtuung erfüllen, weil nicht wenige saturierte Selbstdarsteller ins Schwitzen geraten und eingeschliffene Koalitionen plötzlich nicht mehr möglich sind. Und doch handelt es sich wohl eher um ein Symptom für Politikverdrossenheit denn für die Wiederkehr der Lust am Politischen.
Eine Sendung, die in die Zeit passt
Auf jeden Fall aber ist eine Sendung wie „Ich kann Kanzler!“ in einer Phase, in der die Facebook-Generation Politikaufmischung spielt, sehr viel zeitgemäßer als noch zwei Jahre zuvor, als das ZDF die erste Staffel ausstrahlte und miserable Quoten einfuhr. Im Vordergrund der Casting-Show steht die Suche nach dem größten politischen Nachwuchstalent des Jahres. Doch in gewisser Weise legen hier die alten, moderierten und gesellschaftlich kontrollierten Medien ihre Mechanismen offen: Wir sehen, wie Meinungsbildung funktioniert. Das Volk (in diesem Fall das Studiopublikum) darf wählen, doch erst nachdem die Experten die Kandidaten beurteilt haben. Für eine solche Entscheidungshilfe gibt es im wahren Leben auch gute Gründe, sofern die Experten tatsächlich solche sind.
Hier aber hat man für die Jury (die so hieß, auch wenn sie nicht direkt entschied) keine Fachleute – also Juristen, Volkswirtschaftler etc. – ausgewählt, sondern bekannte Fernsehgesichter: Maybrit Illner, Oliver Welke sowie den omnipräsenten „Politikberater“ Michael Spreng. Auch das entspricht leider der Wirklichkeit. Es wurde denn auch alles in allem eine sehr mittelmäßige Sendung: mittelmäßig lustig, mittelmäßig politisch, mittelmäßig spannend. Redeschlachten und Kreuzverhöre hat das ZDF jedenfalls umsonst versprochen. Moderator Jörg Pilawa tat dennoch so, als sei er ganz ernsthaft der Meinung, diese Sendung mit ihren Ratespielchen und Unterschriften-Wettsammlungen auf „Herzblatt“-Niveau (nur nicht ganz so charmant) habe tatsächlich einen politischen Bildungsauftrag.
Zum Sieg mit der Kita-Pflicht
Über tausend Menschen hatten sich – mit je einem politischen Hauptanliegen – beworben für das Rennen um die Fernsehkanzlerschaft (und das mit dem Sieg verbundene Preisgeld von 18.000 Euro). In der Vorentscheidung waren die Kandidaten auf fünf reduziert worden, von denen sich eine, die Piratin Susanne Wiest, qua Online-Wahlkampf für das Finale qualifizierte. Wiest vertrat ihre Idee des bedingungslosen Grundeinkommens allerdings mehr als unbeholfen. Auf die Finanzierungsfrage wusste sie einzig zu antworten, es komme „nicht auf das Rechnen an“, nur auf das Wollen. Sie flog denn auch bei der ersten Abstimmung raus, gemeinsam mit dem für die Abschaffung des Erbrechts und aller Subventionen sowie für einen Spitzensteuersatz von achtzig Prozent plädierenden Sozialarbeiter Berthold Wagner.
Nachdenklich dürfte es stimmen, dass die freundliche und schlagfertige Jurastudentin Allison Jones so klar als Siegerin aus dem Casting hervorging: Sie führte von Beginn an jede Abstimmung an. Dabei war ihr Thema – und sie hatte tatsächlich nur dieses eine – gelinde gesagt obskur: Familien sollten gestärkt werden, sagte die zweiundzwanzigjährige Frau, indem nach dem ersten Jahr das Kindergeld abgeschafft werde. Dafür werde dann flächendeckend und kostenlos eine Kinderbetreuung für alle Kinder ab einem Jahr angeboten, die ab dem vierten Jahr verpflichtend sei. Die sehr richtige Nachfrage Sprengs, wie das jenen Eltern zu vermitteln sei, die – zumal jenseits des sechsten Kindesjahrs – auf das Kindergeld angewiesen seien, hatte sie nur ausweichende Antworten parat. Gewählt wurde sie trotzdem. Entweder saßen nur verzweifelte Prenzlauer-Berg-Mütter im Publikum, die nicht einmal einen der elend teuren Privat-Kita-Plätze ergattert haben, oder Kinderlose, die das mit dem Kindergeld immer schon für Verschwendung hielten.
