02.03.2008 · Der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ im Januar 1945 war die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten. Doch leider ist Joseph Vilsmaiers mit großem Aufwand produzierter Zweiteiler auf eine ganz schlichte, handwerkliche Weise gescheitert: an den Unzulänglichkeiten des Skripts und der Regie.
Von Andreas KilbDem deutschen Film wird oft vorgeworfen, er zeige zuwenig Klasse. Er mache alles zu klein, selbst die großen Themen der eigenen, deutschen Geschichte. Er kleckere mit seinen Schauwerten, statt zu klotzen, er schraube die Menschheitsdramen zu Familienquerelen herab. Hitler, der Holocaust, die Mauer, das Wirtschaftswunder, Weimar, Dresden, Berlin - ihr habt doch alles, heißt es in Hollywood. Und was macht ihr daraus? Fernsehfilme!
Alle diese Vorurteile hätte „Die Gustloff“ nun widerlegen können. Zwar ist auch dieser Film ein Fernsehprojekt, ein Zweiteiler von gut doppelter Spielfilmlänge und entsprechend langer Darstellerliste. Aber der Aufwand - zehn Millionen Euro Budget, knapp hundert Drehtage, davon fünf auf Malta - ist selbst für große Fernsehstücke ungewöhnlich. Und der Stoff, die Geschichte selbst erfüllt alle Voraussetzungen für einen Kracher. Der Untergang des KdF-Dampfers „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945 vor der pommerschen Küste war die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten. Neuntausend Menschen, die Mehrzahl Frauen und Kinder, ertranken damals im eiskalten Ostseewasser, nur zwölfhundert wurden geborgen.
Gab es Saboteure an Bord des Dampfers?
Und wie um viele historische Unglücke ranken sich auch um dieses die abenteuerlichsten Gerüchte. Wurde das russische U-Boot, das die „Gustloff“ versenkte, von deutschen Agenten mit Informationen versorgt? Gab es Saboteure an Bord des Dampfers, dessen Rettungsboote zum Teil im Starthafen Gdingen zurückgeblieben, zum Teil vereist und unbrauchbar waren? Bis heute sind solche Theorien weder bestätigt noch widerlegt, aber sie bieten einen vorzüglichen Nährboden für die schrillen Blüten der filmischen Fiktion.
Es sind ja nicht die weltgeschichtlichen Prozesse, die Magenschmerzen der Admirale, die uns an Schiffsuntergängen faszinieren, es sind die Dramen im Unterdeck. Die „Gustloff“-Geschichte bietet sie zuhauf: Flüchtlingstragödien, Soldatenschicksale, Familiensterben, Kinderleid; dazu die letzten, absurden Zuckungen eines untergehenden, in Blut und Trümmern erstickenden Reiches. Das Boot dieses Films ist schon voll, bevor es überhaupt ablegt.
Leider eine vertane Chance
Und doch hat Joseph Vilsmaiers „Gustloff“-Zweiteiler seine Chance vertan. Dass es eine eine Chance war, sieht man immerhin in einer einzigen, beiläufigen Szene: Da tönt aus einem Lautsprecher im überfüllten Bauch des Schiffes die Ansprache Hitlers zum 30. Januar, dem zwölften Jahrestag seiner Machtergreifung. Das Dröhnen der gewaltigen Motoren vermischt sich mit dem hohlen Grollen von Hitlers Stimme. Auf der Kapitänsbrücke zittern die Glasscheiben. Draußen sirren die eisernen Schiffskabel im Frost. Nebel zieht auf; das Ende ist nah.
Man sieht, was Schriftsteller wie Günter Grass (der ihm seine Novelle „Im Krebsgang“ gewidmet hat) an dem „Gustloff“-Stoff fasziniert hat: Er fügt sich fast zwanglos zur Allegorie. In Frank Wisbars „Gustloff“-Film „Nacht fiel über Gotenhafen“, einem der großen Kinokassenschlager des Jahres 1959, entfallen auf die Schiffskatastrophe nur fünf von neunundneunzig Minuten; dennoch fasst sie die ganze lange Handlung in einer großen Metapher zusammen. Man kann aber auch gleich mit der Metapher anfangen und die Geschichte des „Dritten Reiches“ in sie hineinspiegeln. Das war die Idee Joseph Vilsmaiers, seines Produzenten Norbert Sauer (“Bella Block“, „Willenbrock“) und des Drehbuchautors Rainer Berg. Und daran ist Vilsmaiers Regie gescheitert.
