14.08.2008 · Bis auf wenige Ausnahmen bieten die Klubs der Fußball-Bundesliga auf ihren Internetseiten auch Fernsehbeiträge in eigener Sache an. Journalismus durch die Vereinsbrille oder Zusatzangebot für Fans?
Von Christian KampEin paar tausend Zuschauer - bestenfalls. Eigentlich ist Tino Polster ja anderes gewohnt aus seiner Zeit als Fußballkommentator beim DSF. Von großer Bühne aber kann keine Rede sein an diesem Abend, als Werder Bremen zum Testspiel gegen Fortuna Köln aufläuft. Nicht am „Sportplatz an der Mühle“ auf Norderney, wo die Partie ausgetragen wird - aber auch nicht vor den Bildschirmen. Polster, seit sechs Jahren Mediendirektor des Bundesliga-Spitzenklubs, sitzt vor dem Mikrofon und kommentiert die Partie live: für das hauseigene Internetprogramm http://www.werder.tv/.
Die Analyse geht dem Fernsehprofi leicht von der Hand. „Unsere Spieler sind nicht ganz dran an ihren Gegnern“, sagt Polster über die Bremer Stars, die sich mehr als erwartet mühen müssen gegen die fünftklassige Fortuna. Unsere Spieler? Das mag distanzlos klingen - die Vereinsbrille gehört aber dazu, wenn die Klubs der Bundesliga im Internet selbst auf Sendung gehen. Und das tun mittlerweile die meisten. Bis auf Eintracht Frankfurt, den Karlsruher SC und die Aufsteiger 1899 Hoffenheim und 1. FC Köln bieten alle Vereine der nationalen Eliteklasse bewegte Bilder auf ihrer Homepage an - überwiegend gegen Gebühr. Zwischen drei und fünf Euro kostet das Angebot die Fans im Monat.
„Ein großes Thema“
Massenprogramme sind das allerdings bei weitem noch nicht. Werder.TV hat, nach einem Neustart vor einem Jahr, gerade einmal viertausend Abonnenten. Das Spiel gegen Köln ist gratis zu sehen: Zur neuen Bundesligasaison, die an diesem Freitag beginnt, sollen weitere Kunden gewonnen werden. Zehntausend sollen es „irgendwann“ einmal werden, hofft Polster. Auch der Hamburger SV (Players Lounge) und der FC Bayern München (fcb.tv) bewerben ihre Angebote im Netz offensiv. „Das ist absolut ein großes Thema für uns“, sagt Stefan Mennerich, der beim FC Bayern den Bereich Neue Medien leitet. Immerhin 35.000 Abonnenten zählt man dort schon. Neben dem FC Liverpool und Manchester United hätten die Münchner damit „eines der drei größten Online-Club-TVs weltweit“, sagt Mennerich.
Zumindest bei den Größen der Branche, so scheint es, hat man das Internet noch einmal neu entdeckt. Was läge auch näher, als das Netz als weiteren Vertriebskanal für der Deutschen liebste Unterhaltungsware zu nutzen? Noch dazu, wenn man nicht einmal das eigene Haus verlassen muss, um an exklusive Geschichten zu kommen. Highlights der Spiele, Pressekonferenzen oder Interviews - alles „on demand“ abrufbar - gehören ohnehin überall zum Standard. So nutzte Rafael van der Vaart die „Players Lounge“ kürzlich, um den Hamburger Fans seinen Wechsel zu Real Madrid zu erklären. Daneben nimmt der HSV aber auch mal sportferne Bilder ins Programm - etwa, wenn er seine Spieler durch die Stadt begleitet. „Erlebe deine Stars hautnah“, lautet das Motto der Hanseaten. Der Blick durchs Schlüsselloch ist nicht nötig, wenn man die Tür einfach aufmachen kann.
Der Kabinentrakt ist tabu
Doch nicht überall mag man es gleich eng am Mann. „Noch näher, und wir bekommen ein Problem mit dem Trainer“, heißt es in der Eigenwerbung von Werder.TV. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Thomas Schaaf hat seine Grenze unmissverständlich gezogen: Der Kabinentrakt im Weserstadion ist auch für hauseigene Kameras tabu. „Er möchte dort aus verständlichen Gründen keine Öffentlichkeit herstellen“, sagt Medienchef Polster. Anders bei den Bayern. Da ruft Jürgen Klinsmann schon einmal persönlich bei Abteilungsleiter Mennerich an, um das Kamerateam zum Training zu bestellen. „Er will, dass eine Krafteinheit auch mal aus einem Meter Entfernung gefilmt wird“, sagt Mennerich. „Er will, dass sich die Spieler an die Anwesenheit der Kamera gewöhnen.“ Auf dem Klubgelände an der Säbener Straße wurden vor dieser Saison eigens ein Fernsehstudio und ein Schneideraum eingerichtet. Vier Stunden netto werden dort für fcb.tv pro Woche produziert. Am beliebtesten, sagt Mennerich, seien Inhalte, die man „live und exklusiv“ zeigen könne - genau wie im Fernsehen eben.
