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Fernsehkritik : Bushido kuscht vor Alice Schwarzer

  • Aktualisiert am

Maischberger-Vertretung Alice Schwarzer Bild: WDR/Max Kohr

Über „Sex ohne Liebe“ und die verrohte Jugend wollte Alice Schwarzer gestern abend reden, und zwar mit dem Hip-Hop-Star Bushido. Doch der Gangsterrapper kniff. Ihn vertrat ein Kollege namens King Orgasmus One - und bot ein Bild des Jammers. Von Jörg Thomann.

          Es hätte ein reizvolles Duell werden können. „Früher, härter, unromantischer: Sex ohne Liebe?“ lautete das Thema der gestrigen Maischberger-Runde, die Moderatorin wurde vertreten durch Alice Schwarzer, und geladen war ein Mann, der zu den populärsten wie umstrittensten Musikern hierzulande zählt: der Rapper Bushido.

          Bushidos Texte sind drastisch und erzählen von Gewalt, Gangs, Drogen und Huren - so wie sich der unbedarfte Junghörer den Alltag eines Gangsterrappers vorstellt, selbst wenn dieser, wie Bushido, ein ehemaliger Gymnasiast aus dem bürgerlichen Berlin-Tempelhof ist. Viele Songs reihen einen Kraftausdruck an den nächsten, zelebrieren eine Sexualität, in der die Frau nur als für sämtliche Spielarten verfügbares Lustobjekt auftaucht, und landeten auf dem Index. Was Bushido interessanter macht als andere Hip-Hopper, ist die Tatsache, dass er kein Dummkopf ist; in Interviews zeigt er sich eloquent, charmant und gegen Angriffe gut gewappnet. Hält ihm jemand seine gewaltverherrlichenden, sexistischen Texte vor, so entgegnet er, dass er den Leuten nur gebe, was diese wollten: Sie sollten seine Musik bloß nicht mit dem wahren, mit ihrem eigenen Leben verwechseln. Reichlich viel verlangt von den verunsicherten, pubertierenden Jungs aus sozial schwachen Milieus, die die wohl wichtigsten Kunden der Gewaltrapper sind.

          Du nichts, ich Mann

          So sind die von Bushido und Konsorten gepflegten Unflätigkeiten längst schon in Grundschulen gängiges Vokabular, worunter vor allem die jungen Mädchen zu leiden haben. Und wie gerne hätte man gesehen, ob und wie sich der Jungrüpel gegen die Mutter aller deutschen Feministinnen hätte behaupten können. Doch Bushido sagte in letzter Minute ab; er hatte, wie es Schwarzer im Jungmännerjargon ausdrückte, „nicht die Eier gehabt“. An seiner Statt saß ein Mann in der Runde, der sich den Künstlernamen „King Orgasmus One“ verliehen hat. Manuel Romeike, so sein richtiger Name, ist kommerziell deutlich weniger erfolgreich als Bushido, lässt den prominenteren Kollegen in Sachen Frauenfeindlichkeit aber weit hinter sich: „Orgi Pörnchen 2 - Das Auge fickt mit“, „Fick mich... und halt Dein Maul!“ und „Du nichts, ich Mann“ lauten Titel seiner Werke, die noch einigermaßen zitierfähig sind. Frauen werden bei „King Orgasmus One“ beleidigt, geschlagen und sexuell erniedrigt. Im Zweitjob verdingt sich Romeike als Pornoproduzent.

          Da hatte man, sollte man meinen, Alice Schwarzer genau den Richtigen vorgesetzt. Doch das war ein Trugschluss. Dieser dickliche Jüngling im gestreiften Poloshirt, der sein Gesicht vorm Studiolicht mit einer Sonnenbrille schützte, war eindeutig nicht Schwarzers Gewichtsklasse: Es war, als hätte sich Muhammad Ali auf einen Kampf gegen Joe Frazier vorbereitet und dann feststellen müssen, dass statt dessen Stefan Raab in den Ring stieg. Romeike druckste herum und stotterte, sagte kleinlaut, nachdem Schwarzer einen seiner Songtexte verlesen hatte, dass er auch „Sachen mit anderem Hintergrund“ mache, nannte seine Fäkal- und Genitallyrik „'n bisschen erotisch“ und vertrat mal die Ansicht, dass er „'ne Art Kunst“ und dann wieder, dass er „so 'n bisschen Partystimmung“ erzeuge. „Ihnen ist schon klar, dass das ziemlich menschenverachtend ist?“, fragte Schwarzer. „Sie sind doch nicht blöd. Ich unterstelle mal, dass Sie nicht blöd sind.“ Angesichts von Romeikes Auftritt war das mutig.

          Moderatorin mit Meinung

          Alice Schwarzer ist gewiss die bekannteste Publizistin Deutschlands und ein gern gesehener Gast in Talk- und Unterhaltungsshows. Als Gastgeberin einer Gesprächsrunde hat sie keine Karriere gemacht, und die Gründe dafür konnte man gestern erleben. Statt ihre Gäste miteinander ins Gespräch zu bringen, reihte Schwarzer ein Einzelgespräch an das nächste und tat ausgiebig ihre eigene Meinung kund: Wie sollte es auch anders sein, wenn die Moderatorin zugleich - wie Schwarzer auf dem Feld der Pornographie - eine ausgewiesene Expertin ist.

          Die Ärztin Esther Schoonbrood, die Aufklärungsunterricht an Schulen gibt, berichtete, dass elfjährige Mädchen von ihrem Oralverkehr erzählten und sie fragten, ob sie das eigentlich machen müssten; dass viele in diesem Alter schon Pornos gesehen hätten, aber nicht wüssten, was die Periode ist. „Unsere Generation hat noch nicht mitbekommen, was die Jugend heute alles erfährt und wieweit sie unserer Hilfe bedarf“, so die Ärztin. Der Sexualforscher Jakob Pastötter sah einen „glasklaren Zusammenhang“ zwischen sozialer Verwahrlosung, harter Pornographie und Rap-Musik. Romeike versuchte sich zwecks Selbstverteidigung als Medienkritiker und schalt das Internet: Dort könne man „die perversesten Sachen“ finden. Zum Beispiel seine Songtexte.

          Lächerlich

          Direkt nach dem selbsternannten Orgasmuskönig ließ Schwarzer die achtzehn Jahre alte Melanie zu Wort kommen. Vom Vater war sie jahrelang missbraucht worden, von ihrer alkoholkranken Mutter kam keine Hilfe, und als sie einen jungen Mann kennenlernte, den sie für ihren Freund hielt, wurde sie von ihm und sechs Kumpanen vergewaltigt. Bemerkenswert gefasst schilderte sie das schockierende Erlebnis und wie es ihr gelang, daran nicht zu zerbrechen; was aus den Vergewaltigern wurde, danach fragte die Moderatorin leider nicht.

          Melanie war es auch, die womöglich unbewusst einen Weg aufzeigte, der nicht nur sexuellen Verrohung der Jugend etwas entgegenzusetzen. Auf die Frage, wie sie die Texte des King Orgasmus One finde, sagte sie nicht etwa „schlimm“ oder „erschreckend“, sondern: „lächerlich“. Vielleicht liegt darin ja die Lösung: Statt die stumpfsinnigen Raps aus dem Verkehr zu ziehen und ihnen den coolen Reiz des Verbotenen zu verleihen, sollte man den jungen Fans dabei helfen zu erkennen, dass die vermeintlich harten Gangsterrapper armselige Maulhelden sind - die es allemal verdienen, ausgelacht zu werden.

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