14.06.2008 · Die Afghanen mögen indische Fernsehserien. Jedenfalls erzielen sie hohe Einschaltquoten. Die Islamisten, die in der Regierung von Präsident Karzai sitzen, sehen sie weniger gerne und wollen sie ihrem Volk verbieten. Dabei geht es ihnen nicht nur um Werte, sondern auch um die Machtverteilung im Land.
Von Friederike Böge, KabulKein Wunder, dass Afghanistans Mullahs keine indischen Fernsehserien mögen. Beim Abend- und Freitagsgebet bleiben viele Gläubige lieber zu Hause, wenn zur gleichen Zeit ihre Lieblingsserie läuft. Einige Imame haben deshalb sogar schon den Gottesdienst verschoben. Vor allem gegen die Sendung „Die Schwiegermutter war auch einmal eine Schwiegertochter“ haben die Geistlichen keine Chance. Sie erreicht nach Angaben des Senders Tolo in den Städten Einschaltquoten von neunzig Prozent.
Seit Monaten läuft der Oberste Rat der Geistlichen Sturm gegen die Serien. Auch viele Pädagogen haben mahnend den Zeigefinger erhoben. Daraufhin ließ Kulturminister Abdul Karim Khurram fünf der beliebtesten indischen Seifenopern verbieten. Sie seien unmoralisch, unislamisch und verstießen gegen das Mediengesetz, sagt der Minister. Zwei Fernsehstationen, Tolo und Afghan TV, haben sich der Anordnung widersetzt. Sie senden weiter. Gegen sie ermittelt nun die Generalstaatsanwaltschaft in Kabul.
Die Moral des Landes
Vordergründig geht es bei dem Streit um Kulturpolitik. Wie viel ausländischen Einfluss verträgt die afghanische Volksseele? Gefährden nackte Frauenbäuche und hinduistische Vielgötterei die Moral der Jugend? Doch wie immer, wenn in Afghanistan um den vermeintlichen Verfall der islamischen Sitten gestritten wird, geht es um Machtpolitik. Es geht um die Beziehungen zu den Nachbarstaaten Indien und Pakistan, um den wachsenden Einfluss radikal-islamischer Kräfte in der Regierung, und es geht um die Machtverteilung zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen im Land.
Der Kulturminister begründet das Verbot mit der Fürsorgepflicht des Staates gegenüber Kindern und Verbrauchern. „Die Serien, die wir verbieten wollen, haben in der Gesellschaft Probleme verursacht“, sagt Khurram. In einigen Familien hätten die Sendungen sogar zu Gewalt geführt, weil Kinder sich den Anordnungen ihrer Eltern widersetzten. „Selbst diejenigen, die die Serien gucken, fordern, dass sie verboten werden“, behauptet der Minister. „Es ist wie bei einer Droge. Die Leute wissen, dass sie schlecht ist, aber sie konsumieren sie trotzdem.“
Präventivschlag gegen kritische
Der Direktor des größten afghanischen Fernsehsenders Tolo, Jahed Mohseni, wirft der Regierung dagegen vor, mit dem Serienverbot politisch unliebsame Sender schwächen zu wollen. „Anstatt unsere Politik-Programme direkt anzugreifen, zielen sie auf unsere Finanzen. Damit versuchen sie, uns abzuschalten“, sagt Mohseni. Mit den Publikumsschlagern spielt Tolo einen Großteil seiner Werbeeinnahmen ein. Mohseni unterstellt der Regierung einen „Präventivschlag“ gegen kritische Medien. „Wir befürchten, dass es mit den Wahlen im kommenden Jahr zu tun haben könnte.“
Tolo hat viele Gegner. Das verraten schon die Barrikaden, die die Zufahrtsstraße zum Sender versperren, und der Wächter mit der Kalaschnikow im Anschlag. Wegen seiner kritischen Politmagazine wird der aus Australien zurückgekehrte Mohseni in Regierungskreisen bisweilen als „Feind Afghanistans“ bezeichnet. Wegen seiner kulturellen Tabubrüche steht er im Dauerclinch mit islamistischen Kreisen. Kritiker werfen dem mit amerikanischen Entwicklungsgeldern unterstützten Sender vor, Skandale zu provozieren, um Quote zu machen. Nach eigenen Angaben hält er einen Marktanteil von mehr als sechzig Prozent. Unter den rund ein Dutzend Konkurrenten sind auch mehrere im Besitz hochrangiger Regierungsmitglieder, die das Serienverbot sicher gern unterstützt haben.
