06.10.2008 · Die Fernsehfilme zur jüngeren deutschen Geschichte werden immer besser. In „Wir sind das Volk“ bei Sat.1 agieren die Darsteller, als ginge es um ihr eigenes Leben. Und das tut es ja vielleicht auch.
Von Heike HupertzKatja Schell (Anja Kling) weiß nicht, wohin sie verschleppt wurde. Nicht, wie spät oder welcher Tag es ist. Wann sie dem Haftrichter vorgeführt wird oder was mit ihrem Sohn Sven (Lino Sliskovic) passiert ist. In dieser Umgebung hat sie keinen Namen, keine Intimsphäre, nicht einmal die Freiheit, ihre Liegeposition auf der Pritsche zu wählen. Ihre Ansprache sind gebellte Befehle: „Kopf runter, Gesicht zur Wand, Häftling!“ Ihr Vernehmungsleiter ist der Erste und wird im berüchtigten Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen der Einzige sein, der sie in ganzen Sätzen anredet.
Er sei selber Vater, gesteht er ihr, die entschlossen ist, eisern zu schweigen. Ihr kriminelles Fehlverhalten aber sei schwerwiegend: versuchte Republikflucht in besonders schwerem Fall. Nur wenn sie kooperiere und über den Vater ihres Kindes, einen Staatsfeind, der beim West-Berliner Fernsehen an der Zersetzung der DDR arbeite, Auskunft gebe, könne er ihr helfen. Als sie beginnt, hysterisch zu schreien, stoppt er anscheinend mitfühlend das Aufzeichnungsband: „Sie wirken müde. Ich verstehe Sie.“ Mit einfühlsamer Stimme erzählt er in mundwässernden Häppchen von ihrem Sohn, den er kenne fast wie seinen eigenen. Wie er Fußball spielt und Tore schießt: „Ein feiner Junge.“ Im Nebenraum läuft das zweite, versteckte Band weiter mit.
Perverse Gleichzeitigkeit
Vernehmungsleiter Bert Schäfer beherrscht die Klaviatur der „operativen Psychologie“. Heiner Lauterbach spielt ihn im Sat.1-Spielfilm „Wir sind das Volk“ ohne Übertreibungen, mit mephistophelischer Verführungskunst und der Ungerührtheit eines Schreibtischtäters, wie ihn Hannah Arendt beschrieben hat, während Anja Kling beispielhaft vor Augen führt, wie ihre Figur durch die Verhöre, durch Schlafentzug, Zwangsbetäubung und Isolationshaft in der Gummizelle zermürbt wird und schließlich zusammenbricht, während in einer perversen Gleichzeitigkeit der Ereignisse wenige Kilometer entfernt an der Bornholmer Straße in Berlin die Grenze geöffnet wird. Die Bilder gleichen den Stasi-Verhörszenen mit Veronica Ferres in „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ und sind doch gänzlich anders. Wo Ferres' Figur mit kurzgeschorenen Haaren die Menschenverachtung des Unrechtsstaates vor allem durch äußere Veränderungen sichtbar macht, setzt dieser Film auf den großartig rhythmisierten Bilderfluss der immergleichen, sich trotzdem im Vernichtungswillen der Person immer mehr steigernden psychologischen Foltermethoden, auf die Klings Figur Katja Schell mit immer deutlicherer innerer Leere reagiert.
Die brutal-subtilen Verhör- und Gefängnisszenen, die in „Wir sind das Volk“ nichts beschönigen, nichts verniedlichen und nichts in einen absurden Witz verwandeln, was die DDR je war, gehören zu den stärksten Szenen des an starken Szenen überreichen Sat.1-Zweiteilers, der von der alltäglichen, anfangs zum Teil vor allem umweltbewegten Opposition der achtziger Jahre im angeblichen „Arbeiter- und-Bauern-Staat“ handelt. Das durchweg brillant gespielte Ensembledrama inszeniert seine Geschichte als Melodram, wie die anderen sehenswerten Fernsehfilme über das Ende der DDR, die in den letzten Jahren zu sehen waren. Folgerichtig ist das schon allein deswegen, weil die Ereignisse, die zum friedlichen Protest und zum Fall der menschenverachtenden innerdeutschen Mauer führten, an Melodramatik kaum zu überbieten sind.
