07.06.2011 · Zwischen Alice und Alphamädchen: Seit drei Jahren versöhnt das „Missy Magazine“ Feminismus mit Popkultur. Und musste sich erst einmal selbst emanzipieren.
Von Linda HeinrichkeitAn der Oranienburger Straße Ecke Große Präsidentenstraße in Berlin gibt es einen Lifestyle-Sexshop. In den Schaufenstern stehen Dildos und Vibratoren in knalligen Farben und verspielten Formen, dahinter hängen Dessous mit Rüschen und Spitze. Nebenan ist die Redaktion des „Missy Magazine“, es spricht die an, die gerade noch in der „Fun Factory“ gewesen sein könnten: die modernen, emanzipierten Frauen. Die Klingel an der Tür des Altbaus ist klein mit „Missy Magazine“ beschriftet, es wirkt mehr wie ein Nachname als ein Firmenname. Die Treppe knarzt, im zweiten Stock öffnet Stefanie Lohaus, eine der vier Herausgeberinnen, die Tür. Sofort steht man im Konferenzzimmer: ein großer weißer Tisch, ein paar Stühle, zwei Telefone und die Ausgaben der vergangenen Monate. Sieht so der neue Feminismus aus?
Als „Missy“ vor drei Jahren auf den Markt kam, da gab es ungefähr eine einzige feministische Zeitschrift. Schon deshalb war die Idee der drei Herausgeberinnen Sonja Eismann, Chris Köver und Stefanie Lohaus so überzeugend: ein feministisches Magazin für Popkultur mit politischer Aussage wollten sie herauszubringen, mit Stil, aber ohne Schminke, mit Mode, aber ohne Magermodels. 25 000 Euro Fördergeld gewannen sie beim Hobnox-Wettbewerb für ihr Konzept. Das Geld ist längst weg, aber „Missy“ ist immer noch da. Die Auflage ist mittlerweile von 15 000 auf über 20 000 gestiegen, Margarita Tsomou kam als vierte Herausgeberin hinzu.
Das Schlagwort von den „Alphamädchen“
Seit drei Jahren also sucht Missy nun nach alternativen Lebensmodellen zu „Mutti bleibt zu Hause, Vati geht arbeiten“, vergleicht den Geschmack essbaren Sexspielzeugs, empfiehlt Künstlerinnen, Musikerinnen, Schriftstellerinnen oder erzählt, wie es war, in den sechziger Jahren illegal abzutreiben. In der vergangenen Ausgabe konnte man lernen, wie man zwei unterschiedlich farbige Strickjacken in der Mitte zerschneidet und vertauscht wieder zusammennäht. Die aktuelle beschäftigt sich mit Frauenfußball, vom Titel grüßt Sophie Rois.
Dass sich die Zielgruppe der „Missy“ von jener der „Emma“ unterscheidet, das lässt sich also auf den ersten Blick erkennen, und trotzdem ist es zu kurz gegriffen, wenn man „Missy“ einfach als „Anti-Emma“ begreift. „Es bringt nichts, sich immer von den älteren Frauen abzugrenzen“, sagt Lohaus. Schon damals, als kurz nach dem Start von „Missy“ das Schlagwort von den „Alphamädchen“ die Runde machte, geriet das Magazin mitten hinein in einen medial aufgeblasenen Generationenkampf zwischen jungen und alten Feministinnen. Die Gegenüberstellung von „hedonistischen, geschichtsvergessenen Girlies, die Emanzipation mit dem Tragen von Lipgloss und Stilettos gleichsetzen“ (Chris Köver) und den alten humorlosen Emanzen ist den „Missy“-Redakteurinnen auch heute noch zu platt.
Wie flach ist der Graben zu „Emma“ wirklich?