Der heimliche Sieger: ausgerechnet der FDP-Kandidat
Am dichtesten auf den Fersen war Jones der Bayer Hans (Dampf) Burlach, der „als Konservativer“ irgendwie das Beste von Rot, Gelb und Grün entwenden wollte („Ich bin die Ampel am schwarzen Mast“), wobei ziemlich unklar blieb, was er meinte. Er nannte populistisch die Deckelung von Managergehältern bei einer Million Euro, eine vereinfachte Steuererklärung, die Reduzierung auf eine Krankenkasse sowie die Streichung von Subventionen. Ausgewählt hatte man den vierundvierzigjährigen Inhaber einer Zeitarbeitsfirma wohl vor allem wegen seines Temperaments. Das reichte, wie gesagt, für Platz zwei.
Dabei muss wohl jeder zugeben, dass das gesuchte „politische Nachwuchstalent“ tatsächlich in der Runde anwesend war, aber in der Sicht des Publikums wohl mit einem Makel behaftet: Leslie Pumm, achtzehn Jahre alt, hypereloquent, sympathisch und – feuriger Anhänger der FDP. Er ließ sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen, wich auch beherzt von der Parteilinie ab, wo es ihm geboten schien. Oliver Welke war zu Recht beeindruckt. Die Ideen, die Pumm mitbrachte, waren dabei nicht einmal sonderlich originell: Absenkung des Wahlrechts auf sechzehn Jahre und die Öffnung der Ehe für alle. Auch sein Wahlkampf mit Bier-Bike war eher kümmerlich. Aber doch war er der einzige argumentativ ernstzunehmende Kandidat. Man muss kein Prophet sein: Wenn es die FDP in fünf Jahren noch gibt und Pumm seine Überzeugungen nicht wechseln sollte, dann wird man ihn – jede Wette – sehr weit oben in dieser Partei zu suchen haben.
Einzigen Appeal verjuxt
Die Jury wollte freundlich sein. Sie stellte nur selten harte, die seltsamen Vorschläge zertrümmernde Nachfragen, sondern erging sich immer mehr in lustigen Kommentaren. Der Klamauk wurde ausgerechnet durch den „Phrasenalarm“-Knopf begünstigt. Pilawa gab den jovialen Kumpel, half beim Plakate kleben, wechselte zwischen „Sie“ und „Du“. So verjuxte die Sendung schnell den einzigen Appeal, den sie hätte haben können: ernsthaft, kontrovers und vehement über politische Ideen zu diskutieren. Aber wirklich erwartet hat das vermutlich ohnehin niemand, schließlich leistet sich das Fernsehen so etwas ja nicht einmal bei echten Politikern. Dieses – hier so schön vorgeführte – Versäumnis dürfte allerdings seinen Anteil am fortschreitenden Relevanzverlust des alten Leitmediums zugunsten sozialer Netzwerke haben, in denen Meinungsbildung ohne alle kontrollierbare Moderation betrieben wird.
Ich kann auch Kanzler - parteiübergreifend - ab 2013
Torsten Milsch (BeziehungsDoc)
- 02.05.2012, 15:37 Uhr
eine Sendung mit Maybrit Illner sehe ich mir schon lange nicht mehr an
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 02.05.2012, 07:40 Uhr
Aus dem Artikel kann man nur einen Schluß ziehen:
Hans-Jörg Rechtsteiner (hhrr)
- 02.05.2012, 07:30 Uhr