Home
http://www.faz.net/-gsb-vwa1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fernsehen Der Raub der Augsburger Puppenkiste

20.12.2007 ·  Urmel, Jim Knopf und der pfeiferauchende Zugführer Lukas sind aus dem Fernsehen nicht mehr wegzudenken. Doch neue Marionetten der Augsburger Puppenkiste gibt es seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Denn der Hessische Rundfunk scheut den finanziellen Aufwand.

Von Alex Westhoff
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Im Fernsehen kam das Urmel 1969 aus dem Eis gekrochen, Jim Knopf und der pfeiferauchende Zugführer Lukas fahren auf der Mattscheibe sogar schon seit 1962 durch Lummerland. Die Helden der Eltern aus der Augsburger Puppenkiste sind auch die Helden ihrer Kinder geworden. Viele der so liebevoll wie klar inszenierten Geschichten zwischen den Kistendeckeln sind zeitlos schön. Seit langer Zeit aber schon gibt es keine neuen Moritaten mit den Marionetten im Fernsehen mehr. Die Frage ist: Warum? Zumal die Augsburger Puppenbühne als Theater ausgebucht ist und sogar um die Welt zieht.

Zu Weihnachten 1995 endete die jahrzehntelange Zusammenarbeit zwischen der Augsburger und dem Hessischen Rundfunk mit dem Film „Der Raub der Mitternachtssonne“. Fünf Jahre später gab es ein kurzes Comeback: „Lilalu im Schepperland“ - ohne eine raschelnde Plastikplane, die das Meer darstellt, dafür mit einer poppig daherkommenden Prinzessin, die eher rapt als singt.

HR scheut finanziellen Aufwand

Solche Zugeständnisse an den Zeitgeist sind für die Fans der Puppenkiste sicher zu verschmerzen. Nur neue Marionetten, die Kinderwelten prägen, die gibt es nicht mehr. „An uns liegt das nicht“, sagt Klaus Marschall, Leiter der Augsburger Puppenbühne und Enkel des Puppenkiste-Gründers Walter Oehmichen. Die Gründe seien vor allem finanzieller Natur. Die Suche nach einem neuem Stoff, der in der Augsburger Puppenkiste zu verwirklichen ist und ausreichend Substanz hat, sei heutzutage sehr schwer. Besonders bekannt dürfe die Geschichte auch nicht sein.

Für die Verfilmung eines erfolgreichen Kinderbuchs zum Beispiel „wollen Autor und Verlag richtig Geld sehen“, sagt Marschall. Den finanziellen Aufwand inklusive der Produktionskosten für ein Puppenspiel im Fernsehen scheut gerade der Hessische Rundfunk. Für Barbara Uecker, Programmleiterin Familie, Bildung und Service bei den Hessen, sind die alten Puppenkisten-Filme noch „längst keine angestaubte Ware, sondern wunderschöne Produkte, die gerne gesehen werden“. Klingt ein bisschen wie: Wieso etwas Neues schaffen, wenn es das Alte auch tut.

Wer heute die Augsburger Geschichten sehen will, muss früh aufstehen

Die Zeiten, wo an den Adventssonntagen die ganze Familie vor der Flimmerkiste saß und zuschaute, wie sich die hölzernen Deckel der Augsburger Puppenkiste öffneten, sind seit den frühen neunziger Jahren vorbei. Wer heute mit seinen Kindern die Augsburger Geschichten sehen will, der muss früh aufstehen. Die ARD zeigt in diesem Jahr an beiden Weihnachtsfeiertagen ein Stück von 1981, „Fünf auf dem Apfelstern“ - um 7.30 Uhr. „Eine seltsame Sendezeit“, findet Marschall, „Kinder-Primetime“ nennt man das beim Sender.

„Die älteren Produktionen sind in der Gunst der Zuschauer deutlich besser angekommen“, begründet Barbara Uecker das Desinteresse des HR an der Fortsetzung der Zusammenarbeit, die im März 1954 mit „Der Kleine Prinz“ begründet wurde. Zum alten Eisen, zu Stoffen nur für vormoderne Romantiker gehört die Augsburger Puppenkiste aber noch nicht, wie die Besucherströme in die Puppenbühne in der Augsburger Spitalgasse belegen.

Im nächsten Jahr wird die Puppenkiste sechzig

Bei 420 Aufführungen in diesem Jahr war das Haus zu 98 Prozent ausgelastet. Auch die DVDs mit den Puppengeschichten, die nicht nur nostalgische Erinnerung an das frühe Kinderfersehen sind, verkaufen sich gut. Noch 2004 nahm Marschall für die Augsburger eine Goldene Kamera entgegen. „Vielleicht trauen sich die anderen ARD-Sender ja nicht an uns ran, weil sie denken, dass wir mit dem HR verheiratet sind“, rätselt er.

Im nächsten Jahr wird die Puppenkiste sechzig. Im Kika, dem an Cartoonserien reichen Kinderkanal von ARD und ZDF, sollen deswegen einige der alten Produktionen gezeigt werden. Bis dahin ist es für die Fans nur ein schwacher Trost, dass mit dem Schlaubär Ralphi eine echte Augsburger Puppe bei BR-Alpha auftaucht. Doch hat Ralphi die heimelige Bühne zwischen den Kistendeckeln noch nie gesehen - er turnt solo durch den Münchner Bildungskanal.

„Fünf auf dem Apfelstern“ läuft am ersten und am zweiten Weihnachtstag jeweils um 7.30 Uhr morgens im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr 1