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Fernsehkritik: „Die letzten dreißig Jahre“ : Der Marxismus von München

Mitte der siebziger Jahre büffelt Resa (Rosalie Thomass) Paragraphen, Oskaer (David Rott) verfasst revolutionäre Flügblätter. Die beiden sind nur ein flüchtiges Paar Bild: WDR

Arte zeigt einen atmosphärisch überzeugenden Film, der die vergangenen drei Jahrzehnte im Westen der Republik Revue passieren lässt. Um Revoluzzer, die sich anpassen, geht es, und um Träume, von denen nichts blieb. Der Jargon stimmt, die Historie nicht immer.

          An seinen fragwürdigen Stellen hat dieser Film nicht immer Glück. Aber selbst seine Schwächen nehmen noch für ihn ein. Denn seine Atmosphäre stimmt seltsamerweise auch in jenen Szenen, in denen Handlungslogik, Figurenzeichnung, Verhaltens- oder Gefühlsplausibilitäten nicht wenig auf der Strecke bleiben. Aufs Ganze gesehen und mit Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ gesprochen, sind „Die letzten dreißig Jahre“ jedenfalls ein kleines „Generalsekretariat der Genauigkeit und Seele“ geworden.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass man nicht einmal umhinkann, der Pressemitteilung des Senders beizupflichten, darf natürlich nicht gegen diesen Film verwendet werden: Er sei „mit leichter Hand“ erzählt, lässt Arte wissen und hat sehr recht damit. Dass sich in ihm nicht wenige der heutigen Früh- und Mittfünfziger zumindest teilweise wiederfinden werden, kommt hinzu. Dass sie es frei von fahler Nostalgie tun können, ist keineswegs unangenehm.

          Vor der Tür der Bäckersleute Schade im oberbayerischen Traunstein hat Tochter Resa ihr erstes Auto abgestellt und den gebrauchten, cremefarbenen Renault R4 bis weit übers Dach hinaus bepackt. Klar, dass Vater Sepp vor Seitenwind warnt, klar, dass Mutter Annemarie noch mit einem Korb voller Viktualien kommt und auf Resas Frage, ob sie glaube, in München gebe es nichts zu essen, gar nicht erst antwortet.

          Zu Anfang der achtziger Jahre trägt Oskar (David Rott) die Haare schon etwas kürzer. Umso heftiger agitiert er bei den Demonstrationen gegen die Startbahn West
          Zu Anfang der achtziger Jahre trägt Oskar (David Rott) die Haare schon etwas kürzer. Umso heftiger agitiert er bei den Demonstrationen gegen die Startbahn West : Bild: © WDR/Odeon Pictures GmbH/Thekla

          Dankbare Nebenrollen

          Spätsommer 1974: Es sind zwar nur gut hundert Kilometer bis in die Landeshauptstadt, aber die Schades wissen genau, dass ihre Tochter nun in eine andere Welt aufbricht - für beides, für ihren Stolz und ihre Besorgnis, finden die Schauspieler Andreas Giebel und Agathe Taffertshofer auch in späteren Familienszenen die richtigen Worte und Gesten - dankbare Nebenrollen, die bestens, also frei von Karikatur oder Klischee, bewältigt werden.

          Jura wird Resa vom Wintersemester 74/75 an studieren. Dass sich Juristen „innerhalb des herrschenden Systems bewegen“, erfährt sie alsbald von Mitgliedern der „Roten Zellen“, die ihre erste Vorlesung sprengen, weil der Professor, der Vertragsrecht doziert, einst Mitglied der Waffen-SS war. Ruth Toma hat das Drehbuch geschrieben. Gut möglich, dass sie, aus der ostbayerischen Oberpfalz stammend, der Resa des Films Teile ihrer eigenen Biographie mit auf den Weg gegeben hat, gut möglich auch, dass der ebenfalls 1956, aber in Frankfurt am Main geborene Regisseur Michael Gutmann gleich selbst Pate stand für die Figur des linksradikalen Studenten Oskar, mit dem die mindestens noch halbbrave und naivneugierige Resa zunächst allerdings nur eine kurze Affäre hat.

          Zwischen Klassenkampf und Innerlichkeit

          Viel wichtiger als jeder biographische Bezug ist jedoch das Stimmige des universitären Ambientes jener Zeit. Von der Marxismus-Schulung in Politischer Ökonomie bis zum Kaffeefilter aus Melitta-Plastik in der Wohngemeinschaft, vom Hektographen fürs Vervielfältigen der Flugblätter bis zu den Accessoires eines Campingurlaubs in der zweiten Hälfte der Siebziger: so ist es durchaus (auch) gewesen damals. Und so wie Rosalie Thomass und David Ross das ungleiche Pärchen spielen, gaben sich weiland viele jungen Leute - und sie benutzten auch just jenen Jargon zwischen Klassenkampf und Neuer Innerlichkeit, der in diesem Film authentisch und wie nebenhin gesprochen wiederkehrt.

          Dessen fragwürdige Stellen aber häufen sich mit der Eskalation des Konflikts um die Startbahn West des Frankfurter Flughafens in den Jahren 1980 und 1981. Dass sich der immer noch ziellos radikale Fabrikantensohn Oskar wegen seiner Probleme mit der Polizei an die nun bereits staatsexaminierte Resa wendet und die beiden deshalb vorübergehend zueinanderfinden: gut, schön und plausibel.

          Zwei Jahrzehnte lang spurlos verschollen

          Aber dass Resa jetzt noch wegen einer fünf, sechs Jahre zurückliegenden Lappalie dem inzwischen längst außer Kraft gesetzten Radikalenerlass von 1972 unterworfen wird und nicht mehr Beamtin, also Richterin, werden darf: das ist nicht nur hanebüchen unrealistisch, es stimmt schlichtweg nicht. Dass Oskar so plötzlich wie wortlos aus der gemeinsamen Wohnung verschwindet und dann mehr als zwei Jahrzehnte spurlos verschollen bleibt, ist nur so lange glaubhaft, wie der Film die Fiktion eines Abtauchens in den Terrorismus aufrechterhalten kann - und das schafft er, bevor die Koda anhebt, kaum fünf Minuten lang.

          Der letzte Teil spielt 2006. Barbara Auer ist nun die engagierte Umwelt-Anwältin Resa, August Zirner der aalglatte Politkarrierist Oskar im Düsseldorfer Wirtschaftsministerium und im Umfeld der CDU. Dank dieser beiden Mimen findet der Film auch für das späte Wiederbegegnen eine berückende Atmosphäre. Wie in Sachen Radikalenerlass sieht man Drehbuch und Regie auch jetzt manch hochgradig Unwahrscheinliches nach. Ob da nicht doch ein wenig Nostalgie obwaltet?

          Die letzten dreißig Jahre läuft heute um 20.15 Uhr bei Arte

          Quelle: F.A.Z.

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