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Debüt „Halbschatten“ im Ersten : Nicht erzählen, nur schauen

  • -Aktualisiert am

Ihr Liebhaber ist nicht da, seine Kinder geben sich feindselig: Merle (Anne Ratte-Polle) hat sich die Zeit in Südfrankreich anders vorgestellt. Bild: WDR

Das gelungene Filmdebüt von Nicolas Wackerbarth erfüllt keine Erwartungen. Stattdessen verlangt „Halbschatten“ seinen Zuschauern viel ab: Geduld, genaues Hinschauen und Abschiednehmen von allen Fernsehkonventionen.

          Sommerzeit ist die Zeit der Flaute für neue Fernsehproduktionen. Dafür gibt es Reihen wie das „Sommerkino im Ersten“ oder das „Filmdebüt im Ersten“. Letztere zeigt mitunter Filme, die außerhalb der Freibadsaison den Weg ins Programm kaum finden würden. „Halbschatten“, das Langfilmdebüt von Nicolas Wackerbarth (Buch und Regie), ist ein solcher Film. Bewusst verzichtet er auf die übliche Dramaturgie, setzt stille Beobachtungen, filmische Ausforschung von Bewegungen und Bildern, selbst das Rauschen des Windes in den Blättern und das Gebell eines Hundes in den Mittelpunkt einer Handlung, die sich ein wenig, aber nicht allzu weit entwickelt. Gesprochen wird hauptsächlich Französisch mit deutschen Untertiteln.

          „Berliner Schule“ heißt das Stichwort, und cineastisch interessierte Zuschauer werden damit etwas anzufangen wissen. Gleichwohl braucht man keine filmästhetische Vorkenntnis, um sich in der Nichterzählung von „Halbschatten“ zu verlieren. Die Hauptfigur ist Merle (Theaterschauspielerin Anne Ratte-Polle), die im südfranzösischen Ferienhaus ihres Liebhabers Romuald nicht den Mann, aber dessen halbwüchsige Kinder trifft. Schon die Ankunft Merles verweigert dem Zuschauer das Versprechen auf schön abgefilmte Ferientage an der Côte d’Azur. Merle läuft den Weg zum Haus von der Stadt aus hoch. Der Himmel ist bedeckt, der Wind, wahrscheinlich der Mistral, streicht durch Büsche und Bäume. Niemand öffnet, als sie am schweren Holztor klingelt. Ein Rennradler fährt vorbei. Sie telefoniert, ohne Ergebnis. Lässt die Reisetasche zu Boden gleiten, dann auch die Handtasche. Geht in den Büschen pinkeln und verpasst so fast den Hausmeister, der sie zwar einlässt, aber auch die Hoffnung auf Romualds baldige Ankunft zunichtemacht.

          Genötigt, die Halbtotalen auszuforschen

          Später kommen Emma (Emma Bading) und Felix (Leonard Proxauf) aus dem Strandbad. Sie verhalten sich unfreundlich und feindselig. Auch Merle ist abwartend, schaut ihnen zu, forscht das Ferienhaus mit seinen Gegenständen und Designerstücken aus, probiert später die Rolle der Fürsorglichen, wartet weiter, schreibt inzwischen an einem Buch, wird in der Konditorei beleidigt, von einer Boutiquenbesitzerin peinlich und unhöflich behandelt und bewirtet Nachbarn, die sich ausgesperrt haben (eine wird gespielt von Maren Kroymann). Romuald kommt nicht, und er ruft auch nicht an.

          „Halbschatten“ stellt neben Merles Warten das Haus als Ort der Möglichkeiten von Glück und Unglück in den Mittelpunkt. Entscheidend an diesem Film, der im Forum der Berlinale 2013 uraufgeführt wurde, ist, dass er genau jene Szenen zeigt, die man zwar als unerheblich für den Handlungsfortschritt ansehen kann, die aber gleichwohl mit all ihren Halbtotalen und statischen Kameraeinstellungen (Bildgestaltung Reinhold Vorschneider), die man auszuforschen visuell geradezu genötigt wird, den inneren Erzählfortschritt evident machen.

          Die Nachbarn Daniel (Lou Castell) und Olga (Nathalie Richard) kommen vorbei, der Erwartete Romuald nicht.

          Wackerbarth „wollte sehen, was passiert, wenn Filmaufnahmen, die für gewöhnlich dem Schnitt zum Opfer fallen, ins Zentrum einer Erzählung rücken: Momente, in denen jemand alleine ist, in denen ein stummes Selbstgespräch geführt wird, in denen der Druck, den gesellschaftliche Erwartungen einfordern, aufkommt.“ Merle, vielleicht Ende dreißig, nicht mehr ganz jung, aber auch nicht alt, ist eine Flaneurin im eigenen Leben, eine Beobachterin und Selbstbeobachterin, die sich auf vorgefundene soziale Rollen (noch) nicht festlegen mag. Sie experimentiert mit ihrem Leben wie der Film mit dem Verlauf der Zeit. Auch neben ihrem Liebesverlangen scheint sie wie selbstvergessen und selbstverloren staunend zu stehen.

          Den betreuenden Redakteuren (Andrea Hanke vom WDR und Georg Steinert von Arte) sei dafür gedankt, dass es wenigstens im Sommerfernsehen einmal eine Produktion zu sehen gibt, die keine sichere Bank für die Erfüllung von Zuschauererwartungen ist. Sie verlangt einem einiges ab, vor allem Geduld und genaues Hinschauen. Das stille Vergnügen, bei dem sich Kopflastigkeit und sinnlicher Eindruck die Waage halten, ist jedoch beträchtlich.

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