13.06.2007 · Spätabends im französischen Fernsehen wird der Nazikitsch auf die Spitze getrieben: In einer Dokumentation zeigte der Sender TF1 private Filmsequenzen Eva Brauns und vermischte sie mit Klischees und Suggestionen.
Von Jürg Altwegg, GenfEin paar Monate vor dem Fall der Mauer reiste die Unterhaltungschefin des noch jungen französischen Privatsenders TF1 nach München. Mit Filmsequenzen, die Eva Braun gedreht hatte, kehrte sie nach Paris zurück - sogar „Le Monde“ berichtete. Im Klima der Wiedervereinigung begann die Vermarktung des Materials. 1991 zeigte TF1 einen Film „Les Yeux d'Eva“ (Evas Augen): Die braune Prominenz privat. Seither hat sich TF1 immer wieder mit Eva Braun beschäftigt.
Jetzt kehrte sie zu mitternächtlicher Sendezeit auf den Bildschirm zurück: nachts um halb zwölf, wenn die anderen Kultur senden. Es ist der Zeitpunkt, zu dem TF1 nach reißerischen Reality-Inszenierungen und perversen Talkshows verzweifelt versucht, die Zuschauer vom Gang ins Bett abzuhalten. Als „Exklusivität“ wurden vier Stunden Filmmaterial von Eva Braun angekündigt. Im Kleingedruckten war nur noch von einer „erstmaligen Verwertung“ in einem Dokumentarfilm die Rede. Ganz offensichtlich betreibt der Sender mit seinem Material ein permanentes Recycling. Gleichwohl berufen sich dessen Autoren Isabelle Clarke und Daniel Costelle auf ausführliche Recherchen und gute Beziehungen zu den „Archiven in Washington“.
Unsägliche Produktion
Doch besonders stolz sind sie auf die „bedeutenden Mittel“, die zur Restaurierung der Bilder aufgebracht werden konnten. Die Sequenzen wurden koloriert und den heutigen Erfordernissen des Privatfernsehens angepasst. Letztlich ist ihre Herkunft relativ unwichtig - sie waren auf TF1 im Wesentlichen bereits zu sehen. Und angesichts der neuesten Aufbereitung ist die Berufung der Autoren auf eigene Entdeckungen wenig kreditwürdig. Als einzige „Exklusivität“ der unsäglichen Produktion entpuppte sich der Dokumentarfilm selbst.
Der Film, fasst ihn Daniel Costelle zusammen, zeige „den schlimmsten Serienkiller, den berühmtesten Prominenten des Planeten, der ein kleinbürgerliches Leben in einem nicht sehr luxuriösen Chalet führt“. So wie Eva Braun den Führer gesehen habe - privat, mit ihrer Kamera. Sie wiederum ist noch öfter im Bild und wurde von ihrer Schwester gefilmt. Man sieht sie im Bikini und am Stufenbarren. Mit einem Kaninchen im Arm. „Über ihr Sexualleben hat sie sich nie beklagt“, sagt die Stimme aus dem Off - den Kommentar spricht ein Schauspieler. Er ist eine einzige Aufzählung von Klischees und Suggestionen. Eva Braun habe sich ein Pessar einsetzen lassen und als eine der ersten Frauen die Pille benutzt - man fasst es nicht. Hitler wird als Pädophiler dargestellt und der Beweis mit Bildern geliefert, auf denen er die Kinder „ein bisschen zu lang streichelt“. Die Eventualität eines homoerotischen Verhältnisses mit Speer wird diskutiert und die Frage aufgeworfen, ob Hitler nicht vielleicht Sadomasochist („mit Hang zur Skatologie“) war: Homestory bei den Hitlers - mit Blick durchs Schlüsselloch.
Nazikitsch auf die Spitze getrieben
Noch selten hat das Fernsehen den Nazikitsch derart auf die Spitze getrieben. Ganz ohne Pädagogik geht das nicht: Um jede „Empathie“ mit Hitler zu vermeiden, habe man zu den gefärbten Sequenzen die „schrecklichen Bilder des Kriegs und der Lager“ gestellt, sagt die Leiterin der Abteilung Dokumentarfilm von TF1. Auch sie wurden retuschiert, bleiben aber schwarzweiß. Dieses als Aufklärung gepriesene Vorgehen wird als „chromatischer Bruch“ bezeichnet.
„Die schrecklichen Bilder des Kriegs und der Lager“ werden keineswegs als historisches Alibi verwendet. Sie sind eiserner Bestandteil der Inszenierung. Ohne den wohldosierten Horror würde sich kein Mensch für die idyllischen Familienfilmchen interessieren: „Eva Braun, dans l'intimité d'Hitler“. Zum Film vermarktet TF1 einen Bildband.