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Fernsehen für Zuschauer Fromme Wünsche für 2008

02.01.2008 ·  Zum Jahresende zählten die Sender Marktanteile aus und dünkten sich - die einen mehr, andere weniger - erfolgreich. Doch fragt noch einer, was sich Zuschauer im Einzelnen wünschen? Wir haben Vorschläge fürs Fernsehjahr 2008 gesammelt.

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Zum Jahresende zählen die Sender Marktanteile aus und dünken sich - die einen mehr, andere weniger - erfolgreich. Doch fragt noch einer, was sich Zuschauer im Einzelnen wünschen? Wir haben Vorschläge.

Divenalarm

Ganz gleich, ob uns das Fernsehen auf eine Farm in Afrika mitnimmt, in ein Krankenhaus im Busch oder an die Mauer an der innerdeutschen Grenze: Veronica Ferres, Christine Neubauer & Co. waren immer schon da und gingen uns mit ihrem Superweib-Getue gehörig auf die Nerven. Stets zeigten sie sich mutig, irgendwie bodenständig und immer - selbst in der Katastrophe - hübsch frisiert; stets waren die Damen frei von Schwächen und durch und durch charakterstark - auch wenn die Zeichen in der afrikanischen Steppe oder in der eigenen Herzregion auf Untergang standen. Bei Trauer senkten sie den Kopf und ließen Tränen kullern, freuten sie sich, verzog der Mund sich zu einem breiten Lächeln, lauerte Gefahr, dann wanderte der Blick hektisch hin und her. Wenn selbst diese aus dem Grundkurs für Laiendarsteller stammenden Schauspielregeln zu versagen drohten, halfen weiche Hintergrundmusik und eine Kameraschwenk auf die bestechend schöne Landschaft, um zu zeigen, wie es gefühlsmäßig gerade um die Protagonistin steht.

„Deutschlands einzige Diva“, seufzte der ARD-Programmchef Günter Struve, nachdem Veronica Ferres als „Frau vom Checkpoint Charlie“ im Fernsehen zu sehen war. Und verwechselte dabei offenbar deren Präsenz als handyschwingende Werbeikone und nichtssagender Talkshowgast mit mimischem Talent. Denn eine echte Diva weiß auch durch gebrochene Rollen zu bestechen. Nie jedoch sahen wir eine der Damen eine Frau verkörpern, die an ihrer eigenen Zerrissenheit oder den widrigen Umständen zerbricht. Stattdessen treten sie als Abziehbild rosaroter Mädchenträume in Endlosschleife auf. Echte Diven dagegen machen sich mit wachsendem Ruhm rar.

Produzenten und Regisseure messen die Besetzung ihrer weiblichen Hauptrollen nicht am schauspielerischen Können der Bewerberinnen, sondern an der von ihnen erzielten Betroffenheitsquote. Es wäre deshalb vermessen zu hoffen, dass das Fernsehen 2008 auf seine „Diven“ verzichtet. Wenn es also wieder einmal mit Ferres & Co. im Gepäck nach Afrika oder sonst wohin geht: Beim nächsten Mal am besten ohne Text, nur mit Geigen. (kkr)

Samstagabend

Es ist ja leider so, dass bisher niemand das Buch geschrieben hat, wie man eine erfolgreiche Samstagabendshow zusammenstellt. Ein flotter Moderator hier, ein unterhaltsames Spielprinzip dort, dazu pfiffige Kandidaten und ungewöhnliche Gäste - wenn es bloß so einfach wäre. Ist es aber nicht. Kulenkampff, Frankenfeld und Carrell kann man nicht mehr fragen. Und wie früher einfach eigene Ideen auszuprobieren ist den meisten Sendern lange ein Graus gewesen. Bloß nicht das Publikum überraschen! Also waren sich Journalisten und Programmmacher zuletzt sicher: Die Samstagabendunterhaltung ist mausetot. Als Ausnahme durfte bloß Sonnabend-Solitär Thomas Gottschalk einsam Runden ziehen, und das ausgerechnet mit einer Show, der längst größere Aufmerksamkeit zuteil wird, als es gerechtfertigt wäre - gemessen an dem, was sie zu bieten hat.

