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Fernsehkrimi „Yorkshire Killer“ : Alle Wege führen in die Hölle

Der Verschwörung auf der Spur: Andrew Garfield als investigativer Jung-Reporter Eddie Dunford Bild: ARD Degeto

Ein Fernsehereignis: In der britischen Miniserie „Yorkshire Killer“ nehmen drei Regisseure die Jagd nach einem Serienkiller auf. Das ästhetische Risiko wird belohnt. Das Ergebnis ist ein packend finsteres Sittenbild aus der nordenglischen Provinz.

          Glauben mochte man es zunächst nicht, als es hieß, der britische Sender Channel Four wolle „The Red Riding Quartet“ verfilmen, jene vier Romane, mit denen David Peace in die Champions League der Kriminalschriftsteller aufgestiegen ist. Fast zehn Millionen Pfund für die Verwandlung einer Prosa in bewegte Bilder, deren Lektüre manche an „Wasserfolter“ erinnerte, was durchaus positiv gemeint war; einer Prosa, die eine Welt ohne Mitleid beschreibt, West Yorkshire zwischen Mitte der siebziger und Anfang der achtziger Jahre, in einer harten, stakkatoartigen und assoziativen Sprache, zerklüftet und aus verschiedenen, zentrifugalen Perspektiven.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Geld hat dann zwar nicht für alle vier Romane gereicht, welche die schlichten Titel „1974“, „1977“, „1980“ und „1983“ haben, aber es sind, unter Auslassung von „1977“, drei Filme von drei verschiedenen Regisseuren geworden, wie man sie im Fernsehen nicht oft erlebt. Einander überlappende Erzählungen, Handlungsfäden, die sich gelegentlich mal kreuzen, Bilder voller Gewalt und Grausamkeit. Man sollte allerdings gar nicht erst annehmen, es ginge hier um eine klassische Serienkillerjagd. Der „Yorkshire Ripper“, der von 1975 bis zu seiner Festnahme 1981 dreizehn Frauen umbrachte und in die populäre Mythologie einging, ist das Phantom in den Romanen von Peace, der in West Yorkshire aufwuchs, im Norden Englands, „wo wir tun, was wir wollen“ - das ist das Mantra der örtlichen Polizei, das Motiv, welches sich durch die Serie zieht.

          Weniger an Plot oder soziopathischem Täterprofil interessiert, sind die Bücher, wie nun auch die drei Filme, eine Psychopathologie des Alltagslebens, ein finsteres Sittenbild aus der nordenglischen Provinz, in der es in den siebziger Jahren aussah „wie in einem Ostblockland“. So hat es ein britischer Kritiker ausgedrückt, und so zeigen es die Filme: heruntergekommene Siedlungen, Häuser, in denen die Tapetenmuster noch nicht mal das Scheußlichste sind, Reaktorkühltürme, die ein Dorf überragen wie eine graue Skyline. Dantes Hölle könnte so ähnlich aussehen, wenn man sie nach England verlegte.

          Tristesse der englischen Provinz: Nachforschungen in einer Zigeunersiedlung

          Schuld ohne Sühne

          Der erste Film stammt von Julian Jarrold („Wiedersehen mit Brideshead“), er ist in körnigem Super-16 gedreht, die Farben sind entsättigt bis an den Rand der Monochromie. Es ist die Geschichte des jungen Polizeireporters Eddie Dunford, den Andrew Garfield spielt (der im vergangenen Sommer als neuer Spider-Man ausgewählt wurde). Er gerät in einen Sumpf, während er dem möglichen Zusammenhang zwischen drei Morden an kleinen Mädchen nachgeht: korrupte Polizeioffiziere und ihre sadistischen Fußtruppen, ein brutaler Bauunternehmer Dawson (Sean Bean). Und es ist nur gut, dass weder Jarrold noch die anderen Regisseure versuchen, mit Rudimenten von Peace' Prosa zu arbeiten. Sie wird übersetzt in Atmosphäre, in eine Düsternis, gegen welche die verschiedenen, auch nicht zimperlichen Wallander-Adaptionen wie eine schwedische Sommerfrische wirken.

          Ganz so gut wie „Yorkshire Killer 1974“ sind die übrigen Folgen nicht gelungen. James Marshs zweiter Teil schafft gerade noch den Anschluss, er ist, dem Plot völlig angemessen, visuell weit weniger ambitioniert, aber noch immer weit überm Fernsehdurchschnitt. 1980 kommt ein Sonderermittler (Paddy Considine) aus Manchester nach Yorkshire, der der örtlichen Polizei auf die Finger schauen soll, mitten in der Hochzeit des Rippers, dessen Spur er aufnimmt. Von den Kollegen behindert und schließlich in die Enge getrieben, von seiner Ehekrise gebeutelt, bleibt seine Mission so unerfüllt wie die des Kriminalreporters. Bei Peace gibt es nur Schuld ohne Sühne, und was Erlösung angeht, so muss das Streben nach ihr reichen.

          Konfuses Finale

          Ein gewisses Qualitätsgefälle macht sich dann im letzten Teil bemerkbar, wenn Anand Tucker („Das Mädchen mit dem Perlenohrring“) den undankbaren Job zu erledigen hat, aus den losen Enden der beiden ersten Teile eine einigermaßen kohärente Erzählung zu formen und sie einem Finale zuzuführen, das Peace' Roman so nicht hat. Tuckers Stil wirkt mitunter unnötig voyeuristisch und ästhetisierend, und das Dickicht aus Rückblenden erscheint weniger kunstvoll als konfus, wenn einer der korrupten Polizisten (David Morrissey) aus dem ersten Teil sich entschließt, gegen den verkommenen Apparat anzugehen.

          Am Ende ist es daher eher das Experiment als die durchgängige Schlüssigkeit, das an dieser Trilogie fasziniert. Das ästhetische Risiko, das damit verbunden war, hat sich auch insofern gelohnt, als alle drei Filme in den Vereinigten Staaten im Kino gezeigt wurden. Dass Ridley Scott nun an einem Hollywood-Remake interessiert sein soll, muss man deshalb nicht unbedingt als gute Nachricht betrachten.

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