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Fernsehkritik : Bitte nicht mehr über Sex reden, Frau Maischberger!

  • -Aktualisiert am

Talkshow-Simulation: Sandra Maischberger gab dabei keine gute Figur ab Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

„Porno“-Diskussion in der ARD: Eigentlich wollte Sandra Maischberger mit ihren Gästen über die Sexualmoral der Deutschen konferieren. Aber dann ist es doch bloß eine Krawallrunde mit Altaufklärern und Provokateuren geworden.

          Sandra Maischberger braucht dringend Urlaub. Am besten auf einer Insel, weit entfernt vom TV-Tagesgeschäft, in dem man ständig neue Themen ausgraben muss, um die wöchentliche Sendung zu füllen. Am besten nimmt sie ihre Redaktion gleich mit. Vielleicht ist die aber auch schon längst weg und frühzeitig in die Weihnachtsferien verschwunden.

          Anders lässt sich kaum erklären, wie diese Zumutung einer Talkshow-Simulation am späten Dienstagabend ins Erste kommen konnte. „Keuschheit statt Porno - Brauchen wir eine neue Sexualmoral?“, lautet die Frage in „Menschen bei Maischberger“.

          Na gut, ein interessantes Kontrastprogramm zum Bericht vom CDU-Parteitag, den die ARD davor zeigte, war das allemal. Aber ist das überhaupt ein Thema gerade: was die Deutschen im Bett so anstellen?

          Eine Sendung ohne Erkenntnisgewinn
          Eine Sendung ohne Erkenntnisgewinn : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Ja, das ist es! Jedenfalls auf die Art und Weise, wie Wolfgang Büscher es erklärt hat. Büscher arbeitet beim Sozialwerk „Arche“ in Berlin, und bei „Maischberger“ hat er von der Übersexualisierung der Jugendlichen erzählt, die aus den so genannten Problemfamilien kommen, in denen die Eltern nicht nur wenig Zeit, sondern auch kein Interesse an Erziehung haben. Wo die familiäre Zuwendung und die Möglichkeit zur Aussprache fehlt, schaffen sich die Jugendlichen ihre eigene Welt, hat Büscher erklärt - und diese Welt sei wesentlich von dem geprägt, was in den Medien und in den Songtexten so mancher Skandal-Rapper vermittelt werde: ziemlich unsensibel.

          Provokationswürstchen im Glitzerdarm

          Wie dumm, dass die Redaktion es für eine gute Idee hielt, Büscher erst ganz zum Schluss aufs Sofa zu holen, obwohl er doch der einzige Gast war, der etwas zu erzählen hatte, dass man ernsthaft diskutieren konnte. Aber daran bestand an diesem Abend kein Interesse.

          Stattdessen ließ die Moderatorin die „Sex-Rapperin“ mit dem Künstlernamen „Lady Bitch Ray“ davon plappern, dass sie in ihren Songs, mit denen die studierte Germanistin vorrangig die diversen Ineinanderfügungen von Geschlechtsteilen besingt, eine Art Emanzipation beabsichtigt, die „vaginale Selbstbestimmung“. „'Bitch‘ ist 'Bitch‘, und das heißt 'Nutte‘“, übersetzte die Rapperin freundlicherweise ihren Namen für das ältere ARD-Publikum und erklärte: „Früher haben uns die Männer als 'Bitch‘ abgestempelt, jetzt tun wir Frauen das selber.“ - „Das ist ein Fortschritt?“, fragte Maischberger nach. Und die junge Frau, die da als armes Provokationswürstchen im goldenen Glitzerdarm saß und sich ständig an den daran angebrachten Nippelpüscheln herumspielte, antwortete voller Überzeugung: „Auf jeden Fall!“

          Rächer der Entsexten

          Als Gegenpart musste der 22-jährige Buchautor Nathanael Liminski neben ihr Platz nehmen, weil er Sex vor der Ehe für sich ausschließt und propagiert, dass das glücklich mache. Doch diese Gäste-Kombination war nicht wirklich fruchtbar. Denn zwischen den beiden Extremen gab es - niemanden.

          Na, vielleicht noch Oswalt Kolle, eingeladen als ehemaliger „Sexualaufklärer der Nation“, der sich als Rächer der Entsexten übte. Sein Vorschlag: „Lasst die Menschen ihre eigenen Entscheidungen treffen.“

          Ja, bitteschön, das wäre doch ein schöner Abschlusssatz gewesen. Aber leider war danach noch soviel Sendezeit übrig. Zu keiner Zeit ging es in diesem Talk darum, tatsächlich miteinander über den Umgang mit Sexualität in der Gesellschaft - ob nun in den Medien oder im ganz Privaten - zu sprechen. Dazu wären Gesprächspartner nötig gewesen, die sich auf einander einlassen hätten wollen.

          Die schweigende Fünfte

          Vor allem Maischberger gab dabei keine gute Figur ab, so wie das seit einiger Zeit öfter mal der Fall ist. Völlig überfordert damit, die Streithähne zu bändigen, versuchte sie sich an etwas, das man Moderation nennen könnte - oder eben einen hilflosen Versuch, nicht wieder einen aus der Runde vorzeitig zu verlieren wie neulich Joachim Bublath in der Ufo-Sendung.

          Zwischendurch fiel ihr ein, dass da ja noch ein fünfter Gast war: die Schauspielerin Michaela May, die offenbar eingeladen worden war, um die Gruppe der sexuell befreiten 68er zu repräsentieren, und schon nach kurzer Zeit das einzig Richtige tat: konsequent schweigen und hoffen, dass es vorbei geht. Maischberger wunderte sich: „Darf ich Frau May eine Frage stellen - die hat lange nix gesagt.“

          „Frauen werden als Opfer erzogen!“

          Dass die Moderatorin nicht in der Lage war, die giftige Engstirnigkeit der eingeladenen „Skandal“-Rapperin zu bändigen, ist bedenklich. Aber vielleicht ist das jetzt auch Konzept für „Menschen bei Maischberger“: In jeder Sendung muss eine wie Nina Hagen dabei sein, die argumentativ niemanden an sich heranlässt und die Runde sprengt. „Man muss den Künstler im Gesamtkontext sehen!“, wehrte sich „Lady Bitch Ray“ gegen den Vorwurf, die Kraftsexausdrücke in ihren Texten seien übertrieben, um die Unabhängigkeit der Frau zu demonstrieren, und ignorierte den Einwand Büschers, der sagte, dass viele der Jugendlichen, mit denen er zu tun habe, das eben nicht könnten - sondern die teilweise frauenverachtenden oder gewaltverherrlichenden Texte von Rap-Kollegen wie Bushido und Sido wörtlich nähmen.

          Davon ließ sich „Frau Bitch Ray“, wie Liminski die Dame ansprach, nicht beirren. Einmal behauptete sie: „Frauen werden immer noch als Opfer erzogen!“ Und nicht Maischberger schritt ein, um das als kompletten Blödsinn zu brandmarken, sondern May: „Von welcher Zeit reden Sie denn?“

          Es hat nichts mit Prüderie zu tun, wenn man diesen Auftritt furchtbar fand - sondern vielmehr damit, dass der Erkenntnisgewinn dieses Talks gleich null war und es die Moderatorin scheinbar nicht einmal gestört hat. Wie war noch mal die Frage gewesen?

          Ach ja: „Brauchen wir eine neue Sexualmoral?“ Wer weiß. Fürs erste würde es schon reichen, wenn jemand verbieten würde, das auf diese Weise im Fernsehen zu zerreden.

          Quelle: FAZ.NET

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