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FAZ.NET-Spezial: Fundstücke des Fernsehens Man sieht sich wieder

25.09.2008 ·  Das Fernsehen dokumentiert große Momente und spiegelt unseren Alltag wider - kurzum: Wir finden uns darin wieder. In den vergangenen Monaten haben wir allerlei Fundstücke aus dem Berliner Fernsehmuseum vorgestellt. Jetzt zieht dessen Leiter Peter Paul Kubitz ein vorläufiges Resümee.

Von Peter Paul Kubitz
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Zwei schöne junge Frauen, Imogen Orkutt und Schura von Finkelstein, träumen, wir schreiben das Jahr 1929, gemeinsam vor einer Fernsehkamera von einem aufregenden Leben, vielleicht gar von einer steilen Karriere in dem damals noch nicht zur Sendereife entwickelten Medium. Vergeblich. Drei berühmt gewordene alte Herren, der eine, Georg Stefan Troller, lebt in Paris, der andere, Wolfgang Menge, in Berlin, der dritte, Vicco von Bülow, am Starnberger See, treiben dieses Medium ein Vierteljahrhundert später im Dokumentarischen, im Fiktionalen und in der Unterhaltung sukzessive zu Höchstleistungen an. Einzigartig erfolgreich.

Ihr Hochsprung zur Goldmedaille mit sechzehn Jahren, festgehalten von den Fernsehkameras während der Olympischen Spiele in München 1972, beschert der Sportlerin Ulrike Meyfarth im Sommer 2008 bei einer Fernsehumfrage unter deutschen Zuschauern den ersten Platz auf der Weltbestenliste, so unvergessen ist dieser Bilderbuchsprung - unvergessen, wie die Aufnahmen vom Olympia-Attentat in München am Tag nach Ulrike Meyfarths Sieg, wie die Bilder vom Mauerbau rund zehn Jahre zuvor und vom Mauerfall knapp zwanzig Jahre danach; unvergessen, wie die großen politischen Debatten, die in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auf dem Bildschirm ausgetragen wurden, meist von Männern damals, meist fanden sie im Studio statt, umhüllt vom nikotinen Dunst der Kettenraucher. Bilder allesamt, die sich zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlichen Generationen eingeprägt haben, für die meisten Menschen in dieser Republik so tief, dass sie - gleich neben dem Familienalbum - zum festen Bestand ihres biographischen Bildrepertoires gehören: zu Bildern, die man nicht vergisst.

Höchst spannende Fragen

Diese Bilder, die Menschen und die Geschichten, die sich mit ihnen verbinden, waren das Thema der Reihe „Fundstücke des Fernsehens“, die heute schließt, genauer: vorläufig endet. Denn aufregende Fernsehbilder und aufregende Geschichten und interessante Menschen, die zu diesen Bildern und zur Geschichte des Mediums Fernsehen gehören, gibt es in Hülle und Fülle, versammelt im Museum für Film und Fernsehen in Berlin, einer in Deutschland und Europa in dieser Verbindung einzigartigen Einrichtung. Nirgendwo sonst befasst sich ein Museum hierzulande so umfassend und intensiv mit dem Leitmedium des vergangenen Jahrhunderts. 2006, im Vorfeld seiner Eröffnung, schrieb Uwe Kammann, damals Leiter von „epd medien“ und heute Direktor des Adolf-Grimme-Institutes: „Es gibt kein Museumsprojekt, das aktueller und umfassender wäre - eines, das sich ständig verändert und sich mit jeder Rückspiegelung neu für die Zukunft erfindet.“

Nimmt man den hier formulierten Anspruch und die so dem Museum zugeschriebene Bedeutung gesellschafts- und kulturpolitisch wirklich ernst, erwachsen daraus einige weitergehende, höchst spannende Fragen. Zum Beispiel die Frage nach dem künftigen Verhältnis des Museums zu den Sendern und ihren Archiven (ARD und ZDF engagierten sich sehr beim Aufbau dieser Einrichtung und stellen zur Zeit, kostenfrei, Programme bei). Denn mit dem öffentlichen Wiederzugänglichmachen von Geschichten, die unsere Serie in bisher zehn Folgen exemplarisch vorstellte, leistet das Museum in Berlin und bundesweit mehr und anderes als das, was die Sender von sich aus über Programmwiederholungen oder in den von ARD und ZDF eingerichteten Mediatheken dem Publikum zu bieten haben, je bieten werden.

Zu fragen und zu beantworten wäre auch: Wie und von wem sind die Rechte der Beteiligten an den aufbewahrten und wieder in die Gesellschaft hineingespielten Sendungen und Programme abzugelten? Viele von ihnen wären ohne die Arbeit des Museums definitiv und zu Unrecht vergessen. Und wie steht es mit Lebenswerken, die sich, siehe Georg Stefan Troller (Fundstücke des Fernsehens (2): Ein Drehbild und hundert Akten Unordnung), siehe Wolfgang Menge (Fundstücke des Fernsehens (8): Wolfgang Menge), siehe Vicco von Bülow (Fundstücke des Fernsehens (9): Loriot), dermaßen subversiv zu so vielen Sendungen in der Gegenwart verhalten, dass man sie erhalten und in Erinnerung bringen muss: Programmbeiträge aus der deutschen Fernsehgeschichte, die noch in der Rückschau für Zunder sorgen können, die der gesellschaftlich produzierten Amnesie trotzen? Diese Vergangenheit holt die Gegenwart ein, sie entkommt ihr nicht, solange das kollektive Gedächtnis wach gehalten wird.