Live und exklusiv - das sind aber auch zwei Problemzonen für das Klub-TV. Denn zum einen mangelt es an Livematerial. Die Internetrechte für Bundesligaübertragungen liegen bis 2009 bei der Telekom. Die zeigt zwar alle Spiele live, aber nur als Bestandteil ihres Breitbandangebots T-Home - und damit nicht auf dem PC, sondern im Fernsehen, das Internet wird lediglich als Übertragungsweg genutzt. Das T-Home-Logo tragen die Bundesligaklubs seit vergangener Saison prominent auf dem Ärmel. Doch die Zahl der Kunden liegt erst bei 250.000. Schon in der günstigsten Variante kostet T-Home Entertain derzeit 49,95 Euro, für die Aufschaltung des Bundesligapakets werden noch einmal 9,99 Euro monatlich fällig. Der einzige Weg, die Bundesliga live im Internet zu sehen, ist somit der kostenlose (und rechtlich fragwürdige) Umweg über Livestreams ausländischer Sender, die Rechte an der Bundesliga halten. Und dieser Umweg ist nach allem, was man hört, eher ein mäßiges Vergnügen.
Zuviel für den Server
Ins (Live-)Spiel kommen die Klubsender in der Regel nur bei Testpartien oder in internationalen Wettbewerben, in denen die Vereine ihre Rechte individuell vermarkten dürfen. Vor zwei Jahren sorgte der HSV für eine Premiere, als er das UI-Cup-Spiel gegen Chisinau in der „Players Lounge“ übertrug. Die Nachfrage war so groß, dass der Server mehrfach zusammenbrach. Werder Bremen wählte die Internetvariante, als sich in der vergangenen Saison kein Fernsehsender für das Uefa-Pokal-Spiel bei den Glasgow Rangers fand. Immerhin 1300 neue Abonnenten habe das gebracht, sagt Polster (auf die Slapstick-Einlagen von Torhüter Tim Wiese hätten die indes gern verzichtet).
In der Bundesliga rollt im Klub-TV zwar auch der Ball, aber nur zeitversetzt oder in Zusammenfassungen. So lange sich das nicht ändert (und so viel Fußball im Free-TV zu sehen ist), wird es mit dem Geldverdienen zumindest schwer - wenn man nicht gerade eine weltweite Marke wie der FC Bayern ist. Dort werde schon „ordentlich verdient“, sagt Mennerich. In Bremen ist man so weit noch nicht, hat aber dennoch gute Gründe, weiter in das Angebot zu investieren. Fanbindung, Markenbildung, Außendarstellung - Medienchef Polster argumentiert eher strategisch, wenn er erklärt, warum klubeigenes TV für ihn unverzichtbar ist. „Es ist auch ein Prestigeprojekt für einen Verein, der in den Top 20 Europas angekommen ist“, sagt er. Vor allem aber sei es in einem „Markt in der Findungsphase“ wichtig zu erkunden, was die Fans eigentlich wollen - um zu einem späteren Zeitpunkt auch in die Gewinnzone zu klettern. „TV-Pioniere der Neuzeit“, sagt Polster, seien die Macher der Klubsender.
Interview aus dem Hause
Was aber bedeutet es eigentlich für die klassischen Medien, wenn die Vereine verstärkt als Anbieter von Inhalten auf den Markt gehen? Konkurrenz ist nur das eine (die Verlagshäuser kontern ihrerseits mit Bewegtbildern im Internet, wie die Kooperation von „Spiegel Online“ und „Kicker“ zeigt). Zu einem medienethischen Problem aber wird die Exklusivität der selbstproduzierten Nachrichten, wenn sie genutzt wird, um - mehr oder weniger offensichtlich - Vereinspolitik zu betreiben. Als Jürgen Klinsmann sein Amt bei den Bayern antrat, bekam natürlich fcb.tv das erste große Interview. Das wurde zwar den Fernsehstationen zur Verfügung gestellt (und etliche zeigten es auch) - war aber eben doch von einem Mitarbeiter des eigenen Hauses geführt. Journalisten, die regelmäßig über den FC Bayern berichten, klagen, dass es weit schwieriger geworden sei, Einzelinterviews zu bekommen, seit Klinsmann im Amt ist und der Klub verstärkt seine Homepage bespielt. Selbst der Bayerische Journalisten-Verband meldete sich zu Wort und wetterte gegen die angeblich „massive Einschränkung der Pressefreiheit“ und „hauseigene Hofberichterstattung“ beim FC Bayern.
Dort versteht man die Aufregung freilich nicht und verweist auf den guten Service, den man den Medien doch biete. „Wir machen das nicht, um irgendwas zu schönen“, sagt Stefan Mennerich. „Wir schaffen vielmehr ein Zusatzangebot, das es sonst überhaupt nicht geben würde.“ Wer, wenn nicht der FC Bayern, könnte auch auf diesem Spielfeld dergestalt polarisieren.