05.09.2007 · Eine herausragende ARD-Dokumentation widmet sich den Opfern der RAF. Sie zeigt, welche Anstrengungen die Leidtragenden unternehmen müssen, um darzustellen, dass ihnen oder ihren Angehörigen die Gewalt zu Unrecht angetan wurde.
Von Nils MinkmarRAF-Geschichte wird bis heute gern in der Form der alten Geschichtswissenschaft von oben betrieben: Harte Männer und ein paar verwegene Frauen haben Geschichte geschrieben, während das Land im Fernsehen zugeguckt hat. Dabei wird vergessen, dass mindestens ein Medium, in dem diese Geschichte geschrieben wurde, das Leben von anderen Männern und Frauen war, die darum wirklich nicht gebeten hatten. Die Geschichte der RAF, die zum Jahrestag wie ein böses Gespenst die Bildschirme heimsucht, wurde auch mit der Biographie von Hans Eckhardt geschrieben, einem Hamburger Polizisten, der fünfzig Jahre alt war, als er 1972 zu einem Einsatz in eine sogenannte konspirative Wohnung gerufen wurde.
Es war die Zeit vor den Sondereinsatzkommandos, die heute auch dann anrücken, wenn verwirrte alte Berliner im Feinrippunterhemd mit ihrem Weltkriegsandenkengewehr auf Tauben anlegen. Doch 1972 gab es für normale Polizisten keine Panzer, keine Helme und keine Blend- und Rauchgranaten, auch der Polizist war Bürger in Uniform. Die an jenem Tage zu verhaftenden Personen sahen die Verhältnisse im Lande aber ganz anders und hatten Kriegsmunition geladen, Hans Eckhardt wurde von drei abgefeilten Kugeln getroffen, solchen, denen man irgendwann den grausam lautmalerischen Namen Dum-Dum-Geschosse verliehen hatte. Er starb nicht sofort, erst im Krankenhaus. Seine Frau war zu ihm geeilt und musste feststellen, dass der Mann, der die Schüsse abgegeben hatte, der, den Eckhardt hatte festnehmen wollen, im selben Krankenzimmer lag.
Mein Leben wäre anders verlaufen
Die Geschichte von Hans Eckhardt ist auch die Geschichte seiner Witwe Annemarie: „Die RAF hat nicht nur ein, sondern zwei Leben beendet. Auch mein Leben wäre ganz anders verlaufen, wenn sie ihn nicht erschossen hätten!“ Annemarie Eckhardt eröffnet den Film von Anne Siemens und Henning Rütten, und gleich ihr erster Satz erschüttert und beschämt: „Mein Mann ist fast vergessen. Ich will nicht, daß man ihn ganz vergisst.“ Mit den stets unzulänglichen Instrumenten der Dokumenation tastet sich der Film an das Leben von Heinz Eckhardt heran, so wie er es bei einer Reihe anderer Opfer tun wird: Man sieht Jugend- und Glücksfotos, erfährt etwas zu seinem Lebenslauf und seiner Berufswahl, es entfaltet sich die Welt und die Person, die im Falle von Eckhardt am 2. März 1972 im Heimhuder Weg in Hamburg auf ein einziges Wort reduziert wurde: Opfer.
Und wer sprach schon gern von den Opfern? Und um was zu sagen? In erstaunlichem Ausmaß prägte die Sicht der RAF - linker Fortschritt gegen kryptofaschistisches Establishment - auch die Beschäftigung mit den Opfern. In diesem ganz den Opfern gewidmeten Film wird deutlich, welche Anstrengungen die Leidtragenden unternehmen müssen, um darzustellen, dass ihnen oder ihren Angehörigen die Gewalt zu Unrecht angetan wurde: weil sie immer Sympathie für die Studentenbewegung hatten; weil sie keine Nazis waren im Krieg, weil sie sich immer schon gegen das Unrecht in der Dritten Welt ausgesprochen haben. So erklären sich die Angehörigen von Gerold von Braunmühl, von Hanns Martin Schleyer sowie der Opfer des Attentats auf die deutsche Botschaft in Stockholm, die Familien Hillegaart und von Mirbach.
Zerstörtes Vertrauen
Die Familie Ponto, die in dem Buch von Anne Siemens zum selben Thema besonders erhellende Aussagen veröffentlichen ließ, kommt im Film leider nicht vor, ihr Vertrauen in die aufklärerische und tröstende Kraft der Öffentlichkeit scheint endgültig zerstört. Jede Familie hat, und zwar weitgehend ohne äußere Hilfe, einen eigenen Weg gefunden, mit dem Verlust umzugehen. Man kann den Mut und die Klarsicht der hier zu Wort kommenden Personen nur bewundern, sei es den common sense des Copiloten der „Landshut“, Jürgen Vietor, sei es das Engagement, mit dem die einstige Stewardess und heutige Künstlerin Gabriele von Litzau die Tage an Bord der entführten Maschine schildert.
Unvergesslich werden auch die Aussagen der Tochter des Fahrers von Karlheinz Beckurts, Eckhard Groppler, bleiben, die Trauer und Rechtsstaatlichkeit gleichermaßen ernst zu nehmen gelernt hat. Es ist am Ende dann doch ein trauriger Film. Weniger, weil man sich über das Schweigen der RAF-Leute zu den Einzelheiten der Taten, das die Angehörigen nach wie vor sehr belastet, aufs Neue aufregen möchte, eher wegen der Feigheit, mit der die Medien, auch das Publikum an den politischen Pomp der Terroristen glauben wollten, sich immer wieder so ernsthaft mit ihm beschäftigt haben, weil das leichter schien als die Erkenntnis, dass alles absurd und vergebens war, der ganze RAF-Spuk.