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Fernsehfilm-Festival 2012 Fernsehen kann großes Kino sein

Zum 24. Mal fand in Baden-Baden das Fernsehfilm-Festival statt. Der Wettbewerb um den Hauptpreis bot eine Fülle an herausragenden Arbeiten. Gesiegt hat Volker Schlöndorffs „Das Meer am Morgen“.

© Provobis Film Vergrößern Zigarette durch den Lagerzaun: Léo-Paul Salmain spielt den siebzehn Jahre alten Guy Môquet.

Der Fernsehfilmpreis 2012 der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste geht an die ARD-Produktion „Das Meer am Morgen“ (ARTE, BR, NDR, SWR). Der Film erinnert an die Hinrichtung des siebzehnjährigen Flugblattaktivisten Guy Môquet 1941 während der Besatzungszeit in Frankreich. Volker Schlöndorff (Regie und Drehbuch) wagt sich „auf subtile und intelligente Weise in die komplexe deutsch-französische Kriegs- und Kollaborationsrealität des Zweiten Weltkriegs“, so die Jury.

Der Junge Guy Môquet war in der Bretagne in einem Straflager interniert, als in Nantes ein deutscher Offizier erschossen wurde. Zur Vergeltung ordnete Hitler die Exekution von 150 französischen Geiseln an. Die Massenhinrichtung hat der deutsche Offizier und Schriftsteller Ernst Jünger in seiner lang verschollenen Schrift „Zur Geiselfrage“ dokumentiert.

Der Kino-Altmeister Volker Schlöndorff hat diesen Text als eine Quelle für seinen ersten Fernsehfilm genutzt. Der Film, so die Jury, habe eine europäische Seele. „Es ist eine minutiöse und unerbittliche Beobachtung einer Massenhinrichtung, an der der Zuschauer teilnimmt“, Schlöndorff durchdringe mit diesem Film das Medium Fernsehen und führe es an die Grenzen seiner inhaltlichen wie formalen Möglichkeiten.

Den Machtbereich sichern

Mit einem Preis für eine herausragende darstellerische Leistung in „Das unsichtbare Mädchen“ (ZDF/ARTE) wird Ulrich Noethen für seine Darstellung des skrupellosen Kommissars Michel ausgezeichnet.

Das Kriminaldrama beruht auf den „Fall Peggy“ aus dem Jahr 2001: ein neunjähriges Mädchen war verschwunden, schnell wurde ein vermeintlicher Täter gefunden, der heute noch in der Psychiatrie ist. In der filmischen Umsetzung von Dominik Graf sichert Noethen als Kommissar Michel auf brutale Weise seinen Machtbereich. „Zwischen subtiler Bösartigkeit und brutaler Gewalt“ wechsle sein Spiel, hinzu komme die „grandiose physische Präsenz dieser Figur“, so die Jury in ihrer Begründung.

Ausgezeichnet mit einem Preis für Regie wurde  Stephan Wagner für „Der Fall Jakob von Metzler“ (ZDF). Die Frage, ob die Androhung von Folter als letztes Mittel zur Rettung eines entführten Kindes angewandt werden darf, steht im Zentrum „dieses schnörkellosen, dokumentarisch wirkenden Films“, bei dem der Regisseur sich an vorliegende Protokolle und Gerichtsakten des authentischen Falls gehalten hat. Unaufgeregt und detailgetreu erzähle er die Geschichte nach und „macht aus der hochkomplizierten, spröden Abwägung zwischen unterschiedlichen Rechtsgütern einen packenden Film. Der Rechtsstaat, das macht dieses gelungene intellektuelle Wagestück deutlich, ist ein komplexes und fragiles Gebilde“, führt die Jury in ihrer Begründung aus.

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Einen Preis für das Drehbuch für die ZDF-Produktion „Liebesjahre“ erhält Magnus Vattrodt. „Die Geschichte um die Räumung und den Verkauf des gemeinsamen Hauses eines seit Jahren geschiedenen Ehepaars macht Magnus Vattrodt mit seinem Drehbuch zu einem wunderbaren Kammerspiel für vier Personen“, deren Dialoge „intelligent, schnell und witzig, oft scharfsinnig und zugleich von besonderer Tiefe“ sind, so die Jury.

