Gute politische Talk-Shows leben von ihren Gästen. Vor allem dann, wenn es unverbrauchte Gesichter sind, deren Perspektive der Zuschauer noch nicht kennt – und die daher auch nicht lediglich die Erwartungen des Publikums an bekannte Argumentationsfiguren befriedigen. Anne Will hatte am Mittwochabend einen solchen Gast in ihre Sendung zum Thema „Mittelschicht in Abstiegsangst – bleiben die Fleißigen auf der Strecke“ eingeladen.
Die Journalistin und Autorin Kathrin Fischer, Jahrgang 1967, berichtete von ihren Erfahrungen. Der Ausgangspunkt war ein Besuch bei ihrem Englisch-Lehrer. Sie fragte sich, warum er trotz eines ähnlichen Einkommens soviel mehr aus seinem Leben machen konnte als sie selbst. Er hatte Parkett und Frau Fischer den Laminat-Fußboden. Sie hat die typische Baby-Boomer-Biographie: Ihre Eltern repräsentieren den Mittelstand vergangener Zeiten mit dem eigenen Haus – und wohl einem Pferd statt dem obligatorischen Mittelklasse-Automobil.
Sie beschrieb sehr prägnant ihre früheren Erwartungen an die Zukunft: „Das Leben geht weiter, wie bei meinen Eltern, nur cooler.“ Davon ist nichts übrig geblieben. Statt des Hauses die Mietwohnung und die Einsicht, sprichwörtlich nur noch auf einen grünen Zweig zu kommen – im Gegensatz zum besagten Englisch-Lehrer mit einem vergleichbaren sozialen Status. Frau Fischer konnte das erklären: Die Privatisierung früherer Sozialleistungen, stagnierende Realeinkommen, ein Steuersystem mit der Verschiebung von den direkten Steuern zu den Konsumsteuern.
Nun habe sie ja nichts dagegen, wenn ihr Einkommen sinkt, weil etwa „kolumbianische Bananenpflücker“ höhere Einkommen durchsetzen und daher Konsumgüter teurer würden. Nur sehe sie nicht ein, dass man ihre sinkenden Einkommen dafür verwendete, um „Yachten mit Teakholz“ auszustatten. Der Bürger konnte es in diesen Tagen im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung nachlesen: Die Deutschen waren immer reicher geworden. Allerdings lediglich die oberen zehn Prozent in der Einkommens- und Vermögensverteilung.
Ein armer Tor, so schlau, wie schon zuvor
Frau Fischers Ausgangspunkt waren jene 80er Jahre des vorherigen Jahrhunderts als in Deutschland Helmut Kohl in einer schwarz-gelben Koalition regierte. Der FDP-Wirtschaftsminister hieß „Marktgraf“ Otto Graf Lambsdorff. Bekanntlich will die Union in diesen Tagen das Jubiläum der Wende feiern. Der Vorwurf sozialistischer Umverteilungspolitik wäre sicherlich ein interessanter Vorwurf an den „Kanzler der Einheit“, aber der FDP-Generalsekretär Patrick Döring wird wohl an diesem Tag nicht sprechen.
So saß er da bei Anne Will als armer Tor, und war so schlau, wie schon zuvor. Döring rasselte seine Argumente herunter: Es fielen Worte wie „Arbeitsplätze schaffen“, „Verantwortung“, „Mittelstand“ und natürlich „Freiheit“. Nur auf die Feststellungen von Frau Fischer gab es keine Antwort. Dabei formulierte sie nicht auf Englisch. Den „Marktgrafen“ kann man bedauerlicherweise nicht mehr einladen. Er ist 2009 verstorben. So sah Döring älter aus als es der Graf Lambsdorff je gewesen war.
Wie finanzieren wir Kriege?
Uwe Hück, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei der VW-Tochter Porsche, ist seit langen Jahren bewährter Gast in diversen Diskussionssendungen. Er schlug vor, „sich nicht zu streiten“ und informierte über die Lohngruppe 8 bei Porsche (4.000 Euro brutto im Monat). Zudem solle man sich in der Wirtschaft nicht an Hedgefonds orientieren. Das wird ein ehemaliger Finanzvorstand seines Arbeitgebers mit Interesse zur Kenntnis genommen haben.
Zudem hatte er die Idee, dass man Reichensteuern lieber für Bildung als für „Kriege“ verwenden sollte. Bedeutet das jetzt mit den 19 Prozent Mehrwertsteuern auf Windeln die Bundeswehr zu finanzieren? Aber auch Döring konnte nicht plausibel erklären, warum eigentlich die Doppelbesteuerung bei der Erhebung von Vermögenssteuern so ein Problem sein soll, während der Erwerb der Mehrwertsteuer-pflichtigen Windeln aus versteuerten Einkommen kein Problem ist. Man ahnt die Antwort: Weil auch Reiche Windeln brauchen?
„Sie haben keine Ahnung“
Ein Höhepunkt war der Disput zwischen der Vertreterin der „Linken“, Sahra Wagenknecht, und dem Präsidenten des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther. Nun ist Hüther einer der einflussreichsten deutschen Ökonomen. Er bestritt keineswegs die Fakten, die Frau Fischer skizzierte. Er formuliert sie nur anders. In der Sprache des Ökonomen wird halt der Laminatboden zur „zunehmenden Einkommensspreizung“. Die Wahrnehmung von Frau Fischer erklärt er aus der Aufstiegserfahrung der Elterngeneration im Wirtschaftswunder.
