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Fernseh-Frühkritik: „Anne Will“ : Wir haben nicht verstanden

  • -Aktualisiert am

Anne Will Bild: dpa

Woher der Gesinnungswandel der CDU beim Mindestlohn auch kommen mag, Julia Klöckner positionierte ihre CDU bei Anne Will so leidenschaftlich links, dass selbst der Linken die Argumente ausgingen.

          Woran bemerkt man den Wandel? Wenn plötzlich Dinge nicht mehr verstanden werden, die gestern noch selbstverständlich gewesen waren. Das erlebten die Zuschauer gestern bei Anne Will. Der FDP-Generalsekretär Christian Lindner und der stellvertretende Chefredakteur der Welt-Gruppe, Ulf Poschardt, bekundeten dort ihr Unverständnis über die Thesen von Julia Klöckner, der CDU-Fraktionsvorsitzenden aus dem Landtag in Rheinland-Pfalz. Das Thema waren die Mindestlöhne.

          „Ich habe es nicht verstanden!“, so formulierten beide, wenn auch nicht im Chor. Eine Talk-Show ist nun bekanntlich kein wissenschaftliches Symposium, wo die durchaus komplexen Strukturbedingungen der deutschen Wirtschafts- und Sozialverfassung analysiert werden könnten. Sie ist vielmehr ein Laboratorium zum Studium des Zeitgeistes.

          Eine Friseurin und die Neoklassik

          Die Reaktion von Lindner und Poschardt war kein Zufall. Sie drückten ihr Erstaunen darüber aus, dass plötzlich aus dem Mund einer leibhaftigen CDU-Fraktionsvorsitzenden Dinge zu hören waren, die im Widerspruch zu ihren eigenen Erwartungen gestanden haben. Hatten sie nicht in den vergangenen zwanzig Jahren gelernt, dass das Funktionieren von Arbeitsmärkten vor allem eine Frage der Preisbildung ist? Erst die niedrigen Löhne die Unternehmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen anregen? Flexible Arbeitsmärkte der entscheidende Bezugspunkt politischen Handelns sind? Weil ansonsten entweder die soziale Hängematte für die Arbeitnehmer Fehlanreize setzt oder die Menschen mit geringer beruflicher Qualifikation keine Chance hätten?

          Leider kamen beide nicht auf die Idee, eine Anregung der Erfurter Friseurmeistern Sybille Hein aufzunehmen. Frau Hein reflektierte nämlich - im Gegensatz zu den beiden Herren - die bis gestern dominierende neoklassische Sichtweise auf unsere Wirtschaftsverfassung. Diese sieht in der geringen Produktivität von leistungsschwachen Mitarbeitern eine der zentralen Ursachen für Arbeitslosigkeit. Sie leisteten zu wenig, um ein existenzsicherndes Gehalt zu rechtfertigen.

          Es wird deutlich worum es gestern ging: eine Volkswirtschaft nur aus der Perspektive des einzelnen Unternehmens und des einzelnen Arbeitnehmers zu betrachten. Woran diese Binnenperspektive leidet, machte Frau Will mit ihren Einspielern deutlich: sie führt zu gravierenden sozialen Verwerfungen. Eine junge Floristin kommt trotz einer 40 Stundenwoche und einem Stundenlohn von über 9 Euro auf kaum mehr als eine bessere Grundsicherung. Eigene Kinder würden so für sie zu einem unkalkulierbaren Risiko.

          Ein ehemaliger Subunternehmer der Hermes-Gruppe, übrigens die Spedition des Otto Konzerns, bleibt nach Abzug seiner Fixkosten noch nicht einmal ein minimaler Gewinn: er arbeitete tatsächlich umsonst. An seiner Leistungsbereitschaft habe es nicht gelegen: „Du wolltest halt keine staatlichen Zuwendungen haben“, so beschrieb die Ehefrau die Motivation ihres Mannes, sich als Subunternehmer zu versuchen.

          Eine Sonntagsphrase namens Soziale Marktwirtschaft

          Poschardt und Lindner blieben dieser Sichtweise verhaftet. Jedes ihrer Argumente ließ sich auf eine Grundstruktur zurückverfolgen. Wie handelt das Unternehmen? Wie kann ein Arbeitnehmer darauf reagieren? Es wurde zwar der Begriff „Rahmenbedingungen“ als Grundlage staatlichen Handelns erwähnt. Aber die einzige Rahmenbedingung ist hier die Durchsetzung eines Marktmechanismus, wo es lediglich Individuen gibt. Die Gesellschaft als Ganzes findet nicht statt.

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