Eine weitere Dimension
„Wir sind das Volk“ aber hat neben der privaten und politischen Zeithistorie noch eine weitere Dimension, die ihn von den anderen Filmen abhebt. Er ist ein eindrucksvolles Lehrstück über die Macht der veröffentlichten Bilder und des Fernsehens und die Ohnmacht des Regimes in einer Gesellschaft, die dauerhaft hermetisch nicht abgeriegelt werden kann.
Ähnlich wie „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ sich den exemplarischen Einzelfall der Jutta Gallus, deren Kinder in der DDR zur Zwangsadoption freigegeben wurden, oder „Das Wunder von Berlin“ sich den Fall des Punks und späteren Grenzpolizisten Tilo Koch zur Grundlage nimmt, beruht auch „Wir sind das Volk“ auf wahren Begebenheiten. Für die zum Teil an Originalschauplätzen gedrehten Szenen im Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen ließ sich das Filmteam von Matthias Melster beraten, der selbst die Stasi-Verhörmethoden durchlitt und heute Interessierte durch die Gemäuer führt, die als Gedenkstätte dienen.
Die Geschichte der „Videopiraten“
Aber der Film, der viele Handlungsstränge nebeneinander führt und immer wieder grandios ineinanderflicht, schildert auch die Geschichte der „Videopiraten“ Aram Radomski und Siegbert Schefke, die unter den Augen der Stasi am 9. Oktober 1989 die Bilder der Leipziger Montagsdemonstration filmten und in den Westen zu ihrem Verbindungsmann Roland Jahn schmuggelten. Bilder, die dann in der „Tagesschau“ ausgestrahlt wurden und der Welt und vor allem den fernsehenden DDR-Bürgern bewiesen, dass es sich bei den Unzufriedenen mitnichten um ein paar betrunkene Chaoten, sondern um Zigtausende, friedlich protestierende Bürger handelte. Ihre Rollen spielen Matthias Koeberlin (als Katja Schells Bruder Micha) und Ronald Zehrfeld (als Dirk Faber) sowie Hans-Werner Meyer (als West-Journalist Andreas Wagner) mit großer Intensität.
Virtuos baut der Film die Aufnahmen Radomskis und Schefkes, dazu weitere Originalaufnahmen des Ost- und Westfernsehens in den Fluss seiner Zerfallsgeschichte ein, zeigt die Reaktionen hüben und drüben, die selbst einen strammen Parteigetreuen wie Bernd Hoffmann (phantastisch Jörg Schüttauf) dazu bringen, sich für ein neues Reisegesetz im Ministerium des Inneren stark zu machen. Am Ende, so ein inhärenter Witz dieses Films, ist es Hoffmann, der die Worte formuliert, die Schabowski in der berühmten Pressekonferenz vom 9. November so ungläubig von sich gibt. Wollte man weitere herausragende Darstellungen würdigen, müsste man die gesamte Besetzungsliste von Thomas Berger (Regie) und Silke Zertz (Buch) abdrucken.
Ob „Prager Botschaft“ (RTL, siehe: Fernsehfilm: „Prager Botschaft“ (RTL)), „An die Grenze“ (ZDF/Arte), „Das Wunder von Berlin“ (ZDF, siehe: Ein „Mauerfilm“, wie er noch nicht da war: „Das Wunder von Berlin“), „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ (ARD) oder jetzt „Wir sind das Volk“ bei Sat.1: Wer sehen möchte, was das gegenwärtige Fernsehspiel jenseits der sehr entwickelten Krimikunst in Deutschland zu leisten imstande ist, der muss diese Filme kennen. Sie sollten zum festen Videothekenbestand in weiterführenden Schulen gehören. Hinsichtlich der Qualität gibt es dabei keinen Unterschied zwischen den oft abschätzig behandelten Privatsendern und den Öffentlich-Rechtlichen. Und unter den vielen bemerkenswerten Filmen dieses Genres ist der bisher wichtigste zweifellos „Wir sind das Volk“.
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