28.07.2009 · Wenn Blauhemden auf die Parole „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!“ mit „Immer bereit!“ antworten: Im Ersten untersuchen Lutz Hachmeister und Mathias von der Heide das Geheimnis der FDJ. Das Verblüffendste ist die Schilderung der Jahre vor 1945.
Von Andreas PlatthausDa stehen sie schon in der ersten Einstellung: kleine Kinder in blauen Hemden, die Hand seltsam verdreht über dem Kopf gehalten, und man hört im Geiste schon, was jetzt von vorne erklingen muss, als Begrüßung irgendeines wichtigen Erwachsenen, eines Funktionärs, einer Lehrerin, eines Offiziers, einer Jugendklubleiterin, der Satz: „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!“ Und die Antwort hätte gelautet: „Immer bereit!“ Aber die Bilder bleiben zunächst stumm.
Lutz Hachmeister und Mathias von der Heide beginnen ihren Dokumentarfilm „Freundschaft! Die Freie Deutsche Jugend“, der an diesem Dienstagabend im Ersten läuft, mit der Vorstufe zur FDJ: den Pionieren. Das waren die Kleinen, die mit dem blauen Halstuch und ebendem Pioniergruß. In der FDJ bekam man ein blaues Hemd ohne Halstuch, und es ging zur Begrüßung knapper zu: „Freundschaft!“ - so wie der Film heißt. Aber da beides zusammengehörte, Pionier-Kindheit und Freie Deutsche Jugend, und da auch das, was danach kam - EOS (Erweitere Oberschule), Armeedienst, SED -, bei einer ostdeutschen Karriere zwingend waren, tun Hachmeister und von der Heide gut daran, nicht nur die FDJ abzuhandeln, sondern sie als das Scharnier zu begreifen, das sie in der DDR von Beginn an war. Von „Kaderschmiede“ reden die Gesprächspartner gerne, und wenn man bedenkt, dass sowohl Erich Honecker als auch Egon Krenz vor dem höchsten Staatsamt die Funktion eines Vorsitzenden des FDJ-Zentralrats innehatten, stimmt das auch. Der letzte Chef der DDR-Jugendorganisation hieß Eberhard Aurich. Im Zentralkomitee der SED saß er schon, als die Mauer fiel. Danach wurde er Geschäftsführer eines Berliner Schulbuchverlags.
Leider ist es Hachmeister und von der Heide nicht geglückt, Aurich oder Krenz vor die Kamera zu bekommen. Doch ansonsten ist die Liste ihrer Gesprächspartner beachtlich: die Politiker Hans Modrow, Petra Pau, Lothar Bisky und Katrin Göring-Eckardt, den Filmregisseur Andreas Dresen oder den Rammstein-Musiker Christian „Flake“ Lorenz, um nur die bekanntesten zu nennen. Nicht alle waren in der FDJ. Lorenz etwa war kurz vor der Wende Mitglied der DDR-Punkgruppe „Feeling B“ und vertrat all das, was der offiziellen Politik unheimlich war: Respektlosigkeit, Eigensinn, Freiheit. Das also, wofür die FDJ einmal hätte stehen sollen.
Das Grundgefühl überlebt zu haben
Denn das Verblüffendste an der Dokumentation ist die Schilderung der Jahre vor 1945. Die FDJ, Inbegriff der DDR wie sonst nur noch Stasi und SED, war dreizehn Jahre älter als der sozialistische Staat. Sie wurde 1936 von kommunistischen Exilanten gegründet und hatte die politische Bekämpfung des Nationalsozialismus zum Ziel. So versammelten sich etliche ehrenwerte Widerstandskämpfer unter der Fahne der aufgehenden Sonne, und dieser Nimbus hat sich ungeachtet aller politischen Perversionen, die sich die FDJ leistete, teilweise bis heute gehalten. Es ist erstaunlich, wie etwa Klaus Bölling, ehedem Bonner Regierungssprecher unter Helmut Schmidt, sich an Erich Honecker erinnert: „Er war ein rechtschaffener Mann.“ Warum? Weil er sehr prüde gewesen sei, nicht getrunken und nicht geraucht habe. Wenn das die Kriterien für Rechtschaffenheit sein sollen ...