Selbstvorwürfe und Trauer

Zur Jury gehörten unter dem Vorsitz des langjährigen Geschäftsführers der Filmstiftung NRW Michael Schmid-Ospach, Rolf Bolwin, Direktor des Deutschen Bühnenvereins, die Regisseurin Doris Metz sowie die Leiterin von epd Medien Diemut Roether, die Schauspielerin Natalia Wörner und der Regisseur Sönke Wortmann .

Die WDR-Produktion „Der letzte schöne Tag“ gewinnt den 3sat-Zuschauerpreis. Der Film über eine Familie, die nach dem Selbstmord von Ehefrau und Mutter mit Selbstvorwürfen und der Trauer weiterleben muss, konnte die meisten Stimmen der Zuschauer auf sich vereinigen. 3sat-Zuschauer konnten vom 17. bis 23. November die zwölf Wettbewerbs-Fernsehfilme sehen und per TED und im Internet ihren Favoriten wählen.

Der Nachwuchspreis MFG-Star der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg geht an den Regisseur Leo Khasin für „Kaddisch für einen Freund“ (BR/WDR/ARTE). Der Film erzählt die Geschichte des 14-jährigen Palästinensers Ali, der als Flüchtling nach Berlin kommt und zusammen mit anderen arabischen Jugendlichen die Wohnung seines jüdisch-russischen Nachbarn verwüstet. Der alte Mann erkennt Ali bei der Flucht. Um dem Strafverfahren zu entgehen, sucht der Junge  Kontakt zu dem älteren Mann. Eine potenziell konfliktgeladene Annäherung nimmt ihren Lauf. Alleinige Jurorin des MFG-Star ist die Film- und Fernsehregisseurin Vivian Naefe.

Mit dem Hans Abich Preis für „besondere Verdienste im Bereich Fernsehfilm“ wird der Musiker Klaus Doldinger für seine Filmmusiken ausgezeichnet. Die Laudatio hält der Filmproduzent Günter Rohrbach. Der 2004 ins Leben gerufenen Preis erinnert an den ehemaligen Programmdirektor der ARD Hans Abich. Mit Klaus Doldinger erhält erstmals ein Musiker diesen Preis.

Für die Musik zum Kinofilm „Sommer auf dem Land“ erhält der Komponist Daniel Sus den mit 10.000 Euro dotierten „Rolf-Hans Müller Preis für Filmmusik“ 2012. Die siebenköpfige Fachjury lobte „das gelungene Zusammenspiel von Bild, Rhythmus und Musik, die instrumentale Vielfalt und die durchgehende Stringenz der musikalischen Farbe“.

Die Studenten der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg vergeben ihren Preis ebenfalls an „Das Meer am Morgen“ (ARTE/BR/NDR/SWR), die ihre Auszeichnung für diesen „wunderschönen und tief bewegenden Film“ mit der Sentenz krönten, Fernsehen könne „ganz großes Kino sein“.

Die Preisträger 2012 im Überblick

Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste

DAS MEER AM MORGEN (ARTE/BR/NDR/SWR)

REGIE Volker Schlöndorff / BUCH Volker Schlöndorff / KAMERA Lubomir Bakchev / KOSTÜMBILD Agnès Noden / SZENENBILD Stéphane Makedonsky / SCHNITT Susanne Hartmann / MUSIK Bruno Coulais / MIT Léo-Paul Salmain, Ulrich Matthes, André Jung / PRODUKTION Provobis Gesellschaft für Film- und Fernsehen GmbH, Bruno Petit, Thomas Teubner / REDAKTION Isabelle Huige ARTE, Claudia Simionescu BR, Eric Fiedler NDR, Christine Strobl SWR, Michael Schmidl SWR, Manfred Hattendorf SWR

