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Fernsehen Der Bart muss ab

14.06.2007 ·  In der neuen Dokusoap „Das Model und der Freak“ will Pro Sieben schüchterne Herren mit fehlendem Sinn für Mode und Körperhygiene zu gesellschaftsfähigen Supermännern umkrempeln - nicht ohne sie dabei bloßzustellen.

Von Peer Schader
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Es wird gerade viel renoviert im deutschen Fernsehen: Bautrupps rücken an und verschönern Wohnstuben, Gartenanlagen und manchmal sogar ganze Häuser ahnungsloser Durchschnittsbürger. Alles muss raus, damit Platz ist für einen neuen Anstrich und moderne Möbel. Nachher strahlen überraschte Mütter, Freundinnen oder Schwippschwager, wie toll die eigenen vier Wände aussehen können, wenn sich das Fernsehen richtig Mühe gegeben hat.

Weil das immer noch recht gut funktioniert, hat sich Pro Sieben vermutlich gedacht: Warum sollen wir nicht auch mal Menschen grundsanieren? Deshalb zeigt der Sender ab sofort „Das Model und der Freak“: Zwei ansehnliche Damen, die üblicherweise in Modeblättern, auf roten Teppichen oder in Männermagazinen zu sehen sind, werden mit zwei weniger ansehnlichen jungen Herren konfrontiert, die selbst beim Rollenspieltreffen noch wie Fremdkörper wirken würden, weil sie kein Bewusstsein für die Oberflächlichkeiten des Lebens haben.

„Dreckig, ölig, eklig“

Eine Folge haben die Models Zeit, ihre Opfer zu Supermännern herzurichten, mit neuen Klamotten und Atemübungen fürs Selbstwertgefühl. In der ersten Folge versuchen sich Jana Ina Zarrella, ehemalige „Miss Brasil“, und ihre Kollegin Jelena Radovanovic an Thomas und Tobias aus München.

Der eine hat einen zotteligen roten Bart, von dem er sagt, der sei „mehr so aus Zufall gewachsen“, und lange Haare, bei deren Anblick Radovanovic sich schüttelt: „dreckig, ölig, eklig“. Der andere wohnt mit 21 Jahren immer noch bei seiner Mutter und schläft auf deren Wohnzimmersofa. Thomas mag Mangas und seinen Computer. Tobias spielt Didgeridoo, sammelt Flaschenetiketten und will lernen, „wie ich auf Mädchen zugehen und mit denen reden kann“.

Gut, dass sich die Models ein entsprechendes Programm ausgedacht haben, wie den beiden zu helfen ist: Es gibt eine „Konfrontationstherapie“, ein „Ego Tuning“ - und den ersten Friseurbesuch seit Jahren. „Das ist der schwerste Job ihres Lebens“, raunt die Stimme aus dem Off. Und nachher sehen die Kandidaten tatsächlich wie verwandelt aus. Thomas hat den Zottelbart abrasiert bekommen, woraufhin Jana Ina staunt: „Du hast Kinn, du hast Mund!“ Und Tobias sieht mit seiner neuen Frisur nicht mehr aus, als sei er zwölf.

Pro Sieben auf schmalem Grat

Es ist also ein ehrenwertes Anliegen, das Pro Sieben da mit seiner neuen Show verfolgt. Oder etwa nicht? Nun ja, man kann da durchaus geteilter Meinung sein. Immerhin stellt sich die Frage, warum man jemandem, dem man konsequentes Selbstvertrauen beibringen will, im Fernsehen ständig als „Freak“, als Unnormalen, bezeichnen und in möglichst fiesen Situationen oder albernen Kostümen filmen muss, um die Verwandlung nachher auch ja perfekt erscheinen zu lassen.

Pro Sieben bewegt sich mit seiner TV-Therapie auf schmalem Grat. Es ist eine Sache, jemandem helfen zu wollen, sein Leben zu organisieren und mehr aus seinem Typ zu machen, und eine andere, ihn für den Unterhaltungseffekt erst einmal die Hälfte der Zeit mit all seinen Eigenarten vorzuführen. Genau davon aber lebt „Das Model und der Freak“, dessen Titel wohl auf „Die Schöne und das Biest“ anspielen soll, was nicht witzig, sondern eher peinlich ist. „Das ist das erste Mal, dass sich überhaupt jemand mit meinen Problemen beschäftigt“, sagt Tobias. Dafür nimmt man womöglich auch ein bisschen Spott in Kauf.

Ein Model als Psychologe

Dass Zarella und Radovanovic mit ihren Kandidaten so reden, als kommunizierten sie mit Kindern, verstärkt den Negativeffekt noch. „Meinst du, es könnte mit deiner Körperpflege zusammenhängen, dass so wenig Frauen auf dich zu kommen?“, fragt Jana Ina den schüchternen Thomas und macht ganz große Augen, als der ihr gesteht, noch niemals Parfüm benutzt zu haben.

Nicht alle Probleme lassen sich aber so leicht mit etwas Duftwasser übertünchen und durch eine schicke Lederjacke überdecken. Bei einem Besuch Radovanovics in der Wohnung, in der Tobias und seine vor Jahren zum Islam konvertierte Mutter gemeinsam leben, offenbaren sich familieninterne Differenzen, deren Lösung man wohl besser nicht mit einem Model, sondern einem Psychologen anvertrauen sollte.

Zum Schluss wird natürlich alles gut: Thomas bekommt prompt ein Blind Date, Tobias die Chance, probeweise in eine WG zu ziehen - aber es müssten schon ungeahnte kosmische Kräfte im Spiel sein, wenn es sich dabei wirklich um Zufälle handeln würde. Was die Verwandelten wohl sagen würden, wenn sie herausbekämen, dass Pro Sieben ihnen ihre Chancen organisiert (und womöglich auch bezahlt) hat?

Nettigkeiten aus der Glitzwelt

Mit eisernem Profilächeln managen die beiden Models ihre Aufgabe dennoch souverän. Interessant ist vor allem, einmal dabei zuzusehen, wie die Promi-Society funktioniert, in der Zarella und Radovanovic sich zuhause fühlen. Als sie ihre Kandidaten das erste Mal in einem kurzen Film sehen, wird gelästert und das Näschen gerümpft, bei der persönlichen Vorstellung nachher schaffen sie es aber, Thomas und Tobias das Gefühl zu geben, als seien die beiden jungen Männer die wichtigsten Personen der Welt.

Dass sich Aufgeschlossenheit und Nettigkeit so spontan aufsetzen lassen, ist wohl Voraussetzung, um in der Promi-Glitzerwelt dauerhaft überleben zu können. Über die gibt es in der ersten Folge gleich noch etwas zu lernen, wenn Jana Ina gesteht: „Einen Freak zu treffen, finde ich extrem spannend. Das ist für mich wie Abenteuer.“ Ganz so aufregend kann also auch der Topmodel-Alltag nicht sein.

„Das Model und der Freak“, donnerstags um 22.30 Uhr bei Pro Sieben.

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