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Fernsehkrimi Die Eiskönigin und ihre Tochter

Das ZDF zeigt am Montagabend einen hervorragend inszenierten Krimi: „Die Kronzeugin - Mord in den Bergen“. Meister Hitchcock hätte seine Freude an diesem Film gehabt.

© Hannes Hubach Vergrößern Ines Meder (Melika Foroutan) soll eigentlich die Beschützerin sein, doch sie ist das Opfer

Darf ja wohl nicht wahr sein. Denkt man sich. Da verrät uns die Hauptfigur aus dem Off in Minute eins, wie die Geschichte ausgeht. Und im Bild sehen wir es dann auch, wie sie da liegt, die Zeugenschutz-Polizistin Ines Meder (Melika Foroutan), mit einem Loch im Bauch. Wie kam es dazu? Wer könnte das gewesen sein? Genau das wird die spannende Frage, die den Film verblüffenderweise bis zur wirklich allerletzten Szene trägt. Denn es wirkt zwar so, als würde uns hier etwas zu früh verraten. Doch so ist es nicht. Das gehört zum Spiel, das die Regisseurin Christiane Balthasar mit uns treibt. Das Buch dazu schrieb, wie das ZDF mitteilt, Thorsten Wettcke nach einem Drehbuch von Judith Angerbauer und die wiederum nach einer Idee von Friedrich Ani - eine verzwickte Konstruktion, eine Puppe in der Puppe in der Puppe. Und genauso matrjoschka-puppenhaft ist der Film. Eine Gestalt verbirgt die andere, und in ihr steckt dann eine dritte. Und so weiter und so fort.

Es beginnt schon, nach dem seltsamen Vorwort, mit einem verwirrenden Schockeffekt: Ines Meder sitzt an der Autobahnraststätte im Wagen und wartet auf die Übergabe von Evelyn Frank (Iris Berben), einer femme fatale aus dem Rotlichtmilieu, die ihren Mann und dessen Zuhälter-Truppe verraten hat und dafür nun ins Zeugenschutzprogramm kommt. Plötzlich reißt ein Vermummter die Wagentür auf und verschwindet mit Ines Meders Tasche. Sie läuft ihm hinterher und stellt ihn. Ein Taschendieb, so viel darf man verraten, ist es nicht.

Verdrehte Rollen

Von dort geht es in die Berge, ins bayerische Hinterland. Die Kronzeugin Evelyn Frank findet sich hier erstaunlich schnell zurecht, meint die Polizistin Ines Meder und beobachtet, wie ihre Schutzbefohlene im Nu den Eigentümer eines Ausflugslokals um den Finger wickelt, in dem sie die Küche und den Service übernimmt. Die Zuschauer bekommen derweil mit, was Ines Meder entgeht: Diese Frau spielt nicht nur mit den Männern, sondern auch mit den Frauen, mit jedem, also auch mit ihr. Bald sitzt Ines da, nachdem Evelyn sie entgegen der Absprache einfach als ihre Tochter ausgegeben hat und erzählt der falschen Mutter von ihrem eigenen, vereinsamten Leben. Dabei sollte es doch umgekehrt sein. Evelyn sollte auspacken.

Schließlich gilt es auch, herauszufinden, wo fünfzehn Millionen Euro aus kriminellen Geschäften geblieben sind, von denen Evelyn Frank angeblich gar nichts weiß. Dass sie im Milieu den Namen „die Eiskönigin“ trugt, kommt Ines Meder bald nicht mehr in den Sinn. Erst recht nicht, wenn ihr Protegé ein um das andere Mal „für Prinzessinnen“ muss. Ines Meder nimmt stattdessen den seltsamen Wanderer (Alexander Held) ins Visier, der im Dorf und dann auf der Hütte auftaucht, die Evelyn bewirtschaftet und die beiden beobachtet und umkreist. Ein zweiter Dunkelmann kommt hinzu und schließlich hält die Polizistin - und die Zuschauer tun es ihr gleich - ihre eigenen Kollegen (gespielt von Florian Panzner und Bernd Tauber) für verdächtig. Irgend jemand, nur das ist sicher, spielt ein lebensgefährliches, falsches Spiel.

Nichts ist, wie es schien

Iris Berben und Melika Foroutan dabei zuzusehen, wie sie sich belauern und dann - anscheinend - einander öffnen, das Leben an sich und ihre Situation im besonderen verhandeln - das ist feinster Psychokrimi. Darin treten die anderen Figuren, etwa Meders Kollege Nolting (Panzner), dessen Frau ihm dann und wann die Bedingungen der Scheidung durchtelefoniert, im rechten Moment vor - und dann wieder zurück. Charaktertheater mit Bestbesetzung.

Für dessen nicht nachlassende Atmosphäre sorgt auch der Kamermann Hannes Hubach. Dass er vor allem mit der Dunkelheit etwas anfangen kann, hat er zuletzt bei der vor einer Woche ausgestrahlten „Nachtschicht“ bewiesen. Jetzt zeigt er sein Können fast noch besser. Allein die Kamerafahrten im Finstern, als die beiden Frauen mitten auf der Strecke in einem Sessellift festhängen, sind großes Suspense-Kino - die beiden mal nah, hilflos, wie sie da hocken, dann aus der Ferne und schließlich aus der Vogelperspektive. Und es wird dunkler und dunkler. Alfred Hitchcock hätte seine Freude daran.

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Nur am Ende, da sich erweist, dass nichts ist, wie es schien, und man überprüfen kann, wie oft man sich im Laufe des Films beim Verdächtigen geirrt hat, gibt es eine Pointe, an der sich die Geister scheiden werden. Sie ist nämlich fast für Nachmittagsprogramm tauglich. Man kann sie allerdings auch ironisch nehmen. Wenn sich endlich erweist, was es mit der Geschichte der „Eiskönigin“ auf sich hat. Das Spiel mit den Erwartungen ist jedenfalls meisterhaft.

Die Kronzeugin - Mord in den Bergen läuft heute um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.

 
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