Preis für eine herausragende darstellerische Leistung an

ULRICH NOETHEN für seine Darstellung des Kommissars Michel
in „DAS UNSICHTBARE MÄDCHEN “ (ZDF/ARTE)

REGIE Dominik Graf / BUCH Friedrich Ani, Ina Jung / KAMERA Michael Wiesweg, Hendrik A. Kley / KOSTÜMBILD Barbara Grupp / SZENENBILD Claus Jürgen Pfeiffer / SCHNITT Claudia Wolscht / MUSIK Sven Rossenbach, Florian van Volxem / MIT Elmar Wepper, Ulrich Noethen, Ronald Zehrfeld / PRODUKTION eine BurkertBareiss Produktion der Cinecentrum Berlin, Dagmar Rosenbauer, Gloria Burkert, Andreas Bareiss / REDAKTION Daniel Blum ZDF

Preis für Regie an
STEPHAN WAGNER für „DER FALL JAKOB VON METZLER“ (ZDF)

REGIE Stephan Wagner / BUCH Jochen Bitzer / KAMERA Thomas Benesch / KOSTÜMBILD Petra Kilian / SZENENBILD Thomas Franz / SCHNITT Gunnar Wanne-Eickel / MUSIK Ali N. Aski / MIT Robert Atzorn, Uwe Bohm, Johannes Allmayer / PRODUKTION teamWorx Television & Film GmbH, Nico Hofmann, Benjamin Benedict / REDAKTION Caroline von Senden, Katharina Dufner ZDF

Preis für Drehbuch an
MAGNUS VATTRODT für „LIEBESJAHRE“ (ZDF)

REGIE Matti Geschonneck / BUCH Magnus Vattrodt / KAMERA Carl-Friedrich Koschnick / KOSTÜMBILD Anneke Troost / SZENENBILD Naomi Schenck / SCHNITT Karola Mittelstädt / MUSIK Florian Tessloff / MIT Iris Berben, Peter Simonischeck, Nina Kunzendorf, Axel Milberg / PRODUKTION Moovie - the Art of Entertainment GmbH, Oliver Berben / REDAKTION Daniel Blum ZDF

3sat-Zuschauerpreis:
DER LETZTE SCHÖNE TAG (WDR)

REGIE Johannes Fabrick / BUCH Dorothee Schön / KAMERA Helmut Pirnat / KOSTÜMBILD Barbara Grupp / SZENENBILD Thilo Mengler / SCHNITT Monika Abspacher / MUSIK Oli Biehler / MIT Wotan Wilke Möhring, Matilda Merkel, Nick Julius Schuck / PRODUKTION Hager Moss Film GmbH, Kirsten Hager / REDAKTION Anke Krause, Götz Schmedes WDR

MFG-Star Nachwuchspreis
KADDISCH FÜR EINEN FREUND (BR/WDR/ARTE)

REGIE Leo Khasin / BUCH Leo Khasin / KAMERA Mathias Schöningh / KOSTÜMBILD Tina Keimel-Sorge / SZENENBILD Maximilian Lange, Olivier Meidinger / SCHNITT Horst Reiter / MUSIK Dieter Schleip, Fabian Römer / MIT Ryszard Ronczewski, Neil Belakhdar, Sanam Afrashteh / PRODUKTION SiMa Film, Sigrid und Martin Bach GbR, Martin Bach / REDAKTION Lucia Keuter WDR, Jochen M. Randig WDR, Birgit Metz BR, Georg Steinert ARTE

Hans Abich Preis für „besondere Verdienste im Bereich Fernsehfilm” an
KLAUS DOLDINGER

Rolf-Hans Müller Preis für Filmmusik an
den Komponisten DANIEL SUS für die Musik zum Kinofilm „Sommer auf dem Land“. Der alle zwei Jahre vergebene Preis ist mit 10.000 Euro dotiert.

Preis der Studenten der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg
DAS MEER AM MORGEN (ARTE, BR,NDR,SWR)

Quelle: FAZ.NET mit dem Pressetext des Fernsehfilm-Festivals

 
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