Das mit der Mutlosigkeit hat sich schon vor einer Weile geändert. Das schönste Beispiel dafür ist Stefan Raab bei Pro Sieben gelungen, der fest daran glaubt, dass auch ein junges Publikum am Wochenende unterhalten werden will, nur eben zeitgemäß. Dabei ist „Schlag den Raab“ herausgekommen, die erste große Showidee in Deutschland seit Jahren, bei der auch Pro Sieben Mut bewies und nichts dagegen hatte, die Sendezeit mal anderthalb Stunden bis tief in die Nacht zu überziehen. Selbst

bei RTL wird wieder experimentiert, mit ganz anderer Vorsicht zwar, aber in Köln hat man 2007 zumindest getestet, wie sich „Unglaublich - Die Show der Merkwürdigkeiten“, Günther Jauchs „6! Setzen“ und die „Guinness-Show“ am Samstagabend schlagen. Das lief zwar mit sehr unterschiedlichem Erfolg, aber ein Anfang ist gemacht: Die Samstagabendshow ist nicht tot. Sie lag bloß lange im Koma.

Ausgerechnet ARD und ZDF geben sich davon unbeeindruckt. Gut, das Erste hat „Verstehen Sie Spaß?“ noch immer nicht abgesetzt, wehrt sich aber vehement dagegen, in neue Ideen zu investieren, vielleicht abgesehen von „Frag doch mal die Maus“ mit dem immerzu präsenten Jörg Pilawa. Und sosehr das ZDF sich mühen wird, moderner zu werden: Neues am Samstagabend zu wagen, hat sich in Mainz bisher niemand getraut. Das ist schade, vor allem, weil ARD und ZDF jahrzehntelang die deutsche Showkultur prägten. Wenn wir uns also etwas wünschen dürfen für 2008, dann das: Mehr Showideen für den Samstagabend, bei den Privaten genauso wie bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. An welche Klassiker aus den Zweitausender-Jahren sollen wir uns sonst in dreißig Jahren wehmütig zurückerinnern? (psr.)

Beratungsresistenz

Bis vor kurzem dachte man ja noch, die Aufgabe des Privatfernsehens beschränke sich darauf, die Menschen dumm und träge zu machen, um anschließend, wenn sie so weit sind, mit uninspirierten Programmen dafür zu sorgen, dass sie so bleiben. Dass seit einiger Zeit sogenannte Coaching-Shows (bei RTL 2 auch „Helptainment“ genannt) die Zuschauer aus ihrem Elend und damit auch aus ihrer Lethargie herausberaten wollen, ist deshalb durchaus überraschend und funktioniert wohl auch nur, weil im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Ratgebersendungen die Botschaft lautet: Bitte nicht zu Hause nachmachen (sondern lieber Zwegat oder Saalfrank rufen)! Im Prinzip könnte man all die Einrichtungs-, Schulden- und Erziehungsprobleme des Landes mit einem Schlag lösen, nämlich indem man einfach die sperrigen, teuren und kommunikationsfeindlichen Flachbildfernseher aus den Wohnzimmern verbannt, aber das wäre eben nur Help ohne -tainment.

Die Möglichkeiten für neue Shows, die so tun, als ob sie Menschen helfen, sind natürlich grenzenlos. Leider wissen das die Produzenten selber. Und so würde es niemanden wundern, wenn 2008 nicht nur Dutzende kauzige Ehe-, Ernährungs- und Einkaufsberater über die strukturellen gesellschaftlichen Probleme hinwegtäuschen, welche die Ursache der Symptome sind, die sie zu behandeln vorgeben, sondern wenn auch die bestehenden Shows ausgebaut werden. Naheliegend wäre eine Promi-Schuldnerberatung (etwa mit Leo Kirch oder Matthias Reim), eine „Super Nanny“-Staffel mit Erwachsenen (Nina Hagen und Martin Semmelrogge) oder eine Sendung, in der außergewöhnliche Menschen, die nicht dem Schönheitsideal der „Maxim“ entsprechen, aufgeblasenen Models beibringen, was Individualität und kritische Haltung ist. Schon anspruchsvoller wäre ein Berater, der bei Personen mit besonders drastischer Selbstüberschätzung Anspruch und Wirklichkeit in Einklang bringt und zum Beispiel aus Mario Barth einen lustigen Komiker macht oder aus Kurt Beck einen ernstzunehmenden Kanzlerkandidaten.

