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Fernsehkritik Drei Oberlehrer und ein Hilfsschüler

17.01.2007 ·  „Kabarettisten an die Macht“: Das forderte gestern Abend die Runde bei Sandra Maischberger. Gut, dass es dazu nicht kommen wird: So eitel und zänkisch wie unsere Politiker sind unsere Kabarettisten schon lange. Die FAZ.NET-Fernsehkritik von Jörg Thomann.

Von Jörg Thomann
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Es gehört zu den angenehmen Merkmalen der Demokratie, dass jeder die Regierenden kritisieren darf, ohne den Beweis antreten zu müssen, es besser machen zu können. Das Recht, über die Gesundheitsreform zu lästern, müssen wir uns nicht dadurch erkaufen, dass wir höchstselbst Konzeptpapiere entwerfen, zäheste Gremiensitzungen durchstehen und unsere Ideen gegen unwillige Koalitionspartner verteidigen. Ganze Berufsgruppen leben davon, vermeintliche Wahrheiten ungeprüft in den öffentlichen Raum zu stellen. Dazu gehören die Journalisten, allen voran die politischen Leitartikler, und ebenso die Kabarettisten.

„Kabarettisten an die Macht!“: Dieser Ausruf als Motto der gestern Abend ausgestrahlten Maischberger-Runde war natürlich ironisch gemeint. Die Machtfrage haben die Geladenen jeder für sich längst geklärt: Sie haben keine Macht, doch immerhin oft die Lacher auf ihrer Seite und dabei ein ordentliches Auskommen. Letzteres gilt beileibe nicht für alle Politsatiriker, wohl aber für die vier Maischberger-Gäste, mit denen die ARD ihre Hauskabarettisten versammelte: die „Scheibenwischer“-Stammbesetzung mit Bruno Jonas, Mathias Richling und Richard Rogler sowie Uwe Steimle, der zwar nicht als Kabarettist, aber als NDR-„Polizeiruf“-Kommissar in Diensten des Senders steht. Regieren möchten diese vier nicht, schon gar nicht gemeinsam. Für das Land ist das, wie die gestrige Sendung bewies, ein großes Glück.

Grundschüler auf dem Abi-Ball

Anders als die Politiker, so Richling, „wissen wir, was wir nicht können“. Es war einer der wenigen Momente, in denen so etwas wie Selbstkritik aus dem Gespräch herauszuhören war. Mit Hildebrandts „Scheibenwischer“-Erben saßen drei in sich selbst ruhende, graumelierte Herren in feinem schwarzen Zwirn der Moderatorin gegenüber, die keinen Zweifel daran ließen, wer hier die Platzhirsche waren und wer das Reh. Neben den Kollegen wirkte Steimle im knallbunten Hemd und Jeans wie der Grundschüler, der sich auf den Abi-Ball verirrt hat - ein Eindruck, der sich unglücklicherweise jedesmal bestätigte, wenn er den Mund aufmachte.

So schwärmte der Sachse Steimle von den 60.000, die gerade wieder „zu Karl und Rosa“ gepilgert seien, und konstatierte, dass „Kommunismus und Kirche nicht weit voneinander entfernt“ seien - was ihm vom geläuterten Maoisten Rogler eine Rüge einbrachte: „Kommunismus ist ein Verbrechen.“ Zum Thema Rauchverbot fiel Steimle auf, dass es in diesem Lande viel einfacher sei, „das Rauchen zu verbieten, als Neonazis“. Da staunte nicht nur Jonas darüber, „was du für Kausalitäten aufstellst“.

