12.03.2009 · Nur Stunden nach dem Amoklauf von Winnenden versuchen Frank Plasberg und seine Gäste bei „Hart aber fair“, Erklärungen für die Morde zu finden. Von Ballerspielen war die Rede, vom Internet, von Schulpsychologen und überforderten Lehrern. Auf der Suche nach Motiven hilft es, Schülern zuzuhören.
Von Tobias RütherDie Weisheit eines Verstorbenen geistert an diesem traurigen Mittwoch abend durch das deutsche Fernsehen. Erst bekommt man sie im ZDF zu hören, von Steffen Seibert: „Wir sollten“, liest der Moderator am Ende seiner Live-Sendung zum Amoklauf von Winnenden vor, „unsere Ratlosigkeit nicht zu überspielen versuchen mit scheinbar naheliegenden Erklärungen. Wir sollten uns eingestehen: Wir verstehen diese Tat nicht. Wir werden sie - letzten Endes - auch nie völlig erklären können.“
Drei Stunden später zitiert Frank Plasberg diese Worte noch einmal, am Ende seiner Sonderausgabe von „Hart aber fair“ in der ARD. Das erste Mal waren sie im Mai 2002 im Dom von Erfurt gefallen, bei der Trauerfeier für die Toten vom Gutenberg-Gymnasium. Der damalige Bundespräsident Johannes Rau hatte sie ausgesprochen.
„...scheinbar naheliegende Erklärungen“
Jetzt, ziemlich genau sechs Jahre später, am Tag eines abermaligen Amoklaufs, gelten sie wieder. „Wir sollten unsere Ratlosigkeit nicht zu überspielen versuchen mit scheinbar naheliegenden Erklärungen“, hatte Rau also damals gesagt. Aber Frank Plasberg, der auf die übliche Schlussrunde seiner Show verzichtet, um dem Bundespräsidenten das letzte Wort zu geben, hört leider nicht so recht darauf. Und seine Gäste auch zu selten.
Einen Politiker hat der Moderator in seine Sendung eingeladen, einen Kriminologen, einen Journalisten, eine Psychologin, zwei Schüler und eine Mutter. Alle Elemente sind also zusammen, aus denen man irgendwie eine Erklärung für die Tat des jungen Tim K. zusammensetzen könnte, bis langsam ein ungefähres Bild entsteht, nichts Amtliches, ein Holzschnitt.
Aber im Eifer der Sprachlosigkeit, betäubt von den Bildern, ermutigt von biografischen Halbinformationen über den Täter, sagt der Kriminologe über den Vater von Tim K.: „Wie sieht der Erziehungsstil eines Waffennarrs aus?“ Will der Schüler mehr Geld für Schulpsychologen, auch wenn es an der Albertville-Realschule von Winnenden so einen Psychologen gibt. Fordert der Kriminologe wiederum mehr Geld für Lehrer und kriegt dafür genauso viel Applaus. Redet die Psychologin psychologisch: von „Bullying“, „Risikofaktoren“, „Warnsignalen“.
„Dunkle Weiten des Internets“
Und nicht mal fünf Minuten sind von „Hart aber fair“ vergangen, als schon vom Internet gesprochen wird, und bald von Computerspielen, und dann wieder von den „dunklen Weiten des Internets“ (Plasberg), und danach immer wieder und bis zum Schluss von Computerspielen. Ein Glück, dass vor der Sendung eine Zeitung berichtet hatte, Tim K. habe in seiner Freizeit ständig Ballerspiele gespielt. Ein anderer Schüler hatte das behauptet. So gibt es zumindest so etwas wie eine Zeugenaussage für einen vagen Verdacht: dass die Bluttaten von Winnenden beeinflusst sein könnten von Ballerspielen.
