20.07.2009 · In der Krise spart das Fernsehen am Humor. Die Redaktionen erfolgreicher Sitcoms werden ausgedünnt, um Nachfolgeformate hat man sich nicht gekümmert. Wenn die Krise vorbei ist, amüsiert sich das Publikum vielleicht schon lange woanders.
Von Peer SchaderLachen in der Krise ist ungeheuer wichtig, so wichtig wie nie zuvor. Die Leute wollen abgelenkt werden. Schlechte Nachrichten gebe es schließlich schon genug, hat RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt vor anderthalb Wochen in Hamburg gesagt, bevor sie das Programm ihres Senders für die neue Saison vorstellte. Und was macht man in so einer Situation, in der es darauf ankommt, möglichst viele Sendungen parat zu haben, über die sich das Publikum amüsieren kann? Genau: Man entlässt erst mal die Redaktion, die bisher für deren Entwicklung zuständig war. Im antizyklischen Denken macht RTL so schnell keiner was vor.
Bald hat der Sender also keine Sitcom-Redaktion mehr, die Kündigungen sind raus, und aus Geschäftsführersicht ist das vermutlich konsequent, immerhin hat RTL ja auch keine Sitcoms mehr, und die Hoffnung, dass sich das noch mal ändert, kann in Köln gerade nicht besonders groß sein. Die Spaßwelle um die Jahrtausendwende ist vorbei. Damals erreichte RTL mit „Situation Comedys“ wie „Nikola“, „Die Camper“, „Alles Atze“ und „Ritas Welt“ wöchentlich bis zu fünf Millionen Menschen, seitdem hat es keine neue Comedyserie mehr geschafft, beim Publikum ähnlich beliebt zu werden. Spaß wird im Fernsehen zwar immer noch gemacht, aber fast ausschließlich in austauschbaren Sketchshows, die Sat.1 am Fließband produziert, oder bei Live-Auftritten von Mario Barth und solchen, die noch Mario Barth werden wollen.
Verpasste Chancen
Klassische Sitcoms, in denen Schauspieler vor Publikum auf der Bühne stehen und in zwanzig Minuten einen Gag nach dem nächsten abfeuern, gibt es gar nicht mehr, und die Comedyserien, die sich in Deutschland zuletzt entwickelt haben, interessieren im Fernsehen nur Minderheiten. „Wir waren zu spät damit, die nächste Sitcom-Generation zu entwickeln“, sagt Gunther Burghagen, der als Leiter Sitcom bei RTL arbeitet – jedenfalls: noch. „Eigentlich hätten wir’s den Amerikanern nachmachen und auf dem Höhepunkt von ,Nikola‘ ein Spin-off entwickeln müssen, um das direkt im Anschluss zu zeigen.“ Aber das ist nicht passiert, weil alle damit beschäftigt waren, sich um die Serien zu kümmern, die schon Erfolge waren. Die Zuschauer haben weggeschaltet. Und jetzt wird der Sargdeckel über ein aussterbendes Genre geschoben.
„Der deutsche Fernsehmarkt macht gerade ein bisschen auf Helmut Kohl und versucht, die Krise auszusitzen“, sagt Autor Ralf Husmann, der die Bücher zur Pro-Sieben-Bürosatire „Stromberg“ geschrieben hat. „Das Problem daran ist, dass das Publikum, das derzeit noch ein Interesse an Serien wie ,Stromberg‘ zeigt, sich in ein, zwei Jahren komplett vom Fernsehen verabschiedet haben wird.“ Doch daran denken die Sender gerade nicht: Weil Sitcoms verhältnismäßig teuer zu produzieren sind und sich mit den meist halbstündigen Formaten nicht so viel Programm füllen lässt, haben in der Krise andere Genres Priorität.
Keine Zeit zur Etablierung
Dabei ist es gar nicht so, dass es keine Versuche gegeben hätte: Außer „Stromberg“, die trotz ihrer Bekanntheit nie besonders herausragende Quoten hatte, hat Husmann für Pro Sieben „Dr. Psycho“ und „Der kleine Mann“ erfunden, moderne Comedyserien, deren Protagonisten sich gleichzeitig zum Fremdschämen und Amüsieren eignen – nicht so prollig wie die RTL-Atzes, aber doch irgendwie deutsch. Es hat nur kaum jemand sehen wollen. Mit „Kinder, Kinder“ wollte RTL vor zwei Jahren das Elternwerden humoristisch aufarbeiten und scheiterte damit ebenso wie mit dem Versuch, Mirja Boes als Parfümerieverkäuferin „Angie“ durchzusetzen. Die RTL-Anwaltscomedy „Herzog“ wurde 2008 sogar schon nach drei Folgen wieder abgesetzt. Und an Sat.1-Versuche wie „Mein Chef und ich“ oder „Frech wie Janine“ erinnert sich kaum noch jemand.
Im Vergleich zu früher hat ein neues Programm kaum noch Zeit, sich beim Publikum zu etablieren. „Alles Atze“, das bei RTL sechs Jahre erfolgreich lief, bis die letzte Staffel unter plötzlichem Quotenschwund litt, startete im Jahr 2000 ebenfalls unter den Erwartungen – erst ab der neunten Folge stiegen die Zuschauerzahlen. „Wenn die Serie nach drei oder vier Folgen abgesetzt worden wäre, hätte es diesen Erfolg nie gegeben“, sagt Produzentin Christiane Ruff, bis vor kurzem Geschäftsführerin des Sitcom-Spezialisten Sony Pictures Film und Fernsehen Deutschland. Und selbst wenn sich eine Serie heute noch Folge für Folge ihr Stammpublikum erarbeiten würde, sähe es schlecht für sie aus – oft werden von den Sendern nämlich nur noch acht Folgen beauftragt. „Der Zuschauer gewöhnt sich aber erst in der vierten, fünften Folge an ein neues Programm – das dann schon wieder verschwindet und Monate braucht, um mit neuen Episoden zurückzukommen“, erklärt Ruff.
