Das Verbrechen, das der Kommissar Heinz Gödicke aufklären soll, darf es im Sozialismus gar nicht geben. Und den Täter, den er sucht, erst recht nicht. Das kommt per Definition nicht vor, macht ihm der Stasi-Major Stefan Witt klar. Und deshalb wird die Sonderkommission auch aufgelöst.
Obwohl zwei neunjährige Jungen auf bestialische Weise getötet worden sind, und der Täter frei herumläuft. Erst als dieser einen dritten Mord an einem Jungen begeht, kann sich der verbissene Ermittler gegen die Ideologen durchsetzen. Und den Mörder fassen. Das Geschehen, auf dem der Film „Mord in Eberswalde“ beruht, ist als der „Fall Hagedorn“ in die Kriminalgeschichte eingegangen.
Unauffällig, mit angepasstem Leben
Es ereignete sich zwischen 1969 und 1971 in der DDR, wurde dort weitgehend unter Verschluss gehalten, unter anderem dank des westdeutschen Journalisten Friedhelm Werremeier aber doch publik. Werremeier fielen die Parallelen zum Fall des Jürgen Bartsch auf, eines pädophilen Serientäters, der in der Bundesrepublik zwischen 1962 und 1966 vier Kinder ermordet hatte.
Darauf war auch der in der DDR mit dem Fall Hagedorn befasste forensische Psychiater Hans Szewczyk gestoßen, der für die Ermittler in Eberswalde ein Psychogramm des Täters erstellte: ein Sadist, der sich am Leid seiner Opfer weidet, dem das Töten sexuellen Lustgewinn bereitet, ein Unauffälliger, der ein scheinbar angepasstes Leben führt und selbst in der Kindheit Gewalt erfahren hat oder dem es zumindest an Zuwendung fehlte.
Auf den im November 1971 festgenommenen Hans Erwin Hagedorn sollte die Zuschreibung exakt passen. Der junge Mann, von Beruf Koch, geübt im Umgang mit dem Messer - er hatte seinen Opfern die Kehle durchtrennt -, gab den Ermittlern ebenso bereitwillig wie emotional unbeteiligt Auskunft über seine Taten.
Einer der ersten Profiler der Geschichte
Er wirkte auch an dem Lehrfilm mit, den die Kriminalpolizei über seinen Taten drehte, ungerührt demonstrierte er, was er seinen Opfern angetan hatte. Im Mai 1972 wurde er wegen mehrfachen Mordes zum Tode verurteilt, im September desselben Jahres wurde Hagedorn durch einen „unerwarteten Nahschuss“ hingerichtet. Der Psychiater Szewczyk indes gilt als einer der ersten - vielleicht sogar als der erste - Profiler der Kriminalgeschichte.
Der Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt hält sich bemerkenswert genau an die Historie. Die Initiative, nach einem bestimmten Tätertypus zu fahnden, weist er dem Kommissar Gödicke (Ronald Zehrfeld) zu. Dessen gespannte Beziehung zu dem ihm vorgesetzten Stasi-Major Witt (Florian Panzner) hat eine zweite, die Ermittlung überschattende Komponente: Gödicke spannt Witt die Frau (Ulrike C. Tscharre) aus.
Die Freunde aus Jugendtagen werden zu erbitterten Rivalen, den privaten Frust lässt der Stasi-Mann mit Fäusten und bei der Besprechung vor versammelter Mannschaft am Kriminalkommissar aus. Es muss erst der dritte Mord geschehen, bevor die Scheuklappen des Apparatschiks fallen. Schließlich fordert auch die Partei, fordert der Staatsratsvorsitzende einen Fahndungserfolg.
Der Regisseur Stephan Wagner stellt mit „Mord in Eberswalde“ abermals sein Talent als Erzähler unter Beweis, der Realität in einzigartiger Strenge mit Fiktion zu verbinden weiß. Mehr noch als hier gelang ihm dies zuletzt mit „Der Fall Jakob von Metzler“, dessen Eindringlichkeit auch auf der minimalistischen Herangehensweise des Regisseurs beruht. Wagner wahrt die Integrität der Menschen, von denen er handelt.
In diesem Fall setzt er zwar auch drastische Mittel ein - der Film beginnt mit Fesselsex, dem Gödicke und seine Geliebte frönen, die Mordopfer könnte man zurückhaltender zeigen -, doch in Maßen. Hinter sich weiß Wagner den Produzenten Martin Zimmermann, der das Projekt entwickelt hat, verlassen kann sich der Regisseur auf Ulrike C. Tscharre, Ronald Zehrfeld und Florian Panzner, die ihren Figuren ebenso Tiefe geben wie Martin Brambach als zweiter Ermittler im Bunde, Godehard Giese als Staatsanwalt und der junge Sergius Buckmeier in der Rolle des Serienmörders.
Verfilmt wurde der Fall Erwin Hagedorn übrigens schon einmal - 1974, in einem „Polizeiruf“ (Titel: „Am hellerlichten Tag“), den das DDR-Innenministerium angeregt hatte, welcher der SED-Führung dann aber zu heiß war. Erst 2011 zeigte der MDR den vernichtet geglaubten Film. Die F.A.Z. hatte das zwei Jahre zuvor angeregt, als der Fund publik wurde (F.A.Z. vom 4.April 2009). Mit „Mord in Eberswalde“ zeigt die ARD nun die eindringliche, zeitgenössische Verfilmung dieses Falls.
Spannend allemal
Thomas Kuhndt (Sammler58)
- 01.02.2013, 17:14 Uhr
Viel Fiktion
dieter diehm (johndow)
- 31.01.2013, 11:40 Uhr
Authentisch??
Jörg Petschick (bassfan)
- 31.01.2013, 08:49 Uhr