Viele Beobachter sehen in dem Schritt aber vor allem ein Indiz für das wachsende Selbstbewusstsein islamistischer Kreise in der Regierung. Bis vor zwei Jahren wurde das Kulturministerium von einem liberalen Exilafghanen geleitet. Der heutige Minister ist ein ehemaliges Mitglied der islamistischen Partei des Mudschahedinführers Gulbuddin Hekmatyar, der noch immer gegen die Regierung kämpft. Ehemalige Mitglieder der Hisb-e Islami mit guten Verbindungen nach Pakistan haben sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen und sich Posten gesichert.
„Propakistanische Kreise in der Regierung haben sich für das Verbot der Serien stark gemacht“, sagt der liberale Parlamentarier Mir Ahmad Joenda, der zu den Vorkämpfern für Medienfreiheit gehört. „Pakistan hat Angst vor dem Einfluss indischer Kultur in Afghanistan.“ Eine der ersten Reaktionen auf das Verbot kam denn auch von der indischen Botschaft. Sie warnte den Erzfeind Pakistan davor, sich in die kulturellen Beziehungen ihres Landes einzumischen. Indische Popkultur ist nach dem Sturz der damals von Pakistan unterstützten Taliban zum Symbol einer neuen Freiheit geworden. Die Jugend kopiert die Moden der Hindi-Stars.
Wer will schon Freiheit?
Selbst in konservativsten Regionen läuft in Teehäusern und Eiscremeläden permanent der Fernseher. Die neue Freiheit hat aber auch eine Wertediskussion ausgelöst - die bisweilen an die Einführung des Privatfernsehens in Deutschland erinnert. Mehr Bildung, weniger Unterhaltung fordern wohlmeinende Eliten, die das einfache Volk und die Frauen vor den Irrungen der Massenkultur bewahren wollen. „Jeder fordert gern mehr Bildungsprogramme, aber sobald du sie anbietest, schalten alle ab“, kontert Tolo-Direktor Mohseni.
Islamische Konservative sehen in den Privatsendern den Beweis für die moralische Verkommenheit des neuen politischen Systems. Um solche Menschen zu treffen, braucht man weder in den umkämpften Süden zu fahren noch einen verknöcherten Mullah aufzusuchen. Unter der aufstrebenden Elite in Kabul gibt es viele, die solchen Ideen anhängen. „Die Leute wollen nicht so viel Freiheit“, sagt Muhammad Mustafa Mustaan, ein Regierungsmitarbeiter Ende zwanzig, der nebenbei politische Kommentare schreibt. „Abtreibung, uneheliche Kinder, Mädchen, die von zu Hause weglaufen, HIV, all das hat zugenommen“, sagt Mustaan. Viele Menschen seien nun gegen die Regierung, weil sie als unislamisch und ihre Ideologie als Westimport betrachtet werde, meint er. Das Verbot der Serien sei nötig gewesen, um der Propaganda der Aufständischen im Süden zu begegnen.
Kampf um Werte und Macht
Größer noch als Mustaans Abneigung gegen indische Seifenopern ist aber seine Wut auf den Fernsehsender Tolo, der von paschtunischen Nationalisten als anti-paschtunisch betrachtet wird. Die Wut ist so groß, dass Mustaan das Wort „kultureller Genozid“ angemessen erscheint. Dahinter steht ein seit langem schwelender Streit über das Verhältnis zwischen den beiden afghanischen Hauptsprachen Paschtu und Dari in den Medien. Viele Paschtunen, die sich als natürliches Herrschaftsvolk des Landes betrachten, sehen ihre Dominanz durch den Erfolg dari-sprachiger Medien gefährdet. Es sei kein Zufall, glauben deshalb manche Beobachter, dass von dem Serienverbot nur dari-synchronisierte, nicht aber paschtusynchronisierte Programme betroffen seien.
Tolo und Afghan TV suchen derweil den Dialog mit dem Rat der Geistlichen. Eine Einigung sei möglich, glaubt Fernsehdirektor Mohseni. Schließlich habe man schon in der Vergangenheit Sendungen zensiert: nackte Haut gepixelt und Dialoge in der Synchronisation geändert. Nötig sei eine öffentliche Diskussion darüber, was genau „islamisch“ und was „unislamisch“ sei. „Wir brauchen klare Regeln. Sonst kommt als Nächstes jemand und sagt, Fernsehen an sich ist unislamisch.“