„Oft, wenn wir irgendwo in den Medien auftauchen, werden Schubladen aufgemacht. Aber man kann uns nicht einordnen“, sagt Lohaus. Sie trägt Rock und T-Shirt zu roter Strumpfhose und Lederstiefeln, ihre blonden Haare sind zum Zopf gebunden, sie ist nicht geschminkt. In einer Schublade stecken sie mit dem „Jungsheft“, das den Untertitel „Porno für Mädchen“ trägt, in einer anderen mit Büchern wie „Wir Alphamädchen“ und „Feuchtgebiete“. „Die Medien meinen: ,Das sind die neuen frechen Mädels, die machen jetzt was Peppiges“, sagt Lohaus.
Wie flach der Graben zwischen „Emma“ und „Missy“ tatsächlich ist, versuchten Redakteurinnen beider Magazine Anfang des Jahres bei einem Gespräch herauszufinden, das in der Frühlingsausgabe der „Emma“ gedruckt wurde. Unterschiede und Gemeinsamkeiten wollten sie diskutieren, und dass es dann vor allem um Letzteres ging, und sich das Gespräch eher wie eine gegenseitige Lobhudelei als wie eine kontroverse Auseinandersetzung liest, wurde von vielen, vor allem queer-feministischen, Seiten kritisiert. Schon der Titel „,Emma' meets Mädchen“ war bezeichnend.
Geändert hat sich vor allem die Zielgruppe. Die Generation der Feministinnen hat sich gewandelt. Sie bloggt und twittert, es sind viele kleine Stimmen, die für die Rechte der Frau kämpfen, nicht mehr nur einzelne Leitfiguren. Lohaus hat die Erfahrung gemacht, dass „die meisten jungen Frauen in der Uni an den Feminismus kommen, weil sie sich dort mit Gender Studies und feministischen Theorien beschäftigen. Das ist anders als in den siebziger und achtziger Jahren, wo es eine feministische Bewegung gab, die Frauenbewegung eben.“
Bierwerbung geht nicht
Missy wandelt auf dem Grad zwischen dem alten und dem jungen Feminismus. Und auf dem zwischen Mainstream und Nische, zwischen Pop- und Subkultur. Und so werden schon die Coverbilder zum Problem. Natürlich will sich Missy von den standardisierten Titeln anderer Hochglanzmagazine distanzieren, bei denen die Models, so Lohaus, „alle durch den Photoshop-Wolf gedreht wurden“. Trotzdem soll die Cover-Frau lächeln und ansprechend aussehen. Der Titel mit der attraktiven Berliner Musikerin Kitty Solaris in rot-weißer Bluse mit Punkten verkaufte sich besser als der mit einer Augenbrauen-hochziehenden Christiane Rösinger in grauem Pullover.
Zu den Generations- und Zielgruppenspagaten, die Missy versucht zu meistern, kommt ein sehr trockener hinzu: der wirtschaftliche. Denn auch die Werbebranche weiß nicht, wo sie Missy einordnen soll. Kosmetikwerbung passt nicht hinein, weil nirgendwo im Heft der beste Lippenstift empfohlen wird, auch wenn man davon ausgehen kann, dass sich auch „Missy“-Leserinnen schminken. Bierwerbung geht nicht, weil das zu viel Männlichkeit symbolisiert. Lohaus bedauert: „Auch der Marketingmarkt gendert.“ Und auch im Zeitschriftenregal hat das Magazin seinen Platz noch nicht gefunden, zwischen den reinen Musikmagazinen und jenen Frauenzeitschriften, die immer noch nach einer Antwort auf die Frage suchen: Wie mache ich meinen Körper für den Sommer fit? „Frauenzeitschriften sind eine Folie für das, was Frau-Sein heißt“, meint Lohaus, „Sie zeigen dir den Rahmen auf, wie du dich als Frau definierst und verhalten sollst.“
Seit „Missy“ gibt es Hoffnung für junge Frauen, die sich nicht als Modepüppchen definieren wollen - und die kommen nicht nur aus der Nische.