01.10.2007 · Die Quandts sind eine der reichsten und mächtigsten Industriellendynastien dieses Landes. Herbert Quandt baute BMW zum Weltkonzern aus. Sein Vater Günther war im Dritten Reich „Wehrwirtschaftsführer“. Jetzt zeigte das Erste mit dem Dokumentarfilm „Das Schweigen der Quandts“ die bislang unerzählte Geschichte dieser Familie. Von Michael Hanfeld.
Von Michael HanfeldDie ARD hat am Sonntagabend einen Dokumentarfilm gezeigt, der eine historische Leerstelle füllt. Wenn man ins Archiv schaut, findet man über das Thema, zu dem die Autoren Eric Friedler und Barbara Siebert fünf Jahre lang recherchiert haben, so gut wie nichts. Es geht um die unerzählte Geschichte einer der reichsten und mächtigsten Industriellendynastien dieses Landes während der Zeit des Nationalsozialismus. Es geht um die Geschichte der Familie Quandt und vor allem um die Rolle der Gründerfigur Günther Quandt, der im Dritten Reich „Wehrwirtschaftsführer“ war und nach dem Zweiten Weltkrieg auf einer Liste des Kriegsverbrechertribunals in Nürnberg stand, aber nicht angeklagt werden konnte und später von einer deutschen Spruchkammer nach den Nürnberger Prozessen erstaunlicherweise als „Mitläufer“ eingestuft wurde.
Wie kam es dazu? Wo Quandts Afa, die „Accumulatoren Fabrik Aktiengesellschaft Berlin-Hagen“, aus der später die Firma Varta hervorging, kriegswichtige Batterien hergestellt hatte, die, wie es im Film heißt, unabdingbar für die deutsche U-Boote-Flotte gewesen seien und auch in der Fernlenkwunderwaffe V 2 steckten? Und man auf dem Firmengelände der Afa in Hannover-Stöcken von einem, wie es ein Experte nennt, „firmeneigenen Konzentrationslager“ sprechen könnte? In dem einzigartigen Film „Das Schweigen der Quandts“ haben sich die Autoren der Aufgabe gestellt, eine Antwort darauf zu finden und das Schweigen zu brechen.
Es helfe „Deutschland wenig weiter“
Nur ein Mitglied der Familie hat sich den Fragen gestellt: Günther Quandts Enkel Sven, geboren 1956, der als Rallye-Fahrer bei der Paris-Dakar Erfolge feiert, mit der Geschichte seiner Familie aber, wie der Film bezeugt, wenig anzufangen weiß. So hören wir ihn mit der Einschätzung, es helfe „Deutschland wenig weiter“, sich mit einem solchen Thema zu beschäftigen, und man solle „endlich mal versuchen, das zu vergessen“. „Wie kann ich dafür verantwortlich sein? Habe ich da gelebt? Nein.“
Vergessen? Verschweigen? Nicht nur für die ehemaligen KZ-Häftlinge, die im Film zu Wort kommen, ist eine solche Haltung unerträglich. Benjamin Ferencz, der für die amerikanischen Ankläger beim Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg gearbeitet hat, ist der Überzeugung, dass es ein Fehler war, Günther Quandt als Mitläufer gehen zu lassen. Die Ankläger hatten in Quandts Fall keinen Zugang zu dem entscheidenden Material zu dessen Wirken im Dritten Reich und dem seines Sohnes Herbert, das in der britischen Besatzungszone lag. Die Briten hatten erkannt, welche Bedeutung die Batterienproduktion der Afa auch nach dem Krieg hätte.
BMW zum Weltkonzern ausgebaut
Günther Quandt war bei den Amerikanern in Haft und kam frei. Sein Sohn Herbert, der bei der Afa Personalchef war, baute als Mehrheitsaktionär unter anderem das Automobilunternehmen BMW zum Weltkonzern aus. Auf das Material, das dem Ankläger Ferencz 1948 fehlte, stießen die ARD-Autoren knapp sechzig Jahre später, unter anderem im Staatsarchiv Hannover. Sie fanden Dokumente, die auf eine enge Kooperation der Afa mit der SS hindeuten, die etwa zeigen, wie rund 1500 KZ-Häftlinge aus dem Lager Neuengamme bei Hamburg nach Hannover-Stöcken in die Afa-Produktion geschickt wurden. Man rechnete, legt der Dokumentarfilm dar, mit einer „Fluktuation“ von achtzig Häftlingen pro Monat. Will heißen: Man glaubte, dass monatlich achtzig Häftlinge im Lager Stöcken aufgrund der dort herrschenden Arbeitsverhältnisse sterben würden. „Wir hatten das kleine Auschwitz vor Ort“, sagt Uschi Kiessling von der „Arbeitsgemeinschaft KZ Stöcken“.
Heute erinnert nur ein kleines Denkmal an dieses Lager, irgendwo an einer vielbefahrenen Kreuzung steht es, finanziert habe es die Stadt Hannover. Ansonsten wächst Gras auf dem ehemaligen Lagergelände. Auch bei der Afa-Tochterfirma Pertrix in Berlin-Niederschönweide waren seit 1944 hunderte weibliche KZ-Häftlinge gezwungen, unter lebensgefährlichen Bedingungen zu schuften.
Trauzeuge war 1931 Adolf Hitler
Wie eng die Verbindungen Günther Quandts zum nationalsozialistischen Regime waren, zeigt der Film auch an der privaten Geschichte der Familie auf: Magda Ritschel, die zweite Frau Günther Quandts, ließ sich nach acht Jahren Ehe im Jahr 1929 scheiden. Zwei Jahre später heiratete sie Joseph Goebbels, den späteren Propagandaminister der Nazis, dem sie sechs Kinder gebar, die sie bekanntlich vor dem gemeinsamen Selbstmord mit ihrem Mann im April 1945 im Führerbunker vergiftete. Trauzeuge war 1931 Adolf Hitler. Ihren Sohn Harald, aus der Ehe mit Günther Quandt, hatte Magda mit in die neue Familie gebracht. Er sei über die Ermordung seiner Stiefgeschwister an der Mutter verzweifelt. Magdas Eheschließung mit Goebbels wiederum fand auf Quandts Gut Severin bei Parchim in Mecklenburg-Vorpommern statt. Vor der Kamera erinnert sich die überlebende Schwester der späteren Magda Goebbels daran.
Günther Quandt starb im Dezember 1954 bei einem Urlaub in Ägypten, sein Sohn Harald kam 1967 bei einem Flugzeugunglück ums Leben, Herbert starb 1982; inzwischen ist die weitverzweigte Generation der Enkel damit betraut, das milliardenschwere Erbe des Firmenimperiums zu verwalten. Sie zu belasten ist nicht das Ansinnen dieses Films. Er macht vielmehr eindringlich darauf aufmerksam, dass man Gegenwart und Zukunft nur bewältigen kann, indem man sich der Vergangenheit stellt. Und eben nicht schweigt. „Die Überlebenden“, lautet das Fazit des Films, „wollen nicht noch einmal Opfer werden durch das Schweigen der Quandts.“ Man muss sich diesen Film gegen das Vergessen für diverse Preisverleihungen unbedingt vormerken.