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Fernsehkritik: „Hart aber fair“ : „Lasst mich beim Würstchenessen in Ruhe“

Frank Plasberg moderiert „Hart aber fair“. Bild: WDR/Herby Sachs

Wie viel Öffentlichkeit verträgt der Mensch? Frank Plasberg plaudert mit seinen Gästen über die schönen und die weniger schönen Seiten des Promi-Daseins.

          Nach spätestens einer halben „Hart aber fair“- Stunde wollte man Thomas Gottschalk eigentlich nur noch dies zurufen: „Lieber Herr Gottschalk, geben sie doch bitte Ihre langweilige Sendung wieder auf und stellen sich stattdessen einfach jeden Montag Abend hinter Plasbergs Talkshow-Tresen.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dort stehen dann nämlich ein paar Leute neben ihnen, es gibt sogar ein Publikum, dass sich ebenso wie der Fernsehzuschauer über ihre Schlagfertigkeit und Sätze wie: ‚Ich bin nicht so begeistert von mir, dass ich nachts, wenn ich die Kühlschranktür öffne und das Licht angeht, sofort zu moderieren beginne’, wirklich freut.

          Und wie fühlst du dich?

          Bedauerlicherweise ging es bei Frank Plasberg aber nicht um Gottschalks Zukunft. Das Thema der Sendung hieß: „Berühmt um jeden Preis – wie viel Öffentlichkeit verträgt der Mensch?“ Eingeladen hatte Plasberg neben Thomas Gottschalk auch Ross Antony (Sänger, RTL-Dschungelkönig), Mirjam Weichselbraun (Schauspielerin, Moderatorin), Ralf Höcker (Medienanwalt) und Hellmuth Karasek. Eine nette Runde, in der alle nett miteinander plauderten. Jeder durfte erzählen, wie er sich im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit fühlt.

          Und man war sich rasch einig, dass es ein schönes Gefühl ist, wahrgenommen zu werden, allerdings nur, solange man auf der Welle des Erfolgs schwimmt. Das Prominentendasein hat durchaus auch seine hässlichen Seiten. Karasek traut sich zum Beispiel nicht mehr, im Flugzeug in der Nase zu bohren, denn ein Mitreisender könnte ihn mit dem Mobiltelefon fotografieren und das Bild ins Netz stellen. Karasek möchte auch nicht, dass ihn Fremde beim Würstchenessen beobachten

          Und die Kamera ist immer dabei

          Ross Antony sieht das alles gelassener. Das Netz ist sein Leben, sein Leben ist das Netz. Vor ein paar Jahren drehte Sat1 die Soap „Ross & Paul in Love“, wobei ein Team Ross und seinen damaligen Freund Paul (der heute sein Mann ist) sechs Wochen lang bei den Hochzeitsvorbereitungen begleitete. Die Kamera war dabei, als die zwei Verliebten ihre Hochzeitsanzüge kauften. Sie war dabei, als sie sich in einer Beautyfarm rundum pflegen ließen. Und sie war auch dabei, als Ross und Paul mit Playmobilfiguren Hochzeit spielten.

          Wenn Ross Antony aufwacht, greift er sofort zu seinem Smartphone und postet auf Facebook, dass er nun wach sei und allen einen herrlichen Tag wünsche. Auf Plasbergs Frage, warum er das tue, antwortete er: es sei ein wunderbares Gefühl, dass da draußen jemand sei, er fühle sich umarmt. Prominente wir Ross Antony seien der Albtraum eines jeden Medienanwalts, sagte Ralf Höcker. Wer sein Innerstes der Welt auf einem Silbertablett präsentiert, kann es im Ernstfall nicht erfolgreich schützen lassen.

          Am liebsten mache ich Werbung für mich

          Es wäre leicht, Antony als irgendeinen Freak abzutun, dessen Definition von Privatsphäre eben bizarr ist. Aber Antony ist das perfekte Beispiel dafür, wie sich zwei Welten immer mehr ineinanderschieben, bis sie irgendwann deckungsgleich sind. Anstatt Antonys wunderbare Vorlage zu nutzen, um sich darüber Gedanken zu machen, wie viel Öffentlichkeit ein Mensch tatsächlich verträgt, bis er nur noch ein Werbeträger seiner selbst ist, ließ Plasberg das Gespräch weiter vor sich hin plätschern, wobei man neben Gottschalk am liebsten noch Karasek zuhörte, der seine Gedankengänge leider nur selten ausformulieren durfte.

          Diskussion ohne Erkenntnisgewinn

          Es ist nicht so, dass die Sendung langweilig gewesen wäre, es kam nur keine Diskussion in Gang, mit der man nach der Sendung eine Art Erkenntnisgewinn hätte verknüpfen können. Es erschloss sich einem auch nicht so recht, weshalb die Abiturientin Sylvia Hamacher, die im Internet und auf dem Schulhof von Mitschülern derart gemobbt wurde, dass sie sogar suizidale Gedanken hegte, ihr Schicksal ausbreiten sollte. Internet-Mobbing gehört in seiner unglaublichen Brutalität eher nicht zu jenen Themen, die sich als Randaspekt abhandeln ließen. Aber um Tiefe geht es im Fernsehen ja sowieso selten. Dabei wäre eine fünfundsiebzigminütige Sendung eigentlich der ideale Ort dafür. Stattdessen wurde Karasek noch ein iPad in die Hand gedrückt. Die Aufgabe: er sollte Ross Antonys Geburtsort herausfinden. Er hat es geschafft.

          Quelle: F.A.Z.

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