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Fernsehen Die Türkin und der Neonazi

02.04.2008 ·  Einen Film über eine verbotene Liebe zeigt das Erste heute Abend. Ein Brandanschlag führt Ayse und den ehemaligen Neonazi Kurt zueinander. Auf ein Happy End darf man nicht hoffen.

Von Karen Krüger
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Fernsehfilme, die Konflikte zwischen Deutschen und Türken thematisieren, die sich dem Problem der Ausländerfeindlichkeit widmen oder Phänomene wie den „Ehrenmord“ aufgreifen, haben in jüngster Vergangenheit zu bisher nicht gekannten, heftigen Reaktionen in Teilen der türkischstämmigen Bevölkerung geführt.

Im Dezember 2007 zogen Tausende von Aleviten durch die Kölner Innenstadt, um gegen den vom WDR produzierten „Tatort. Wem Ehre gebührt“ zu protestieren. Mit einigem Recht bemängelten sie, dass der Film Vorurteile aufnehme, deretwegen die Aleviten in der Türkei bis heute diskriminiert werden. Im Februar dann, kurz nach der Brandkastastrophe von Ludwigshafen, wurde die Ausstrahlung eines vom SWR produzierten „Tatorts“, in dem es um das Thema „Ehrenmord“ geht, verschoben (ARD verschiebt wegen Brand-Katastrophe „Tatort“ aus Ludwigshafen). Die Sendeanstalt begründete ihre Entscheidung mit dem Respekt vor der Trauer der Angehörigen - sicherlich aber spielte auch eine Rolle, dass angesichts der durch die türkischen Medien aufgeheizten Stimmung Proteste der türkischstämmigen Bevölkerung zu befürchten waren. Der Film läuft nun am kommenden Sonntag.

Die Pointe ins Gegenteil verkehrt

In der vergangenen Woche wurden in der türkischen Boulevardzeitung „Sabah“ die Produzenten der „Tatort“-Folge der Verantwortungslosigkeit bezichtigt und wurde davor gewarnt, sie auszustrahlen. Während nahezu jeden Tag Brände in von Türken bewohnten Häusern zu verzeichnen seien, sei es unverständlich, warum ein Film gesendet werde, der alle Türken als Täter von Ehrenmorden darstelle, sagte Aydin Yardimci, Vorsitzender eines türkischen Vereins, der sich „Verein für Demokratie in Europa“ nennt, in einem Interview. Dass der türkische Protagonist im besagten „Tatort“ sich jedoch gerade weigert, den „Ehrenmord“ an seiner Schwester zu begehen, verschweigt Yardimci und verkehrt damit die Pointe des Films ins Gegenteil. Filme, die sich mit Konfliktlinien des deutsch-türkischen Zusammenlebens auseinandersetzen, werden schon vor ihrer Ausstrahlung zum Politikum.

Nun zeigt das Erste einen Film, der wiederum zu Diskussionen führen könnte. „Brennendes Herz“ heißt das Stück - etwas unglücklich gewählt, weil in das Genre tumber Romantik verweisend. Es geht um die Liebe zwischen der Türkin Ayse (Ivan Subay) und dem ehemaligen Neonazi Kurt (Alexander Scheer). Die beiden kämpfen gegen Widerstände von zwei Seiten an: Ayses Bruder möchte, dass seine Schwester einen Türken heiratet, und sieht in Kurt immer noch den Neonazi, der er einmal war. Kurts Clique hingegen sieht in ihm einen Verräter. Sich seinen alten Freunden zu erklären gelingt Kurt nicht. Schon in den ersten Minuten des Films wird deutlich, dass der junge Mann besser mit den Fäusten sprechen kann, als sich mit Worten zu artikulieren.

In altes Fahrwasser hinein

Nach zwei Jahren Haft wird Kurt aus dem Gefängnis entlassen, aus Rache für erlittene Drangsalierung streckt er vorher noch den Wärter mit einem Faustschlag nieder. Kurt hat gesessen, weil er mit seinem Freund Bomber (Christoph Franken) eine Synagoge angezündet hat. Er habe damit „ein Zeichen setzen“ wollen, sagt er. Aus seiner Glatze ist eine zottelige Langhaarfrisur geworden, und auch die Neonazi-Kluft mit hochgekrempelten Jeans und Hosenträgern trägt Kurt nicht mehr. Sich auch sonst im Leben von seiner Vergangenheit zu lösen gelingt ihm aber nicht. Kaum aus dem Gefängnis entlassen, rutscht er wieder in seine alte Clique und damit in altes Fahrwasser hinein.

Aus Bomber und den anderen Jungs - vormals ein chaotischer Schlägerhaufen - ist eine gut organisierte rechtsradikale Zelle geworden, die ihre Anweisungen von einem ominösen „Führer“ im Internet erhält. Die arbeitslosen jungen Männer wünschen sich eine ausländerfreie Stadt, Macht und Ehre; ihr Geld verdienen sie mit selbstgedrehten Nazi-Pornos. Kurt dagegen möchte eine eigene Wohnung und Arbeit finden, er träumt davon, zu reisen und sich zu verlieben. Aus alter Freundschaft lässt er sich in einen Brandanschlag hineinziehen, rettet dann aber, als er die Tragweite seines Handelns begreift, die junge Türkin Ayse aus dem Flammenmeer.

Der Anspruch geht auf

Er habe seine Figuren nicht zu Abziehbildern soziologischer Thesen machen wollen, hat der Regisseur und Drehbuchautor Manfred Stelzer in einem Interview gesagt. Es sei ihm darauf angekommen, sie ihn ihrer Unbeholfenheit, wenn sie als Einzelne agieren, und in ihrer Gefährlichkeit als Gruppe zu zeigen. Dieser Anspruch geht auf, wobei Stelzers Augenmerk vor allem Kurts altem Umfeld gilt: Bomber ist ein Mitläufer, der aber zur Bedrohung wird, weil er keine eigene Meinung hat; seine Mutter, gespielt von Ingeborg Westphal, sieht in ihm immer noch den kleinen süßen Jungen, dessen Foto in ihrer Küche hängt.

Kurt hingegen versucht verzweifelt, der sich immer enger ziehenden Schlinge zu entkommen. Es ist auch die Art, wie der Hauptdarsteller Alexander Scheer die Figur des Kurt verkörpert, die den Film zu etwas ganz Besonderem macht: Sein schiefes Lächeln in kurzen Momenten des Glücks, sein staksiger, nur scheinbar selbstbewusster Gang und sein erst zögerliches, dann wie befreites Tanzen mit Ayse in der Disco werden uns in Erinnerung bleiben. Das Erste sollte nicht müde werden, solche Filme zu zeigen.

„Brennendes Herz“ läuft am heutigen Mittwoch Abend um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1975, Redakteurin im Feuilleton.

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