03.08.2006 · Er mag Kino, aber Fernsehen findet er faszinierender. Vielleicht kompensiert Bora Dagtekin, Drehbuchautor der ARD-Serie „Türkisch für Anfänger“, mit seinem Job aber auch nur die Fernseh-Unterversorgung in seiner Jugend. Ein Porträt.
Von Peer SchaderWenn junge Menschen nach dem Abitur zum Fernsehen wollen, machen sie ein Praktikum bei „logo“. Besonders Mutige verpflichten sich für ein halbes Jahr bei „taff“ oder lassen sich auf die Warteliste setzen, um im ARD-Hauptstadtstudio mal Thomas Roth den Kaffee zu bringen. Aber man muß das nicht so machen. Bora Dagtekin zum Beispiel ist erst mal in die Werbung gegangen.
Im Internet hat er sich die Tests der Agenturen heruntergeladen und brav die Aufgaben erfüllt: „Schreiben Sie einen lustigen Dreißigsekünder für ein Spülmittel.“ Und: „Sie haben vier Zeilen Platz, sich darzustellen. Seien Sie kreativ!“Das muß mindestens so gruselig gewesen sein wie ein Praktikum beim Fernsehen, aber einer Agentur hat das Ergebnis gefallen. Sie hat Dagtekin eingeladen, dabehalten und ihm die Ausbildung an der Werbetexterschule bezahlt.
„Dann bin ich lieber schlecht“
Eigentlich könnte er jetzt zufrieden in einem Hamburger Büro mit Spreeblick sitzen, gegen gutes Geld ab und an mal eine Kampagne für nörgelnde Großkunden entwickeln und abends auf hippe Alsterpartys gehen. Macht er aber nicht. Statt dessen sitzt Dagtekin mit schwarzem Shirt und Jeans an einem schäbigen Schreibtisch in der Märchenvilla der Produktionsfirma Hofmann & Voges am Stadtrand von München, wo man mittags beim Feinkostitaliener um die Ecke Nudeln mit Rucolapesto holt, wenn man nicht verhungern will, und schreibt. Seit Ende Juni laufen in Berlin die Dreharbeiten für die zweite Staffel seiner Vorabendserie „Türkisch für Anfänger“. Im Mai hat die ARD vierundzwanzig neue Folgen bestellt, obwohl die Quoten nicht ganz so toll waren. Macht nichts, Dagtekin hat trotzdem gleich weitergeschrieben, als die erste Staffel eingetütet war. Was soll man sonst auch tun, wenn es noch so viele lustige Ideen gibt?
Der siebenundzwanzig Jahre alte Dagtekin will kein Klischee-Drehbuchautor sein, nicht schwermütig und erst recht nicht antikommerziell. „Dann bin ich lieber schlecht“, sagt er. Aber darüber muß er sich eigentlich keine Sorgen machen. Nicht nach „Türkisch für Anfänger“, in dem sich die deutsche Psychologin Doris in den türkischen Polizisten Metin verliebt und die Kinder der beiden mit einer Haushaltszusammenführung überrumpelt. Mittendrin steht die sechzehn Jahre alte Lena, die mit der neuen Situation nicht zurechtkommt, weil sie schon genug damit zu tun hat, ihr eigenes Emotionschaos unter Kontrolle zu halten.
Eine sehr spezielle Motivation
„Türkisch für Anfänger“ ist keine plumpe Sitcom, wie es sie bei uns zuhauf gibt, und auch kein Abklatsch von irgend etwas, das schon hundertmal dagewesen ist. Die Serie nimmt ihr Publikum genauso ernst wie ihre Charaktere und überrascht immer dann, wenn man als Zuschauer damit rechnet, gleich eines der üblichen Klischees über Türken und Deutsche um die Ohren gehauen zu bekommen. Vor kurzem ist sie beim Festival de Television in Monte Carlo in der Kategorie „Outstanding European Producer/Comedy TV Series“ ausgezeichnet worden.
Dagtekin sagt: „Ich kann nichts abgeben, wenn ich weiß, daß ich nur halbe Kraft gegeben habe.“ Das klingt rührend idealistisch in einer Branche, in der auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern immer häufiger zuerst auf die Marktanteile geschielt wird. Aber es scheint zu funktionieren. Seinen Werbejob hat Dagtekin vor ein paar Jahren aufgegeben, weil er nicht mehr zusehen wollte, wie Zigarre rauchende Chefs im Anzug Entwürfe vom Tisch fegen und brüllen: Das ist alles Mist, der Kunde springt uns ab! Er ging nach Berlin, schrieb dort bei Grundy-Ufa für „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und merkte, daß es eine sehr spezielle Motivation braucht, sich Geschichten auszudenken, in die man möglichst gut den neuen Song von Jeanette Biedermann einbauen kann. Schließlich wurde er im Drehbuchkurs der Filmakademie Ludwigsburg angenommen. Über die Abschlußarbeit - eine Action-Umsetzung von Schillers „Räuber“ - wunderten sich die Prüfer ein wenig, aber daran ist Dagtekin gewöhnt. Jetzt macht er das, was von vornherein der Plan war: ungewöhnliche Geschichten für das Fernsehen schreiben.
