08.07.2007 · Die Tour de France hat begonnen - und ARD und ZDF berichten live und im geplanten Umfang, trotz der jüngsten Doping-Enthüllungen. Das Ergebnis: eine kuriose Berichterstattung. Tilmann Lahme hat sie verfolgt.
Von Tilmann LahmeWas macht eigentlich ein Synchronschwimmer, wenn sein Partner ertrinkt? Andere, leichtere Frage: Was machen ARD und ZDF, wenn die Tour de France beginnt? Übertragen, live und im Umfang von 89 Stunden, wie geplant eben, trotz aller Doping-Enthüllungen und Skandale. Man dürfe den Sport ja schließlich in diesen schweren Zeiten nicht im Stich lassen, heißt es.
Gestern begann die Tour de France, diesmal mit einem Ausflug nach England, wo der Prolog, ein kurzes Zeitfahren, durch London führte. Das Erste ging gegen 17 Uhr auf Sendung und bemühte sich, die Frage zu beantworten, wie man von einer Tour, der der Wind eines Doping-Generalverdachts modrig ins Gesicht weht, sportlich berichten soll. So recht wusste man es auch nicht - und übte sich in Doping-Geißelung.
Distanzierung von sich selbst
Jeder mochte da nicht mitmachen. Monica Lierhaus etwa, als Moderatorin eingeplant, ging lieber in Deckung und sagte ihr Mitwirken kurzfristig ab (siehe: Die „Tour“ in der ARD). Michael Antwerpes, der Sportchef des Südwestrundfunks, der für die Übertragung der Tour de France verantwortlich ist, konnte sich der heiklen Lage weniger leicht entziehen. So drückte er also allein durch die Wahl seiner Kleidung (grau geringelter Strickpulli) sein Unbehagen und gleichsam eine Distanzierung von sich selbst aus. Für den „Mythos Tour de France“ lohne es sich zu kämpfen, so Antwerpes autosuggestiv. Also los.
Muss man noch erwähnen, dass man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, bei ARD und ZDF, jahrelang von Doping nichts wissen wollte? Dass die Berichterstattung von der Tour eher etwas Fan-Haftes als etwas Journalistisches hatte? Dass Doping als Quotenkiller gemieden wurde, wie es nur ging? Dass die ARD ihre Distanz schließlich gänzlich aufgab, als Sponsor auftrat, ihr Radsportmoderator Hagen Boßdorf Jan Ullrich bei seiner Autobiographie die Feder führte und auch noch Prämien an den des Dopings überführten Ullrich zahlte, damit dieser Interviews gewährte?
Ein gewaltiger Schritt
Es schadet jedenfalls nicht, sich all das vor Augen zu halten, um ermessen zu können, wie gewaltig der Schritt ist, der nun getan wird: Man sieht die Tour de France - und hört nur von Doping. Nein, einen Generalverdacht gebe es nicht, erklärten die beiden Kommentatoren, Florian Naß und Florian Kurz, zu Beginn der Übertragung zwar, die Ansicht, das ganze Feld bestünde nur aus gedopten Fahrern, sei ihnen fern. Sie handelten nicht danach. Jeder Fahrer wurde mit seiner persönlichen Dopingvergangenheit vorgestellt, alle Verdächtigungen wurden geboten, das Thema Doping legte sich wie Mehltau über die Kommentierung des Zeitfahrens. Selbst den deutschen Fahrer und Mit-Favoriten Andreas Klöden trafen böse Worte, hat er doch nicht nur das Team T-Mobile, in dem er die führende Rolle hätte übernehmen können, in Richtung Kasachstan verlassen (zum höchst verdächtigen Team Astana), sondern verhält sich auch sonst dem Thema Doping gegenüber so trotzig wie ein Zweijähriger. Über ihn und seine Haltung wurde gesagt, was zu sagen ist: nichts Gutes.
Nur: Warum dann überhaupt live berichten, wenn man dem Gezeigten ohnehin nicht trauen mag? Und wird das in den kommenden Tagen so weiter gehen, Tag für Tag? Der Verdacht radelt mit, jedes muskelbepackte Bein weckt die Assoziation an Verbotenes anstatt an fleißiges Training? Und warum dann live mitfiebern? Um so kurioser wirkten die Ausflüge ins Landeskundliche, statt Wein, Käse und französischen Schlösschen diesmal Big Ben und Königin Victoria. Ein Filmkünstler, auf der Suche nach der Wahrheit im Rad-Zirkus, hätte die Mischung aus kritischem Dopingbericht und unbedarftem Geplauder kaum besser arrangieren können - auch wenn er sicherlich Höhepunkte des Geplauders aus der Ära Watterott in den kritischen Teil hineinmontiert hätte.
Zuschauer gegen „Dopinghetze“
Das ist es auch, was traurig stimmt: Die heutigen Kommentatoren, die ihre irgendwie aussichtslose Sache gar nicht schlecht machen, halten die Köpfe hin. Wirklich konsequente öffentlich-rechtliche Katharsis wäre aber folgendes: Herbert Watterott, Jürgen Emig und Hagen Boßdorf müssten statt Nass und Kurz von der Tour 2007 berichten - Boßdorf könnte damit gleich zugleich die 300.000 Euro Abfindung abarbeiten, die er von der ARD als geschasster Sportkoordinator bekommen hat, ungerechtfertigt, wie selbst die ARD nun seit der jüngsten Stasi-Enthüllungen über den IM Boßdorf weiß.
Bedingung: Doping muss in mindestens jedem zweiten Satz vorkommen. Die radbegeisterten Zuschauer würde das nicht erfreuen, aber das tut, nach Ausweis des ARD-Online-Forums, die derzeitige Berichterstattung ja auch nicht. Die „Dopinghetze“, wie es dort heißt, erzürnt viele, fast alle, die sich äußern. Sie können ja zu Eurosport wechseln. Dort wird der Quotenkiller Doping nach wie vor ungern beim Namen genannt.