Etwas braut sich zusammen
Der Film beginnt mit der Ankunft ostpreußischer Flüchtlinge in Gdingen. Mit dabei sind Lilly Simoneit (Dana Vávrová) mit einem toten und einem lebenden Kind und die hochschwangere Marianne (Anja Knauer). Zur gleichen Zeit trifft der Fahrkapitän Hellmut Kehding (Kai Wiesinger) im Hafen ein; er soll die „Gustloff“ nach Kiel bringen. Auf dem Schiff erwarten ihn Johannsen (Michael Mendl) und Petri (Karl Markovics), die ebenfalls Kapitänsränge bekleiden, der eine bei der Handels-, der andere bei der Kriegsmarine. Auch Kehdings Bruder Harald (Heiner Lauterbach) ist da; er macht für die Wehmacht in Gdingen Jagd auf Saboteure.
Schließlich betritt Kehdings Verlobte Erika (Valerie Niehaus) die Szene. Sie trägt die Uniform einer Marinehelferin, während ihr zwielichtiger Cousin Hagen (Detlev Buck mit unheilsschwangerem Tilsiter Akzent) als Funker auf dem Schiff dient. Es ist die dritte Woche der russischen Winteroffensive. Ihre Panzerspitzen rollen zur Oder, die deutsche Front ist zusammengebrochen, Flüchtlingstrecks wälzen sich über das Haff. Von Danzig und Gdingen aus, übers Meer, führt der Weg in den Westen, in den Schutz des Reichs. Vor der Bucht, heißt es, lauern feindliche U-Boote. Etwas braut sich zusammen. Und etwas anderes verfliegt.
Und die Illusion verfliegt
Was verfliegt, ist die Illusion, dass der Regisseur Vilsmaier dieses ausgedehnte Ensemble zusammenhalten und zugleich die Handlungsfäden in der Katastrophe zusammenführen könnte - dass er einen Schiffsuntergangsfilm zustandebrächte, der gleichzeitig ein Liebes- und ein Gesellschaftsfilm wäre, wie es James Cameron vor zehn Jahren mit der „Titanic“ gelang. Es hat nicht geklappt. Denn Vilsmaier hat soviel damit zu tun, jeden seiner Haupt- und Nebendarsteller auftreten und sein Sprüchlein sagen zu lassen („Treten Sie zurück!“ - „Der Junge ist kriegstauglich!“ - „Der Führer hat neue Wunderwaffen für uns!“), dass ihm am Ende die Kraft zur dramatischen Zuspitzung ausgeht. Schon in der Drehbuchphase muss dieses Projekt Schlagseite bekommen haben, denn ihm fehlt eine Qualität, die alle großen Katastrophenfilme auszeichnet: erzählerische Dichte, Konzentration.
Es ist wahr, dass vier Kapitäne auf der Kommandobrücke der „Gustloff“ standen, aber vor der Kamera wirkt die wundersame Vermehrung der Uniformträger mit ihren ineinander verkeilten Kompetenzen und Interessen nur verwirrend. In diesem Bonzengerangel ertrinkt nicht nur der symbolhafte Familienzwist der Kehding-Brüder - der eine ein hemdsärmliger Idealist, der andere ein verbitterter Veteran -, sondern auch der historische Hintergrund, die Geschichte der großen Flucht aus Ostpreußen und Pommern. Im Vergleich zu den Funktionsträgern wirken die Passagiere der „Gustloff“ diffus, eine einförmige Masse aus rotgefrorenen Kinder- und schreckstarren Frauengesichtern, zahllos und anonym wie die Babywagen, die am Kai stehenbleiben, von dem der Unglücksdampfer abfährt.
Das historisch-kritische Beiboot genügt
Zur echten Havarie aber wird die Schieflage des Skripts durch Vilsmaiers verworrene Inszenierung. Bei einem Katastrophenfilm kommt fast alles darauf an, dass der Schauplatz, sei er ein Schiff, Hochhaus oder Tunnel, für uns durchsichtig bleibt. Wir wollen ja nicht nur wissen, dass das Schiff sinkt; wir wollen sehen, wie es passiert. Auf Vilsmaiers „Gustloff“ aber ist nie ganz klar, wo Vorn und Hinten, Oben und Unten ist; die Gänge führen in alle Richtungen, die Regie in keine. In der Chronologie des Unglücks spielt etwa der Wintergarten, hinter dessen Panzerglasscheiben Hunderte ertranken, eine wichtige Rolle. Bei Vilsmaier sieht man, wie Kai Wiesinger mit einer Axt auf die Scheiben eindrischt, aber die Tragik des Geschehens bleibt uns verschlossen, weil wir seine Vorgeschichte nicht kennen. Das ist kein Problem der Digitaltechnik. Es ist eine Frage des Handwerks. Auf eine ganz elementare Weise ist „Die Gustloff“ misslungen, als Erzählung und als Film.
Als Ergänzung zu Vilsmaiers Zweiteiler strahlt das ZDF eine Dokumentation von Guido Knopp aus. Wer sich für die „Gustloff“ wirklich interessiert, kann deshalb auf den großen Figurendampfer verzichten. Das historisch-kritische Beiboot genügt.
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