Vor drei Jahren, als in Emsdetten auf Schüler und Lehrer geschossen wurde, hatte Plasberg schon einmal zu einer Runde eingeladen. Auch damals war Christian Pfeiffer dabei gewesen, genauso wie Tom Westerholt vom WDR-Radio EinsLive, der in einem Einspieler zu sehen war. Westerholt bemühte sich auch jetzt wieder darum, Computerspiele, Jugendschutz, berechtigte Sorge und falsche Panik auseinanderzuhalten.
Hektisch - statt über Ängste zu reden
Was allerdings schwer ist, wenn händeringend nach Antworten gesucht wird - und besorgte Eltern E-mails in Plasbergs Sendung schicken, ihre Tochter liege an diesem Mittwochabend weinend im Bett, könne nicht schlafen, wolle morgen nicht in die Schule, wegen Winnenden. Hätte man nicht von dort weiter gehen können? Und weiterreden können über die Ängste der Kinder, die Hölle, jung zu sein und nicht dazuzugehören? Vollkommen weg von Technik und Unterhaltungselektronik, weg vom aktuellen Fall, der wie jeder Mordfall nach einem Motiv schreit? Und dafür entlang der uralten, unsichtbaren Linien, die Menschen, egal wie alt sie sind, nach drinnen und draußen trennen?
Aber dazu geht es zu hektisch zu an diesem Abend bei „Hart aber Fair“. Dazu müssen zu schnell Meinungen her, Gesetze geprüft, Gelder verteilt werden. „Auf Dauer darf die Politik davor nicht die Augen verschließen“, dieser Satz, eine Floskel erster Güte, fällt mehrmals. Und dann versucht Plasberg auch noch, die drei Jahre alte Kritik aus der Welt zu schaffen, seine Redaktion sei in der Sendung nach dem Emsdettener Amoklauf fahrlässig mit der Welt der Computerspiele umgegangen.
Deswegen zeigt er jetzt Bilder aus „Counter-Strike“, die er damals nicht gezeigt hat, wie zum Beweis, dass „Hart aber fair“ nichts unbegründet skandalisiert habe. Was hat das an diesem Abend in dieser Sendung zu suchen? Zweimal nur wird es leise. Einmal sagt Johannes Struzek, einer der beiden Schüler, die Plasberg eingeladen hat, er ist neunzehn Jahre alt: Oft wünschten sich Jugendliche, ihre Sorgen weder den Lehrern noch ihren Eltern erzählen zu müssen, weil die dann nachhaken und immer wissen wollen, wer der Schuldige ist. Da klang der junge Johannes, auf seine Weise, wie der alte Johannes, der Bundespräsident war.
Die Geschichte eines Schülers
Und dann befragt Frank Plasberg, wie wohl nur er es im deutschen Fernsehen kann, den jungen Nepomuk. Der kam vor einigen Jahren mit seiner Familie aus Hamburg nach München, in eine vierte Klasse, und wurde von seinen Klassenkameraden gehänselt. Getreten. Beschimpft. Geschlagen. Am Anfang, sagt er, waren es nur „die coolen Jungs“, dann auch die Mädchen, die fanden das lustig. Was warst du für einer, fragt Plasberg. Ein Außenseiter, sagt Nepomuk, „die waren anders als ich, ich war still.“ Der einzige Freund, den er hatte, sei zu den anderen übergelaufen, habe sich nicht mehr mit ihm sehen lassen wollen: Der hatte Angst davor, allein zu sein, sagt Nepomuk. Seine Noten gingen in den Keller, aber das war nur das Geringste: Als Nepomuk dann auf eine Privatschule wechselte, hatte er alles Vertrauen verloren. Heute ist er siebzehn und versucht einen Abschluss auf der Fachoberschule.
Vielleicht hat Nepomuks Geschichte gar nichts mit Winnenden zu tun. Vielleicht ganz viel. An einem Abend aber, wo die Nerven so blank liegen, nicht gemeinsam auf einen Computermonitor zu starren, weil dort irgendwo im Bild die Fehler versteckt sind, sondern einer Geschichte zuzuhören: Das half.
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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