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Fernsehkritik: Heimkinderschicksale im ZDF Wo das Reden aufhört, fängt die Gewalt an

„Und alle haben geschwiegen“: Dror Zahavis Film über das Los von Heimkindern in der jungen Bundesrepublik erschüttert, ohne die Verantwortlichen populistisch anzuprangern.

© ZDF/Britta Krehl Rarer Glücksmoment: Luisa (Alicia von Rittberg) und Paul (Leonard Carow) sind aus dem Erziehungsheim geflohen. Lange währt ihre Freude nicht.

Jenseits der sechzig beginnt die Zeit der Rechenschaft. Pläne können nicht mehr aufgeschoben, Versäumnisse immer seltener nachgeholt, Versprechen müssen eingelöst oder für immer gebrochen werden. Die Psychologie sagt, dass in diesem Alter jahrzehntelang gehütete Lebenslügen aufbrechen, Traumata zurück ins Bewusstsein drängen, verschüttete Ängste wieder zum Vorschein kommen.

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Seit einiger Zeit bestätigen öffentlich ausgetragene Konflikte diese These: Die Missbrauchsskandale rund um kirchliche Institutionen und Internate wurden von ehemaligen Betroffenen dieses Alters ausgelöst, die heftigsten Vorwürfe in Antisemitismusdebatten und denen um Sinti und Roma werden von heute etwa Sechzigjährigen vorgetragen, die den Schmerz und die Schrecken ihrer Eltern und Großeltern lange erduldetet hatten. In Dror Zahavis Film „Und alle haben geschwiegen“ vertritt die Waise Sarah, geboren in Auschwitz kurz vor der Befreiung des Konzentrationslagers, diesen Personenkreis.

Blende ins Jahr 1964: Die zwanzigjährige Sarah, zerbrochen unter der Zucht von Diakonissen, bewundert stumm und hilflos die sechzehnjährige Luisa Keller, Neuankömmling im evangelischen Kinderheim in der hessischen Provinz. Diese begehrt immer wieder auf und findet in dem gleichaltrigen Paul Berghoff, einem Stotterer, ihren Freund. Die Demütigungen, die sie ertragen müssen, beider aufkeimende scheue Liebe, eine misslungene Flucht, Luisas Entkommen, Pauls bis zur Volljährigkeit dauerndes Martyrium und das Wiederbegegnen nach vierundvierzig Jahren, als beide vor einer Kommission aussagen, bilden den Hauptstrang der Handlung: Zwei von mehreren hunderttausend Kindern und Jugendlichen, die seit 1949 unter entwürdigenden Umständen in evangelischen und katholischen Heimen aufwuchsen. Gestützt auf Peter Wensierskis preisgekröntes Werk „Schläge im Namen des Herrn“, hat die Drehbuchautorin Andrea Stoll die Schicksale von Luisa und Paul gestaltet.

Blutspritzer auf weißen Kacheln

Senta Berger und Matthias Habich spielen brillant den Part der über Sechzigjährigen; Alicia von Rittberg und Leonard Carow, zwei neue Gesichter, stellen wunderbar eindringlich das jugendliche Paar dar. Überhaupt ist der Film bis in die winzigste Nebenrolle hervorragend besetzt. Birge Schade zeigt beklemmend ruhig eine Diakonisse, die erbarmungslos auf die ihr untergebenen Kinder und eigentlich auf ihr eigenes verpanzertes Dasein einprügelt. Desgleichen Anke Sevenich, deren sadistische Frömmelei frösteln lässt.

Und doch muss Marie Anne Fliegel als Heimleiterin Elisabeth hervorgehoben werden: ein wunderschönes Altersgesicht, gerahmt von weißen Haaren unter der Diakonissenhaube, gütige helle Augen, eine samtige, sanfte Stimme. Dieses Gesicht aber kann in Sekundenbruchteilen versteinern, die Stimme eisig und schneidend werden, sobald - und das macht diese Person zur Schlüsselfigur des Films - der Widerstand von Heimkindern oder der einer Doktorandin sie darauf stößt, dass die Hierarchie, der sie angehört, sie weit unter ihren eigentlichen Fähigkeiten als „Magd des Herrn“ einsetzt und gefesselt hält.

“Und alle haben geschwiegen“ ist ein stiller Film, eindrucksvoll, lang nachwirkend, weil er jede wohlfeile Entrüstung und populistisches Brandmarken vermeidet. Körperliche Gewalt wird nur in kurzen Szenen angedeutet oder auf erschütternde Chiffren wie die blutbespritzten weißen Kacheln in einer Dusche konzentriert. Umso nachdrücklicher wirkt das Schweigen in den Gängen des Heims, den Arreststuben, dem Büro der Vorsteherin, vor allem aber auf den verstörten Gesichtern der Jugendlichen.

Ein Meisterwerk, das nicht gedreht wurde

“Wo das Reden aufhört, fängt die Gewalt an“, sagt, die Philosophin Hannah Arendt zitierend, Paul Berghoff, als er sich auf Drängen Luisas doch noch entschließt, vor den Untersuchungsausschuss zu treten. Er, schon im Heim ein Büchernarr, ist Antiquar geworden. „Wieso hast du’s geschafft und ich nicht?“, fragt er Luisa bei ihrem ersten Wiedersehen. Dann erzählt er stockend, weil noch immer ein Stotterer, dass er nach der Entlassung aus dem Heim ein Jahr lang Tag für Tag im Frankfurter Hauptbahnhof vergeblich auf sie gewartet habe. Die letzte entscheidende Enttäuschung hat ihn vollends zum Seelenkrüppel gemacht.

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Erschütternd ist diese Szene. Sie zeigt in all ihrer Intensität, dass der Film - man schämt sich fast, es niederzuschreiben - als Werk der Fiktion unter der Last seines ehrenwerten Anliegens verschwindet. Das stumme Spiel, die vergebens suchenden Blicke und verschämten Gesten, in denen eine ganze ungelebte Liebe und gescheiterte Hoffnungen erzählt werden, zeugen von einem Meisterwerk, das nicht gedreht wurde. Trotzdem - ein Glücksfall an subtilem Engagement.

Und alle haben geschwiegen, heute um 20.15 Uhr im ZDF. Unter demselben Titel läuft im Anschluss (21.45 Uhr) eine halbstündige Dokumentation.

Quelle: F.A.Z.

 
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