Doch das Gespräch mit Bölling hält auch den Schlüssel für das Verständnis der anfänglichen Begeisterung bereit. Die FDJ-Zeitung, für die der damals Achtzehnjährige 1947 zu arbeiten begann, hieß „Das neue Leben“. Das war es: überlebt zu haben, was das Grundgefühl deutscher Jugendlicher ausmachte, und zwar in Ost und West. Die FDJ war eine gesamtdeutsche Angelegenheit, ehe sie im Juni 1951 in der Bundesrepublik verboten wurde. Hachmeister und von der Heide rekonstruieren genau, wie sich damals die gegenseitige Hetzpropaganda immer höher schaukelte. Der Kampf um die Jugend wurde vor allem medial ausgetragen.
Fürs Leben gelernt
Anderthalb Stunden dauert diese Dokumentation. Weiß Gott nicht zu viel für eine solche Organisation, zumal es gelungen ist, in den Archiven neue Farbaufnahmen auszugraben, vor allem aus den sowjetischen vierziger und fünfziger Jahren. Allerdings ist die unbekannte, die Frühgeschichte der FDJ nach einer Viertelstunde durch. Und dann verlässt der Film bisweilen die chronologische Linie und orientiert sich an thematischen Feldern wie Musik, Film, Fernsehen - alles interessant, aber die politische Komponente der FDJ, gerade als Kaderschmiede, gerät aus dem Blick. Stattdessen wird die Gegenkultur in der DDR gewürdigt. Das ist zweifellos verdienstvoll, aber mit der FDJ hat es nur indirekt zu tun. Im Mittelteil von Hachmeisters und von der Heides Dokumentation hat man das Gefühl, Kulturgeschichtsschreibung beizuwohnen, nicht dem Drama eines Verrats an jugendlichen Idealen.
Das aber steckt hinter jeder FDJ-Geschichte, und nur Lothar Bisky weist darauf eindringlich hin. Bezeichnend, wie etwa manche der hier dokumentierten Erinnerungen bis in die Wortwahl hinein den Reminiszenzen von Hitlerjungen oder NS-Eliteschülern gleichen: immer wieder die Beharrung darauf, man habe doch aus den Begegnungen so viel fürs Leben gelernt. Nicht nur, dass sich die FDJ für ihre Jugendhochschule zielsicher den Goebbelsschen Landsitz am brandenburgischen Bogensee auswählte, auch das Schlussbild des Films mit einer Reihe von Fanfarenbläsern vor mittelalterlich-mitteldeutscher Kulisse könnte problemlos aus einem Reichsparteitagsfilm von Leni Riefenstahl stammen. Diese ästhetisch-programmatische Fortsetzung beim politischen Jugendmissbrauch spielt leider gar keine Rolle. Es bleibt bei eher spaßigen Einspielungen von Massenszenen, Zentralratssitzungen, Musikvorträgen (eine besonders bizarre Liedzeile feierte in den siebziger Jahren den Mauerbau: „Der einundsechziger August / war absoluter Nato-Frust“). Eingesprochene Kommentare gibt es nicht, gelegentlich werden Informationen als Untertitel beigegeben.
Das Gespenstische bleibt den Zeitzeugen überlassen. Etwa beim Bericht, was den armen kleinen Gehirnen eingetrichtert wurde: „gutes Wissen“, das hieß „Marx, Engels und Lenin, Heine und Gorki“. Wie aber konnten aus den Mündern von Schülern Heines und Gorkis Sätze ebenso kommen wie der aus unzähligen Institutionennamen bestehende Bandwurmsatz, mit dem der Sprecher des DDR-Fernsehens den Tod von Walter Ulbricht am 1. August 1973 verkündete? Die Schnittstelle vom Abenteuer- und Romantikspielplatz FDJ zum DDR-Alltag kommt bei Hachmeister und von der Heide zu kurz.
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Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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