Vom Reality-Fernsehen überflügelt
Das ist womöglich auch der Grund dafür, warum Bastian Pastewka seinen Fans bei Autogrammstunden und Auftritten immer wieder erklären muss, weshalb seine Sat.1-Serie „Pastewka“, in der er sich sozusagen selbst spielt, abgesetzt wurde. Wurde sie aber gar nicht. Es hat nur etwas länger gedauert, bis die neuen Folgen im Kasten waren, die Ausstrahlung ist für den Herbst geplant – aber weil es lange nichts mehr zu sehen gab, gehen viele Zuschauer davon aus, dass nichts mehr kommt. Bald wird „Pastewka“ – abgesehen von „Stromberg“, die mit einer vierten (und vermutlich letzten) Staffel zurückkehrt, und dem unkaputtbaren „Hausmeister Krause“ von Sat.1 – wohl die einzige aktuelle Sitcom im deutschen Privatfernsehen sein.
Ihr Hauptdarsteller hat so eine Ahnung, woran das liegen könnte: „Ich glaube, Sitcoms sollten zu allererst eine klar umrissene Lebensrealität widerspiegeln. Diese findet jedoch – zumindest in der derzeitigen Interpretation mancher Fernsehmacher – schon zu Genüge in Reality-Shows und Coaching-Formaten statt, die inzwischen viele eingeführte Serien mit ihrem Erfolg überflügelt haben.“ Und dazu auch noch günstiger zu produzieren sind.
Keine Lobby für die Sitcom
In anderen Ländern wäre das kaum vorstellbar. Sowohl das britische als auch das amerikanische Fernsehen haben eine feste Sitcom-Tradition – von „Fawlty Towers“, „Seinfeld“ und „Friends“ bis zu aktuellen Shows wie „The Mighty Boosh“ oder „Two and a Half Men“. Als Genre sei die Sitcom in Deutschland eben nie so angekommen wie in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien, glaubt Autor Husmann: „Es kommt immer wieder vor, dass einzelne Formate – wie damals ,Ein Herz und eine Seele‘ – herausstechen. Die sieht das Publikum aber nicht unbedingt als Bestandteil eines Genres, sondern als Einzelstücke.“ Und solange sich nicht mal ein Einzelstück durchsetzt, wird es eben auch mit dem Experimentieren nix. Bastian Pastewka sagt: „Die Sitcom hat im deutschen Fernsehen derzeit offenbar keine Lobby.“
Etwas Gutes hat die Abschaffung der Sitcom dann aber doch: Dem Publikum bleiben künftig auch die Katastrophen erspart – Jochen Busse als Außerirdischer in „Nicht von dieser Welt“ bei RTL war 2005 knapp an der Grenze zum Bauerntheater, für den Tiefpunkt sorgte allerdings Sat.1, als der Sender im vergangenen Jahr „The IT Crowd“ aus Großbritannien eins zu eins in Deutsch nachdrehen ließ – nur mit weniger Gags und schlechteren Schauspielern. Eigentlich muss man froh sein, dass das nicht funktioniert hat, sonst bestünde das Sat.1-Freitagsprogramm inzwischen aus haufenweise schlechten Sitcom-Kopien.
Das muss doch auch anders gehen. Bastian Pastewka sagt: „Ich wünsche mir wieder mehr Kreative und Betreuer, die sich nicht nur am Markt orientieren, sondern sagen: Wir haben eine Geschichte, die gut, verrückt und erzählenswert ist, die wir mit tollen Schauspielern oder Komikern besetzen und für die wir kämpfen. Denn nur darum geht es: um gute Geschichten.“ RTL-Mann Burghagen sieht das ganz ähnlich: „So etwas wie Leidenschaft und Begeisterung für ein Programm von Seiten der Produzenten habe ich – mit wenigen Ausnahmen – in den vergangenen Jahren nur höchst selten erlebt.“
Zweifel an der zweiten Chance
Natürlich kann sich das alles wieder ändern, wenn den Sendern morgen auffällt, dass sie wieder mehr zum Lachen haben wollen. Vielleicht wird dann vieles günstiger als bisher produziert, wieder auf der Bühne vor Publikum aufgezeichnet, wie früher. „Manchmal ist es ja gut, wenn ein Genre ein bisschen aus der Mode kommt, um dann nach ein paar Jahren mit einer guten neuen Idee wiederzukehren“, sagt Ralf Husmann. „Ich bin nur skeptisch, ob das bei dieser Entwicklung im Fernsehen überhaupt noch mal dazu kommt.“
Produzentin Christiane Ruff hat sich gerade von der Branche verabschiedet und bei Sony aufgehört, um ihren Frieden mit dem Fernsehen zu machen. Ab 10. August zeigt RTL die letzte von ihr produzierte Sitcom „Der Lehrer“, deren Ausstrahlung seit Monaten immer wieder verschoben wurde. Mit „Herzog“-Hauptdarsteller Niels Ruf hat Ruff kürzlich in Berlin Audiokommentare für eine DVD-Veröffentlichung der gefloppten Anwaltsserie eingesprochen und dabei noch mal großen Spaß gehabt, sagt sie. Das war’s jetzt. Auf dem Cover wirbt die DVD-Firma mit einem besonderen Spruch für „Herzog“. Der Spruch lautet: „Zu geil fürs Fernsehen!“