Die richtige Haltung

Der haarsträubende Unsinn, den Steimle verzapfte, war nicht nur für die Kollegen schwer erträglich - und wirkte dennoch fast erfrischend neben den abgeklärten Auslassungen von Richling, Rogler und Jonas. Edmund Stoiber wurde ein versöhnlicher Abschied bereitet (Jonas: „Man vermisst ihn jetzt schon“) und Ulla Schmidt von Richling, der sie meisterhaft zu parodieren vermag, dafür gelobt, dass sie auch ohne Kameras über sich lachen könne. Rogler wiederum pries Guido Westerwelle, der ein „Freak“ sei: „Ich finde den wirklich gut, der fällt zumindest noch auf.“ Jonas durfte sich in einem Einspielfilm ansehen, wie er vor zwanzig Jahren gegen Kernkraftwerke wetterte, und dies als Beweis dafür werten, damals wie heute die richtige „Haltung“ zu besitzen. Lobende Worte für sich selbst als kritisches Individuum fand auch Rogler: „Ich passte schon als Schüler nirgendwo rein.“ Zumindest bei Maischberger hatten sie gottlob alle ihren Platz gefunden; zwischen den Stühlen saß hier niemand.

Der gutgelaunten Moderatorin stand auch nicht der Sinn danach, ihre Gäste mit unbequemen Fragen, etwa nach dem stolzen Altersdurchschnitt der bekanntesten deutschen Kabarettisten, zu stören - so wie es keinem der Berufsspötter einfiel, eine Spitze zum aktuellen Jauch-Theater der ARD abzuschießen, in dem Sandra Maischberger noch eine gewichtige Rolle zufallen könnte (siehe auch: ARD entwickelt Pläne für Sandra Maischberger, Frank Plasberg und Anne Will). Nur kurz angeschnitten wurde das heikle Thema Islam; auf Maischbergers Frage, ob man darüber „Spaß“ machen dürfe, gerierte sich Richling als empörte Kleinkunst-Diva: „Es geht nicht darum, Spaß zu machen!“ Als ob sich seine Ulla-Schmidt-Parodien nur als strenge Satire statt als purer Spaß goutieren ließen.

Unser Öl in Nahost

Als Sympathieträger taugt, wer sich die Besserwisserei zum Beruf erkoren hat, nur bedingt. Bezeichnend waren die Reaktionen der Kollegen auf die Äußerungen Steimles, die sich vom Kopfschütteln übers Aufstöhnen bis zu hämischem Gelächter steigerten. So wagte es Steimle, sich gegen Windräder und für Atomkraft auszusprechen. „Die ganze Anti-Atombewegung hat er nicht mitgekriegt“, kommentierte Rogler im gönnerhaft-mitleidsvollen Ton des Lehrer-Veteranen, der den Hilfsschüler rügt. Auf Ablehnung stießen auch Steimles Thesen zur Energiekrise, wonach - wenn wir einigermaßen folgen konnten - Russen und Weißrussen gemeinsam den Öl-Zapfhahn zudrehen, damit Deutschland wieder Kernkraftwerke baut, während es auch im Nahen Osten nicht um Religion, sondern nur um Rohstoffe geht, dort ist schließlich „unser Öl“, es sind ja unsere Steuergelder, die direkt vom Bundestag nach Amerika gehen, und weil sich Russland und Iran so gut verstehen... nein, tut uns leid - wir konnten doch nicht folgen.

Der Höhepunkt aber kam zum Schluss. Da warf Steimle dem „Scheibenwischer“ vor, „manchmal auch Staatskabarett“ zu sein, weil gewisse Leute nicht eingeladen würden, und für einen Moment sah es aus, als würde sich Richling seines edlen Jacketts entledigen und über den Tisch springen wollen. Statt dessen höhnte er nur: „Du willst zu uns kommen!“ Was Steimle auch gar nicht abstritt, worauf wiederum Richling erklärte, ihn längst eingeladen zu haben - doch „du hast uns abgesagt“. Dieses kleine Fegefeuer der Eitelkeiten dürfte den Politikern der Regierungsparteien, so sie diese Sendung gesehen haben, Genugtuung verschafft haben: Sollen die Kabarettisten doch weiter über die große Koalition lästern. Sie selbst bekommen ja nicht einmal eine kleine hin.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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