„Ich mag Kino. Aber Fernsehen ist faszinierender“
Vor „Türkisch für Anfänger“ arbeitete Dagtekin an der RTL-Serie „Schulmädchen“ mit und an „Wilde Jungs“, das bei Pro Sieben im Giftschrank liegt, weil es damals dem neuen Geschäftsführer nicht gefiel. Klingt nicht gerade nach einem idealen Karrierestart. Aber so lernte Dagtekin immerhin den Produzenten Philip Voges kennen, der ihm die Zusammenarbeit für „Türkisch für Anfänger“ anbot, weil Dagtekin die sensationelle Qualifikation besaß, selbst Halbtürke zu sein. Mit der Produktionsfirma Polyphon sitzt er nun an einer Romantic Comedy für RTL, und man hat den Eindruck, daß da gerade einer dabei ist, sich in der Branche unentbehrlich zu machen: Er gehört zu einer Generation von Drehbuchautoren, für die das Fernsehen mehr ist als ein blöder Kommerzkasten.
„Die meisten Autoren, die aus der Ausbildung kommen, stecken ihre Energie immer noch in Kinofilme, kaum einer interessiert sich für Serien“, sagt Dagtekin. An der Uni riet man ihm: Mach was Richtiges, bloß keine Serien! Aber das war vergebens. „Ich mag Kino. Aber Fernsehen ist viel faszinierender, schneller, näher dran am Menschen.“ Das bedeutet freilich nicht, daß Dagtekin ablehnt, wenn ihn jemand fragt, ob er Lust hat, an einem Film für Til Schweiger und Alexandra Maria Lara mitzuschreiben. „Special“ kommt im Herbst in die Kinos.
Warum senden die diesen Mist?
Vielleicht kompensiert der ehemalige „GZSZ“-Autor mit seinem Job die Fernseh-Unterversorgung in seiner Jugend. „Meine Mutter ist Lehrerin, ich bin weniger mit Fernsehen, sondern vor allem mit Büchern aufgewachsen, den ganzen Problemromanen: ,Die Wolke', ,Die grüne Wolke' und ,Wolke 3 - Jetzt wird's richtig grün'“, scherzt er. Wenn man sich mit Dagtekin über das Fernsehen unterhält, merkt man, daß er das alles längst aufgeholt hat. Und sich ziemlich wohl fühlt mit dem, was ihn plötzlich alle machen lassen. Man müsse ja nicht immer nachvollziehen können, wie in Deutschland Programm gemacht werde. Manchmal sitzte man im Meeting und irgendwer vom Sender sagt zu einer neuen Idee: Mein Sohn fand's super. Schon hat man gewonnen. Und gut zu wissen, daß manchmal Minderjährige entscheiden, was Millionen von Zuschauern im Fernsehen interessieren soll.
Dem deutschen Fernsehen würde ein bißchen amerikanische Lockerheit guttun, findet Dagtekin: „In den Vereinigten Staaten machen sie auch Trash und Unterhaltung. Aber sie lieben ihre Produkte. In Deutschland ist das oft anders. Bei manchen Serien habe ich das Gefühl, die Firmen wollen bloß Geld verdienen. Was übrigbleibt, wird in Prestigeprojekte investiert.“ Und nachher argumentieren die Sender, wie günstig doch die Massenware von der Konkurrenz war, wenn mal ein Budget für eine Serie nicht an der untersten Kante entlangschrammt.
Wenn er sich ein Projekt aussuchen könnte, würde er ein Katastrophenstück drehen, in dem man nichts vom eigentlichen Unglück sähe, sondern bloß dessen Auswirkungen auf den Alltag in einer verrückten Familie. Klingt nicht gerade so, als warteten sie bei Sat.1 oder der ARD auf so etwas. Aber das findet Dagtekin nicht weiter schlimm. Als Autor sitzt man nachher immer vor dem Fernseher und wundert sich: Warum senden sie diesen Mist und nicht das, was ich angeboten habe? Vielleicht will man die Antwort darauf gar nicht wissen. Sie könnte mit minderjährigen Experten zu tun haben. „Das Schöne ist ja, daß eigentlich niemand in der Branche so genau weiß, was das Geheimnis erfolgreicher Programme ist“, sagt Dagtekin. „Bis auf die Zuschauer. Aber die verraten's meistens nicht.“
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