Home
http://www.faz.net/-gqz-75ey3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Felix von Leitner im Gespräch Das Wissen über das Ausmaß der Überwachung ist neu

Der Chaos Communication Congress erlebt eine spektakuläre Enthüllung. Zwei NSA-Mitarbeiter klären über die mutmaßlich massive Überwachung der amerikanischen Bevölkerung auf. Der Blogger Felix von Leitner ordnet die Aktion ein.

© Getty Images Das Forum der Enthüllungsaktion: das diesjährige Treffen des Chaos Computer Clubs

Beim Chaos Communication Congress gab es einen Vortrag der zwei ehemaligen ranghohen NSA-Mitarbeiter Thomas Drake und William Binney, die sich in den vergangenen Jahren dazu entschieden, die Öffentlichkeit über Milliarden von Dollar teure Spionageprogramme aufzuklären, mit denen mutmaßlich die amerikanische Bevölkerung überwacht wird. Der Auftritt der Whistleblower war ein Coup.

Felix von Leitner: Ja. Wir haben uns sehr gefreut, dass wir beide als Redner gewinnen konnten. Der Chaos Computer Club versucht seit Jahren, für den Congress solche Leute anzuziehen. Whistleblower waren häufiger zu Gast. Diese beiden haben hohe Positionen in der NSA gehabt. Ihr Auftritt war etwas Besonderes. Wir erfuhren zwar wenige technische Details, es war trotzdem sehr interessant.

Sie kritisierten danach auf ihrer Website den Vortrag. Die problematischen Überwachungen des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes NSA sei nicht nur ein Phänomen der vergangenen Dekade.

Ich war überrascht davon, wie wenig selbstkritisch die Redner waren. Ich hätte erwartet, dass sie, wenn sie solch einen gerechten Zorn entwickeln, gegen das Massenabhören und die Überwachung der Bevölkerung, auch den letzten Schritt gehen und sagen, dass sie die ganze Welt abgehört haben. Doch die Überwachung der amerikanischen Bevölkerung hatte für sie eine eigene Qualität. Mich hat auch irritiert, dass die Argumentation nicht nur auf den amerikanischen Gesetzen beruhte, die der NSA verbieten, Amerika selbst zu überwachen, sondern auch auf der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen. Die betrifft schließlich auch Nichtamerikaner.

Mehr zum Thema

Dass an dieser Stelle der Anlass für Selbstkritik nicht erkannt wurde, war sehr schade. Stattdessen gab es viel Selbstmitleid, das allerdings auch gerechtfertigt ist. Ihnen ist böse mitgespielt worden. Wir Deutsche sind an dieser Stelle anscheinend zu fordernd, wir kennen einen offensiveren Umgang mit der eigenen Geschichte. Dass die Geheimdienstarbeit vor dem 11. September 2001 in demokratischen und menschenrechtlichen Grenzen geblieben sei, darf so aber nicht in den Geschichtsbüchern stehen.

Dennoch gibt es eine neue Sensibilität, wenn ehemalige NSA-Mitarbeiter die Geschichte neu bewerten. Sei es auch nur die jüngste seit dem 11. September 2001.

Das stimmt. Es interessiert die Menschen heute, dass sie abgehört werden können. Dass das Thema gesetzt ist, ist schon ein erster Sieg, der auch von uns errungen wurde. Das Wissen über das Ausmaß der Überwachung ruht ja nicht auf einer offiziellen Verlautbarung. Aktivisten haben die Technik gefunden und die Abhörnetzwerke entdeckt, über die wir heute reden. Das Abhören und seine Geheimhaltung ist ein Gift für die Demokratie. Der BND macht übrigens nicht viel anderes als die NSA. Die Amerikaner betreiben nur das größere Netzwerk.

Geht der Auftritt der NSA-Whistleblower auf der Bühne mit einem engeren Kontakt zum CCC einher?

Nein, wir werden von ihnen nicht mehr erfahren, als das, wovon sie auf der Bühne gesprochen haben. Was solche Whistleblower sagen wollen, das sagen sie öffentlich. Wir treffen uns mit ihnen nicht im Hinterzimmer, in der Hoffnung, mehr Details zu erfahren. Dafür habe ich Verständnis. Wer so langwierige Kämpfe mit den eigenen Regierungsinstitutionen führt, hat kein Interesse daran, in fremden Ländern Geheimnisse auszuplaudern. Es ist aber auch schon wieder zehn Jahre her, dass sie im Geheimdienst gearbeitet haben. Was sie sagen könnten, wäre auch schon wieder veraltet.

Das Gespräch führte Stefan Schulz.

Felix von Leitner ist Programmierer, Blogger und einer der bekanntesten Mitglieder des Chaos Computer Clubs. In seinem Blog http://blog.fefe.de schreibt er über technische und politische Themen.

Quelle: FAZ.NET

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Sido im Gespräch Denk dran, Junge, du bist auf Bewährung!

Früher war Rapmusiker Sido der Mann mit der Maske, heute zeigt er sich häufig handzahm - und teilt trotzdem noch aus. Ein Gespräch über tätowierte Autogramme, die Erziehung seines Sohnes und öffentliche Beleidigungen. Mehr Von Jonas Hermann

02.09.2015, 12:04 Uhr | Gesellschaft
Berlin Netzpolitik.org-Blogger fordert Schutz von Whistleblowern

Der Blogger Markus Beckedahl begrüßt die Einstellung der Landesverratsermittlungen gegen das Internetportal. Die Bundesanwaltschaft hatte zuvor mitgeteilt, dass Generalbundesanwalt und Bundesjustizministerium davon ausgingen, dass es sich bei den von den Bloggern veröffentlichten Dokumenten nicht um Staatsgeheimnisse handele. Mehr

10.08.2015, 17:04 Uhr | Politik
Jonathan Franzen im Gespräch Das ist alles sehr deutsch

Was die Netzgemeinschaft denkt, interessiert ihn nicht. Kurz vor Erscheinen von Unschuld spricht Jonathan Franzen über einen deutschen Überwachungsstaat und seine Verpflichtung gegenüber den Lesern. Mehr Von Felicitas von Lovenberg

30.08.2015, 15:46 Uhr | Feuilleton
NSA Empörung über neue Hinweise zur Spionage

Angesichts neuer Enthüllungen der Plattform WikiLeaks, wonach der amerikanische Geheimdienst NSA in Deutschland auch Wirtschaftsspionage betrieben haben soll, haben die Oppositions-Obleute im NSA-Untersuchungsausschuss Konsequenzen gefordert. Mehr

02.07.2015, 16:38 Uhr | Politik
Pädagoge im Interview Die Lehrerpersönlichkeit kann man nicht lernen

Schüler sollen von ihren Lehrern was lernen, heißt die einfache Botschaft. Der Pädagoge Dirk Stötzer über Führungskräfte, Sonnyboys, Wracks – und den besten Beruf der Welt. Mehr Von Julia Schaaf

30.08.2015, 15:05 Uhr | Gesellschaft

Veröffentlicht: 30.12.2012, 12:20 Uhr

Glosse

Neunzig Millionen für „Sonstiges“

Von Andreas Kilb

Es war eine Gelegenheit, bei der die Hauptstadt mal wieder richtig Hauptstadt sein durfte: Bei der Eröffnung des Wettbewerbs für ein Museum der Moderne in Berlin sorgt die Kostenaufstellung für Lacher. Mehr 10 33