Home
http://www.faz.net/-gqz-754gh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Fernseh-Frühkritik Das Gesetz hat versagt

Seit zehn Jahren ist Prostitution in Deutschland nicht mehr sittenwidrig. Diese „Deregulierung“ habe Deutschland zum „Bordell Europas“ werden lassen, sagen Kritiker.

© dpa Diskussion über Prostitution: Günther Jauch

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Bundesministerin der Justiz, war gestern nicht bei Günther Jauch. Sie war eingeladen, kam aber nicht. Vielleicht, weil sie die Zahlen, die während der einstündigen Diskussion genannt wurden, schon kannte: Das Prostitutionsgewerbe setzt in Deutschland pro Jahr zwischen zwölf und 14 Milliarden Euro um. Nur ein Prozent der Prostituierten sind krankenversichert. Rund 90 Prozent der Frauen arbeiten nicht freiwillig in der Prostitution. Mehr als eine Million Männer nutzen pro Tag in Deutschland ihre Dienste.

Laut repräsentativer Studie lehnen 78 Prozent der befragten Deutschen (76 Prozent der befragten Frauen) ein erneutes vollständiges Verbot der Prostitution ab. Zwischen Vernunft und Volkes Wille gibt es offenbar eine weite Kluft. Zu weit für die Justizministerin.

Mehr zum Thema

Dass nicht nur diese Zahlen der Realität entsprechen, sondern auch Inhalt und Dramaturgie des vorangegangenen Tatorts zum selben Thema erschreckende Parallelen aufwiesen, bestätigte zu Beginn der Sendung Cathrin Schauer. Im Verein „Karo“ engagiert sich die gelernte Krankenschwester nahe der deutsch-tschechischen Grenze in der Prostitutions- und Drogenszene.

Der geschilderte Fall im Tatort sei, im Rahmen ihrer Erfahrungen vom „größten Straßenstrich Europas“, „sehr realistisch“ gewesen. Seit 18 Jahren kümmert sie sich um Frauen aus Ländern Osteuropas, Afrikas, den Philippinen und Thailand.

Am schlimmsten waren die „Partys der Reichen“

Eine von ihnen, „Eva“, schilderte anonymisiert vor der Kamera, wie sie im Alter von zwölf Jahren entführt und anschließend 14 Jahre gefangen gehalten wurde. Sollte ihr Entführer und Zuhälter sie erneut aufspüren, würde er sie „in Teile schneiden und im Wald verstecken“, befürchtet sie. Sie erzählte von ihrem Schicksal „als Maschine“ und den „Partys der Reichen.“ Die dort erlittenen Verletzungen waren Risse im Genitalbereich und Bisswunden über den gesamten Körper. Sieben Minuten der Sendung galten Frau Schauer und Eva, dann wandte sich Günther Jauch seinen Diskussiongästen zu.

Jürgen Rudloff, der Betreiber des „größten Bordells Europas“, dem „Paradise“ in Stuttgart, sagte, er habe mit vergleichbaren Machenschaften nichts zu tun. Männer und Frauen, die bei ihm zu Gast sind, zahlen jeweils 79 Euro Eintritt und vergnügen sich dann nach eigenem Belieben. „Es ist ganz klar, dass ich da keine Überprüfungsmöglichkeit habe“, sagte er auf die Frage, ob er wisse, was in seinen Räumlichkeiten genau passiere. Es gebe aber die Polizei, die einen klaren Aufgabenbereich habe und dem auch nachkomme. „Zwei-, dreimal im Jahr“ gebe es bei ihm Großkontrollen, „seit zehn Jahren ohne Beanstandungen“.

Jeder Bordellbesucher finanziert die Organisierte Kriminalität

Hat Rudloff Probleme mit organisierten Kriminellen, mit Schutzgelderpressung und Menschenhandel? Nein, habe er nicht, antwortete er. „Ich spiele in einer ganz anderen Liga“, sagte er. Christian Zahel, Leiter der Abteilung für Organisierte Kriminalität im LKA Niedersachsen, wollte das nicht glauben. Gerade in Stuttgart, wo Rockerbanden besonders aktiv seien, soll ein Bordellbesitzer keinen Kontakt zu Kriminellen haben, fragte er Rudloff direkt. „Wir haben ein ganz anderes System“, antwortete dieser. Zahel brachte dennoch auf den Punkt, was er schon zuvor sagte: „Wer in ein Bordell geht, finanziert die organisierte Kriminalität.“

Diese Ansicht vertrat auch Alice Schwarzer. Rudloff sei „das letzte Glied einer langen Kette von Verbrechern“. Vor dem Gesetz sei er aber keiner, dafür habe die rot-grüne Regierung vor elf Jahren gesorgt, als sie die Prostitution legalisiert habe.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Urteil im Loverboy-Prozess Alles nur Theater

Die großen Gefühle waren nur gespielt: Ein 21 Jahre alter Mann versprach zwei jungen Frauen die große Liebe, um sie dann wegen angeblicher Geldprobleme zur Prostitution zu nötigen. Nun wurde er in Stuttgart schuldig gesprochen. Mehr

28.08.2015, 13:47 Uhr | Gesellschaft
Gericht in Lille Strauss-Kahn vom Vorwurf der Zuhälterei freigesprochen

Im Prozess um schwere Zuhälterei ist der frühere Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, freigesprochen worden. Das Gericht im nordfranzösischen Lille sah keine ausreichenden Beweise für den Vorwurf, dass er ausschweifende Sexpartys mit Prostituierten mitorganisiert habe. Strauss-Kahn hatte seine Teilnahme an den Sexpartys nie bestritten, er versicherte aber, nicht gewusst zu haben, dass es sich bei den Frauen um Callgirls handelte. Mehr

12.06.2015, 14:59 Uhr | Gesellschaft
Love Hotels Kann man von Japan lernen?

Das Land der aufgehenden Sonne galt lange Zeit als Zukunftslabor. Was Wissenschaft und Technik betrifft, mag das immer noch stimmen. Aber wie steht es dort mit dem Sex? Mehr Von Jörg Albrecht

22.08.2015, 09:00 Uhr | Wissen
Schweiz und Italien Käuflicher Sex über Grenzen hinweg

In der Südschweiz boomt das Geschäft mit dem käuflichen Sex. Schon jetzt wird geschätzt, dass die meisten Kunden aus Italien kommen, viele Prostituierte stammen aus Osteuropa. Da die Grenzen offen sind und die Prostitution in der Schweiz erlaubt ist, greifen die Behörden zu immer neuen Methoden, um in das das Geschäft einzugreifen. Mehr

12.06.2015, 12:55 Uhr | Gesellschaft
Mafia-Beerdigung in Rom Triumph der Trauer

Die Staatsanwaltschaft in Rom wirft der Familie Casamonica vor, sich im Menschenhandel, der Prostitution und dem Rauschgifthandel verdingt zu haben. Die prunkvolle öffentliche Beerdigung des Familienoberhauptes Vittorio Casamonica in Rom bleibt deshalb nicht ohne Folgen. Mehr Von Jörg Bremer, Rom

23.08.2015, 16:01 Uhr | Gesellschaft

Veröffentlicht: 17.12.2012, 06:50 Uhr

Glosse

Der Suff kommt aus dem Internet

Von Michael Hanfeld

Der Online-Versandhändler bietet einen Lieferdienst für Alkohol an. Innerhalb von 34 Minuten stehen Wodka, Dosenbier und Chips für Kunden von „Amazon Prime Now“ bereit. Doch wer will denn solange warten? Mehr 13