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Fernsehfilm „Der Liebeswunsch“ : Dann schaut doch lieber Fußball

Beim Dreh vor sieben Jahren noch ungeheur jung: Jessica Schwarz als Anja Bild: NDR/NFP neue film produktion

Vor sieben Jahren ist der Film „Der Liebeswunsch“ nach einer Vorlage von Dieter Wellershoff produziert worden. Er war im Kino, es gibt ihn auf DVD, nun wird er von der ARD lieblos versendet. Das ist mehr als eine Frechheit.

          Offener und exemplarischer als im Fall des Films „Der Liebeswunsch“ hat sich der Zynismus, mit dem das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinen gebührenzahlenden Zuschauern begegnet, selten einmal gezeigt. Denn was uns der Norddeutsche Rundfunk im Hauptprogramm der ARD heute Abend zur angeblich besten Sendezeit als Erstausstrahlung offeriert, ist nichts anderes als das letzte Abspulen einer Literaturverfilmung am Ende ihrer Verwertungskette. Es ist, kurzum, schlechte Routine in einer lieblosen und gedankenlosen Form, also eine Frechheit.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer nichts dafür kann, ist Dieter Wellershoff, der inzwischen siebenundachtzig Jahre alte Autor der Romanvorlage. Ihm, einem der großen Realisten unserer Gegenwartsliteratur, war im Jahr 2000 mit dem „Liebeswunsch“ der erste wirkliche Bestseller-Erfolg in seinem damals bereits vier Jahrzehnte währenden Schreibleben geglückt. Ein Erfolg, der verdienter nicht hätte sein können. Bis heute hat der Roman nichts an Faszination eingebüßt, auch beim neuerlichen Lesen offenbart sich Wellershoffs erzählerische Meisterschaft auf nahezu jeder der vierhundert Seiten.

          Filmplatz 17.998 bei Amazon

          Die Filmrechte am Buch sicherte sich alsbald die private Münchner Firma Allmedia Pictures. Absehbar wurde eine Verfilmung aber erst, als sich die aus Steuermitteln schöpfenden Filmförderanstalten der Länder Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Niedersachsen und Bremen hinzugesellten. Weil aber auch das nicht reichte, reihten sich unter die Mitproduzenten der österreichische ORF, der deutsch-französische Kulturkanal Arte und der NDR ein, jeweils natürlich mit Gebührengeldern.

          Gedreht wurde unter der Regie und nach dem Drehbuch von Torsten C. Fischer im Jahr 2005. Dann ging der Film auf die übliche Tour durch die Festivals und kam im Frühjahr 2007 in die Kinos: „Publikumsansturm: lau“ notierte damals das Programmportal Kino.de. Im Sommer 2008 erschien die DVD, die es bei Amazon nicht weiter brachte als bis zum Filmplatz 17.998.

          Seither ruhte „Der Liebeswunsch“ im Archiv des federführenden NDR. Den Vorspann ziert denn auch ein „besonderer Dank an Doris J. Heinze“, die einstige Fernsehspielchefin des Senders, die im September 2009 wegen eines Drehbuchskandals ihren Posten verlor. Nach wie vor im Abspann zu lesen ist auch der Hinweis, der Film basiere auf Wellershoffs gleichnamigem Roman, „erschienen im Rohwolt Verlag“, der in Wirklichkeit Rowohlt heißt, mit dem bei Kiepenheuer & Witsch in Köln veröffentlichten Buch indes nie etwas zu tun hatte.

          „Der Liebeswunsch“ und Jessica Schwarz ruhen seit 2008 - nun kommen sie ins Fernsehen Bilderstrecke

          Schiere Nachlässigkeit, könnte man begütigend sagen und an die Querelen um die gekündigte Fernsehspielchefin denken. Und man könnte ins Feld führen, dass es den deutschen Kinofilm ohne staatliche wie öffentlich-rechtliche Förderung wohl kaum noch gäbe. Im Falle des „Liebeswunsches“ aber kommt neben der ganz ungewöhnlich langen Dauer zwischen der Kino- wie der DVD-Auswertung und der Ausstrahlung in der ARD aber noch etwas Hanebüchenes hinzu: Die Fernsehzuschauer, die als Steuer- wie Gebührenzahler diesen Film nahezu vollständig finanzierten, dürfen ihn dafür am Ende nur in einer von hundertzehn auf neunzig Minuten heruntergekürzten Fassung sehen.

          Der ewigen Literaturstudentin ist auf Erden nicht zu helfen

          Zudem ist der scheinbar optimale Sendeplatz um 20.15 Uhr in direkter Konkurrenz zur heutigen Champions-League-Übertragung bei Sat.1 bestenfalls die Hälfte wert. Weshalb es ein offenes Geheimnis ist, dass die Sender gegen den massenträchtigen Fußball am liebsten jene Filme ins Programm nehmen, an denen ihnen wenig liegt - oder die sie im Windschatten der Quote versenden, weil sie als zu anspruchsvoll gelten. Exekutiert wie heute Abend beim „Liebeswunsch“, führt sich die öffentlich-rechtliche Koproduktion von Kinofilmen jedenfalls selbst ad absurdum.

          Seinen bleibenden Rang verdankt der Roman vor allem dem produktiven Gegensatz zwischen dem Autor und seiner Hauptfigur. In den genuin erzählerischen Werken vor wie nach seinem erfolgreichsten Buch hat es der studierte Psychologe und literaturtheoretische Großessayist Dieter Wellershoff nicht immer vermocht, seine Intellektualität und sein analytisches Vermögen in reine Narration zu verwandeln. Im „Liebeswunsch“ aber entlässt er Anja, diese so irrational wie unbedingt ihren Empfindungen folgende Frau, seinerseits bedingungslos in die letztlich nicht zu begreifende Welt der ziellosen Sehnsucht und der absoluten Leidenschaft. Anja, der ewigen Literaturstudentin, ist auf Erden nicht zu helfen, obwohl ihr alle - der verständige Ehemann, die sensible Medizinerfreundin und der skrupulöse Liebhaber - auch dann noch helfen wollen, wenn sie ihrer längst überdrüssig sind oder von ihr enttäuscht werden. Sie verwahrlost inmitten eines wohlsituierten Ambientes - und sie verwahrlost aus grenzenloser, deshalb antibürgerlicher Liebesbereitschaft.

          In Torsten C. Fischers Verfilmung wird Anja von Jessica Schwarz gespielt. Ihr Mann Leonard ist Tobias Moretti, ihre Freundin Marlene stellt Barbara Auer dar, Ulrich Thomsen ist Marlenes Mann und Anjas Liebhaber. Die Kamera von Theo Bierkens lässt das wahlverwandtschaftliche Beziehungsquartett in edlen Innenräumen mit- und gegeneinander agieren, stellt die Figuren in kühle Stadtpanoramen und verlorene Landschaften. Auch wenn es auf der Tonspur viel zu viel Cello gibt, ist „Der Liebeswunsch“ ein durchaus passabler Film. Den Roman aber verkleinert er. Und angesichts der noch weiter verkleinernden Form, in der ihn das Fernsehen am Ende der Verwertungskette nun endlich zeigt, darf man den Fußball bei Sat.1 mehr als in Erwägung ziehen.

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