Noch wichtiger allerdings wäre sehr bald eine obligatorische Medienberatung für all die Menschen, die erst ein Fernsehteam in ihr Haus lassen und sich dann wundern, dass sie sich auf dem Bildschirm nicht wiedererkennen. (stau)

Pathologische Fälle

Manchmal ist der Eindruck, den das Fernsehen hinterlässt, schaurig. Im Jahr 2007 war er es an fast jedem einzelnen Tag. Sobald wir auf der Fernbedienung hin und her schalteten, setzte sich die Gewissheit auf einmal eiskalt in unseren Knochen fest. Da war es wieder. Dieselbe Geschichte in geringfügig veränderten Kostümen. Mal trug es einen blütenweißen Laborkittel, mal ein zerknittertes Jackett, gelegentlich blutroten Lippenstift, blieb aber immer unverkennbar - das allgegenwärtige Krimifernsehprogramm.

Weniger wäre fürs kommende Jahr deutlich mehr. Weniger Kriminalgeschichtenmasse und mehr von der Klasse, die in der Menge bisweilen unterzugehen droht. Gab es nicht früher einmal auch andere Sendungen: Nachrichten, Unterhaltungsshows, Fernsehspiele, Dokumentationen und Diskussionsrunden? Könnte man nicht einige von diesen in der Krimiflut halb ertrunkenen Formaten neu beleben? Das klingt angesichts der Krimimanie wie eine Utopie, aber man könnte ja mal drüber nachdenken.

Genauso, wie man darüber nachdenken könnte, 2008 sämtliche Gerichtsmediziner in den durch unzählige Überstunden verdienten Ruhestand zu schicken, in dem sie ganz unbeobachtet nach Lust und Laune an Leichen sägen könnten. Da es daneben aus Sicht der Programmentwickler zurzeit kaum eine glücklichere Verbindung gibt als die zwischen Fernsehkrimi und Städtemarketing, hätten wir ein paar Vorschläge. Warum Edinburgh und Dublin nur den Pilchers überlassen? Und wie wäre es neben dem Venedig Donna Leons und dem Triest Veit Heinichens mit dem Paris von Fred Vargas, oder Dublin, Warschau, Riga, Vilnius, Tallinn, Budapest, Prag, Ljubljana und Bukarest? Unser Wunschfavorit wäre der ultimative Istanbul-Krimi nach einem Drehbuch von Yasar Kemal oder Orhan Pamuk.

Mit Spannung, aber nicht ohne Unbehagen, sehen wir der Verfilmung des aktuellen Bestsellers des Krimistars Arne Dahl entgegen, die so sicher kommt wie das Amen in der Kirche. In „Ungeschoren“ geht es um den Mord am Chef eines schwedischen Fernsehsenders, der eine besonders eklige Castingshow zeigt. Unter Verdacht gerät ein Fernsehkritiker, dem das Programm übel aufgestoßen war. Das klingt nun wirklich frei erfunden. Und ganz besonders abgeschmackt. (hhup)

Nachrichtensperre

CNN ist ja schon lange kein Vorbild mehr. Für den amerikanischen Sender ist die Welt in einem permanenten Ausnahmezustand. Geht es einmal nicht um den Irak oder nicht um Bush, zeigen sich die Moderatoren von diesem Zustand allerdings schnell überfordert, oberflächlich und unkritisch sind sie sowieso. Das ist bei den hiesigen Hauptnachrichtensendungen etwas anders, doch haben sie - besser gesagt die „Tagesthemen“ und das „heute journal“, die gerade beide dreißig Jahre alt werden - ein anderes, ganz grundlegendes Problem. Sie dümpeln vor sich hin, schwimmen mit, schlagen selbst aber keine Wellen. Lange haben sie die Nachrichtenshows bei den Privatsendern belächelt und durften sich so wichtig fühlen, wie sie es inzwischen nur noch für die Politiker sind, die ihre Bedeutung anhand der Länge ihrer Wortmeldungen in ebendiesen Nachrichtensendungen und Talkshows bemessen. Und siehe da: Man verpasst nichts, wenn man die „Tagesthemen“ und das „heute journal“ nicht anschaut, denn bebilderte Agenturnachrichten und Nullkommentare braucht niemand. Damit trifft man vor allem die vom Internet geprägte Erwartungshaltung jüngerer Zuschauer nicht. Also soll bei den Nachrichten im Ersten und Zweiten alles anders werden, mit herumreisenden Moderatoren und persönlicher zugeschnittenen Autorenstücken. Das klingt nicht schlecht, aber vor der Wahl der Mittel müssten die Nachrichtenmacher erst einmal für etwas anderes sorgen: dass sie die Relevanz zurückgewinnen, die sie einmal besessen haben. (miha.)

