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Fernsehdrama : Eine Frau schlägt sich durch

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Ein Sozialdrama im fahlen Licht: Nach einer fünfjährigen Haft sucht Agnieszka (re.) als erstes ihren Bruder Rafael auf. Bild: Kordes & Kordes Film

Das Drama „Agnieszka“ vom deutsch-polnischen Regisseur Tomasz Emil Rudzik erzählt davon, wie schwer es ist, Würde, Macht und Liebe unter eine Mütze zu bekommen. Es wurde mit dem Bayrischen Filmpreis für die beste Nachwuchsregie ausgezeichnet.

          Brave Mädchen kommen in den Himmel, freche überallhin. So ungefähr gilt das auch für Filmemacher. Polnische Regierungskreise, die neuerdings brave Filmschaffende für Geschichtsklitterungen in die Pflicht nehmen, dürften das feinsinnige, mit dem Bayerischen Filmpreis für die beste Nachwuchsregie ausgezeichnete Sozialdrama des vielversprechenden deutsch-polnischen Jungregisseurs Tomasz Emil Rudzik jedenfalls kaum gutheißen.

          Und das liegt nur zum Teil am eines Rainer Werner Fassbinder würdigen Sujet des Films, in dem eine junge Polin, würdevoll gespielt von Karolina Gorczyca, aus Geldnot Karriere als Münchner Domina macht. Was uns Rudzik und sein Kameramann Dorian Dragoi dabei eingangs (und frech) von dem sich so gern herausgeputzt gebenden Nachbarland zeigen, wirkt kaputter als Ostdeutschland in den achtziger Jahren: bröckelnde Fassaden, verunstaltete Kanalufer, steinzeitliche Bushaltestellen, ranzige Fabrikflure, alles getaucht in fahles Licht und stumpfe, schmutzige Farben. Die Tristesse ist nicht zu überbieten.

          Gutbezahlte Tritte in die männliche Zeugungslandschaft

          Es beginnt mit der Entlassung Agnieszkas nach fünf Jahren Haft, eigentlich ein freudiges Ereignis, doch bereits all die schwer ins Schloss fallenden Eisentüren lassen den Betrachter erahnen, dass sich das Schicksal auch weiterhin von seiner harten Seite zeigen wird. Tatsächlich – und ein wenig überdeutlich – möchte die vom Strafapparat achtlos Ausgespiene bald zurück in ihre Zelle, wird aber fortgeschickt. Agnieszka sucht ihren kleinen Bruder auf, der mit dem gewalttätigen Vater in einer zugemüllten Wohnung haust. Eine offene Rechnung aus der Vergangenheit muss noch beglichen werden, wobei wir eine zielstrebige, offenbar hinter Gittern kompromisslos gewordene Frau kennenlernen, die ihre Würde über alles stellt. Bald flieht sie, die europäische Freizügigkeit nutzend, ins Land der Windräder, um das Glück zu finden. Auch München ist hier nicht unbedingt lieblich, aber immerhin scheint nun die Sonne.

          Ohne große erzählerische Umwege landet die Protagonistin im Escort-Service der etwas zu ziselierten Kneipenmutti „Madame“ (Hildegard Schmahl), einer Raubkatzennatur. Madames Mitarbeiterinnen sind spezialisiert auf „Ballbusting“, gutbezahlte Tritte in die männliche Zeugungslandschaft. Wem’s gefällt. Die oberste Regel lautet: „Kein Ausziehen, kein Anfassen.“

          Im Auftrag von „Madame“: Agnieszka (li.) bei ihrem ersten Kunden.

          Agnieszka entlockt die Tatsache, wie leicht sich in Deutschland Geld verdienen lässt, ein erstes Lächeln. Ein wenig scheint ihr die Rolle der osteuropäischen Domina, vor der gestandene Geschäftsmänner armselig winseln, sogar zuzusagen. Bald schon ist sie heißbegehrt, stolpert als Madames Liebling aber in diverse Loyalitäts- und Würdekonflikte. Auch muss sie lernen, dass Regeln nur dann etwas wert sind, wenn die eigene Macht ausreicht, um Sanktionen durchzusetzen.

          Eine Mutter muss man sich verdienen

          Agnieszka, fast immer mit Mütze im Bild, wirkt wie eine Kämpferin, die es mit den Dämonen der sozialen Ungleichheit aufnimmt. Obwohl oder weil sie sich selbst hinter dieser soldatischen Fassade versteckt, verachtet sie alle Verlogenheit, setzt ihr immer wieder brutale Ehrlichkeit entgegen. Die junge Schauspielerin ist talentiert, kann einander widersprechende Charakterzüge wie Reinheit und Verdorbenheit, Zweifel und Entschlossenheit ausdrücken, ohne ihre Figur Glaubwürdigkeit oder Konsistenz einbüßen zu lassen.

          Dass Arte „junge oder empfindsame Zuschauer“ vor schockierenden Elementen warnt, wirkt leicht übertrieben, denn jeder zweite Krimi hat mehr Drastik zu bieten. Explizite Bilder gibt es gar nicht zu sehen. Wichtiger als die sich leicht zuspitzende Escort-Handlung ist ohnehin der innere, emotionale Zwiespalt der Protagonistin, der sich an einem spiegelbildlich choreographierten Parallelgeschehen entzündet. Die dreißigjährige Agnieszka hadert mit sich, ob sie die Zuneigung des sechzehnjährigen Manuel (Lorenzo Nedis Walcher) erwidern darf. Die sonst in ihr weggeschlossene Empathie meldet sich zurück, verlangt, den Jungen zu schützen: „Ich bringe nur Ärger.“ Ein Stück weit verrutscht nun aber Agnieszkas Maske, wird die Heldin verletzlich.

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          Zugegeben, der Handlungsfaden wirkt etwas grob gestrickt, aber damit steht der Film in der guten alten und leider kaum noch gepflegten Tradition des Sozialfilms. Es ist aber nicht nur diese nostalgische Aura, die „Agnieszka“ sehenswert macht, sondern vor allem das ausdrucksstarke Spiel aller Darsteller. Außerdem ist da dieser eine Satz, der hängenbleibt, weil er sich als eigentliche Botschaft des Films erweist. Den spricht nicht die Heldin aus, sondern die auf ihren Sohn angesprochene Zuhälterin: „Eine Mutter muss man sich verdienen.“ Dann würde die Welt wohl eine andere.

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