Zudem bestehe heute ein „höherer Anpassungsdruck“ für die jüngere Generation. Dafür habe sich die Mittelschicht im Verlauf der vergangenen 20 Jahre als erstaunlich stabil erwiesen. Es gäbe zwar subjektive Befürchtungen in der Mittelschicht, die wären aber durch die Empirie nicht gedeckt. Frau Will dokumentierte das an einem Einspieler über eine entsprechende Studie seines Instituts. Nun meinte Frau Fischer, dass auch „Volkswirte nur Fakten interpretierten“ und ein Ökonom eines Arbeitgeber-nahen Instituts ein Interesse an dieser Sichtwiese habe. Hüther meinte schließlich etwas unwirsch: „Sie haben keine Ahnung.“
Tatsächlich hat sich das Institut in der Studie „Mythen über die Mittelschicht“ aus dem Jahr 2011 mit diesem Thema beschäftigt. Damals ging es um zwei Fragen: Die „Aufstiegsmobilität in die Mittelschicht im internationalen Vergleich“ und „die Einkommensungleichheit im internationalen Vergleich: Gini-Koeffizienten ausgewählter OECD-Länder auf Basis des Nettoäquivalenzeinkommens Mitte der 2000er Jahre.“
Frau Wagenknecht meinte nun, der Zuwachs sei aber ausschließlich der Oberschicht zu Gute gekommen. Das ist zwar richtig, aber hier hat Hüther recht, davon ist in dieser Studie nichts zu lesen. Die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung innerhalb der Bundesrepublik seit den 80er Jahren ist dort kein Thema gewesen. Allerdings hat das Institut in einer Pressemappe vom 27. August unter dem Titel „Stabile Mitte“ in einer Tabellensammlung auf Seite 6 einen zarten Hinweis gegeben.
Vom Parkett ist nicht mehr die Rede
Dort ließ sich der Eindruck nicht vermeiden, dass die sogenannten 3,2 Prozent „Einkommensreichen“ die einzige Bevölkerungsgruppe gewesen sind, die seit 1991 Einkommenssteigerungen zu verzeichnen haben. Das „durchschnittliche bedarfsgewichtete Nettoeinkommen pro Kopf in Verbraucherpreisen des Jahres 2009 (in Euro)“ betrug in dieser Gruppe übrigens im gleichen Jahr 6.443 Euro. Auf die Einkommensunterschiede innerhalb dieser Gruppe sei doch hingewiesen.
Schließlich kann sich auch bei den „Einkommensreichen“ nicht jeder das besagte „Teakholz auf der Yacht“ leisten. Unter „Stabile Mitte“ ist aber etwas anderes als Teakholz zu verstehen. Es geht um den Nachweis, dass man vom Laminat zur noch günstigeren Auslegeware absteigen – aber auch wieder zum Laminat aufsteigen kann. Und zudem der Laminat nur bei 2 Prozent der Mittelschicht gefährdet ist. Das zumeist bei Scheidung. Wobei der Laminat in gewisser Hinsicht mit dem Bildungsniveau innerhalb der Mittelschicht korreliert. Vom Parkett ist nicht mehr die Rede.
Es sind 21 Millionen Euro
Die Verteilungsfrage sei aber keine ökonomische, sondern Ausdruck einer Wertentscheidung. Diese Sichtweise Hüthers ist konsequent. Es geht letztlich um die Frage, wie viel Ungleichheit eine Gesellschaft hinnehmen will. Die in der Amtszeit des Marktgrafen Lambsdorff oder die seines Nachfolgers Philipp Rösler? Schließlich wurde Döring noch nach der „Reichstumsuhr“ gefragt. Der DGB Hessen-Thüringen hat eine solche veröffentlicht. Nun hat der FDP-Generalsekretär die Frage nicht beantwortet, wie sich denn das Vermögen der Deutschen in den 75 Minuten Sendezeit entwickelt hat.
Das kann man nachfühlen. Die „methodische Probleme“ sind hier fast so groß wie in der Studie „Integrierte Einkommens- und Vermögensbetrachtung“ von Hüthers Institut zum „Sozio-oekonomische Panel (SOEP)“ und der „Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS)“. „Keine Ahnung“? Es sind 21 Millionen Euro. Die Yachtbesitzer können im Januar zur Boot 2013 nach Düsseldorf fahren. Die „Stabile Mitte“ bekommt dagegen Laminat schon ab 3,99 Euro den Quadratmeter. Frau Fischer wird sich jetzt fragen, ob die 21 Millionen Euro richtig verteilt sind. Nach dieser Sendung wird sie sich diese Frage allerdings nicht mehr alleine stellen.
"Das gemeine Beste ist dem persönlichen immer vorzuziehen"
gisbert heimes (gisbert4)
- 20.09.2012, 23:33 Uhr
Manipulation
Ekke Hoffmann (EkkeHoffmann)
- 20.09.2012, 16:52 Uhr
Die Lesermeinungen verdeutlichen ein Wahrnehmungsproblem.
Otto Meier (DerQuerulant)
- 20.09.2012, 16:45 Uhr
Parkett und Laminat oben -- PVC- und Linoleum-Fußböden unten
Johannes Watson (jw221bbst)
- 20.09.2012, 16:42 Uhr
"Die Goldenen Achtziger Jahre" & der Ökonom als
Literaturwissenschaftler
Robert Hamacher (harohama)
- 20.09.2012, 16:07 Uhr