Seelenverkäufer

208 Minuten haben die Bundesbürger 2007 im Schnitt pro Tag vor dem Fernseher verbracht. Das ist viel, aber es sind vier Minuten weniger als 2006. Die jüngeren Zuschauer haben die Sehsucht noch besser im Griff: Sie sahen 178 Minuten fern pro Tag, sechs Minuten weniger als 2006. Keine einzige Minute aber sollte man auch 2008 an die Anruf- und Astrosender verschwenden, deren brutaler Seelenverkauf ein einziger Skandal ist. Diesen zu beheben, dafür zahlen wir Rundfunkgebühren. Die Landesmedienanstalten, die von unseren 17,03 Euro Gebühren pro Monat 32 Cent abbekommen, sollten endlich tun, was ihres Amtes ist und die Abzocksender in die Mangel nehmen. Doch das werden wir auch 2008 nicht erleben. Die Medienaufseher liegen im Dornröschenschlaf. Und die hundert Jahre im Koma sind noch nicht um. (miha.)

Traumpaare

Es gibt Filme, die man von der Papierform her gar nicht anschauen möchte. Sie kommen freitags um 20.15 Uhr im Ersten, werden von der Degeto produziert und hören fast immer auf ein Ende, das der Volksmund happy nennt. Der weibliche Teil des glücklichen Paares sieht meist so aus wie Christine Neubauer. Die Drehbücher dazu könnte inzwischen jeder durchschnittlich begabte Zuschauer selbst ersinnen. Zum Jahresende zeigte uns das Erste einmal mehr ein solches Werk: „Niete zieht Hauptgewinn“. Der Kaffeehausbesitzerin Marie sollte ihr netter Schuppen dichtgemacht werden. Als Nutznießerin eines Gewinnspiels reist sie in ein Nobelhotel, in dem sie - welch Zufall - ausgerechnet mit dem Manager im Fahrstuhl stecken bleibt, der den Vertrag mit dem neuen Mieter ihres Cafés unterschreiben will. Welch wunderbare Fügung, dass dem Manager in dem Augenblick der Angstschweiß auf der Stirn steht.

So weit, so unerheblich. Sehenswert allerdings machte die Schmonzette das Schauspielerduo, das sich für „Niete zieht Hauptgewinn“ zum dritten Mal gefunden hat. Nach „Hengstparade“ und „Mathilde liebt“ lieferten sich Christiane Hörbiger und Michael Mendl abermals ein schauspielerisches Duell der Extraklasse. Das funktioniert ohne jede Eitelkeit. Lust am Spiel, Erfahrung, Vertrauen und Handwerk, das nie routiniert erscheint, ließen das dröge Drehbuch vergessen. Es ist kein Wiener Schmäh, wenn die Österreicherin Christiane Hörbiger ihren Münchner Kollegen lobt. „Er ist ein wunderbarer Schauspieler, er kennt den Beruf wie kaum ein Zweiter, er beherrscht die Emotionen, er hilft einem, er ist einfach ein Glücksfall“, sagt sie. Christiane Hörbiger neigt nicht zu Übertreibungen. Mit Traumrollen braucht ihr keiner zu kommen. Sie macht ihren Part zu einer solchen, auch wenn es der Papierform nach nicht danach aussieht - gemeinsam mit Michael Mendl. 2008 müsste man ihnen nur noch ein paar anständige Drehbücher geben. (mse.)

Quelle: F.A.Z., 31.12.2007, Nr. 303 / Seite 37
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