Auch weil es eben noch „unschuldig, spurenlos“ war

Zu fragen wäre schließlich, welche Rolle das Museum künftig für andere kulturelle, gleichfalls nichtkommerzielle Einrichtungen spielen könnte, wenn es darum geht, die in den Sendern abgelegten Beiträge zu Kunst, Kultur und Wissenschaft, zu Politik und Zeitgeschehen zum aktuellen Nutzen der Gesellschaft in neue Kontexte zu stellen - für das Goethe-Institut etwa, für klassische Museen, ja bis hin, beispielsweise, für das nun entstehende Humboldt-Forum im Zentrum der Hauptstadt.

Der erste Artikel in der Reihe „Fundstücke des Fernsehens“ handelte von den frühen Fernsehversuchen bei der Bildübertragung und den beiden Frauen, die sich dafür zu Verfügung stellten und deren Bilder auf diese Weise bis heute erhalten sind (Fundstücke des Fernsehens (1): Vier Bilder und eine Geschichte). Die eine von ihnen, Imogen Orkutt, heiratete wenige Jahre später einen jüdischen Arzt, wanderte dann noch rechtzeitig mit ihm nach Israel aus und kehrte später zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn in die Bundesrepublik zurück. Was aus der zweiten Frau, Schura von Finkelstein, wurde, „ist“, so endete der Artikel im Juli, „bislang unbekannt.“ Wenige Tage nach dessen Veröffentlichung meldeten sich Angehörige von Alexandra von Finkelstein („Schura“ war ihr Kosename), die diese Bilder noch nie gesehen hatten, und teilten mit: Alexandra von Finkelstein wurde, wie ein großer Teil ihrer Familie, in Auschwitz ermordet. Die überlebenden Angehörigen und die Nachkommen recherchieren derzeit die Geschichte von Schura von Finkelstein und planen ein Buch über ihr Leben. Möglicherweise wird danach daraus auch ein Fernsehfilm.

Aus Bonn meldete sich ein ehemaliger Botschafter der Bundesrepublik zu Wort, der als Zwölfjähriger bei den ersten Fernsehversuchen der Nationalsozialisten dabei war und jetzt sein Wissen und einige von ihm aufbewahrte Dokumente aus dieser Zeit dem Museum in Berlin vermachen wird. Und schließlich reagierte die in Frankfurt lebende Schriftstellerin Eva Demski mit einem eigenen Beitrag (Fundstücke des Fernsehens (10): Vom Morgenrot eines Mediums), in dem sie die Fernseharbeiten ihres Vaters Rudolf Küfner vorstellte, der in den fünfziger Jahren als Bühnenbildner vom Theater zum Fernsehen, genauer zum Hessichen Rundfunk, wechselte und mit Stars wie Fritz Umgelter und Hans Joachim Kulenkampff zusammenarbeitete. Fürs Fernsehen. Für ein Medium, in das sich die von den Nazis „Davongekommenen leidenschaftlich verliebten“, auch weil es eben noch „unschuldig, spurenlos“ war. Eva Demski wird den Nachlass ihres Vaters, darunter rare Fotografien sowie wundervolle Kostüm- und Bühnenbildzeichnungen, dem Museum für Film und Fernsehen überlassen.

Eine unstillbare Lust nach dem bar Bezahlten

Auf meine Frage, was sie, Eva Demski, die als Kind mit dem Theater aufwuchs, später aber auch zur Arbeit in Rundfunk und Fernsehen nicht nein sagte, an der Bühne so viel mehr fasziniere als am Bildschirm, antwortete die Schriftstellerin mit einer Anekdote, die sie auch in ihrem Buch „Sumsemann und ehrbare Dirne - Erinnerungen einer damals Vierjährigen an das Regensburger Theater der Nachkriegszeit“ festgehalten hat. „Ich habe“, so Eva Demski, „eine bekannte Filmschauspielerin gefragt, was sie immer wieder auf die Bühne treibe - dort wird bar bezahlt, hat sie geantwortet. . . Ich wage eine Prophezeiung: In einem Zeitalter des anything goes, der vollkommenen Manipulierbarkeit der Bilder und des Siegeszugs der sogenannten post-production wird das Publikum eine unstillbare Lust nach dem bar Bezahlten entwickeln. Es bewegt das Herz mehr, wenn man etwas sieht und hört, das so noch nie in der Welt war und danach nie mehr in ihr sein wird.“

Ja. Und nun? Knopf aus? Fernbedienung weg? Höchstens noch den Theaterkanal einschalten? Oder im Museum für Film und Fernsehen Produktionen anschauen, die so unvergesslich sind wie ein Tanzabend von Sasha Waltz an der „Schaubühne“? Ja, warum nicht? Die Philharmonie liegt, nebenbei bemerkt, gleich neben dem Museum für Film und Fernsehen am Potsdamer Platz. Gleich daneben auch die Neue Nationalgalerie, die Gemäldegalerie und die Staatsbibliothek. Aber dann passiert irgendwo etwas auf der Welt, dann rufen die „Tagesschau“, die nächste Fußball-Weltmeisterschaft, der Talk, der Krimi, dann, nicht zu vergessen, erklärt die Kanzlerin der Nation die Lage - und, so gestehen wir: Im Fernsehen sehen wir uns wieder. Es ist nur so gut wie sein jeweiliges Publikum. So bildet es seit einem halben Jahrhundert, wie kein anderes Medium, unseren Alltag ab. Es tut dies, nun das Internet als Konkurrenz im Kreuz, immer noch. Und zu Eva Demski gesagt: Bezahlt wird, bar oder nicht, überall. Fast überall. Es soll ja auch immer noch Leute geben, die alles schwarz sehen. Wir aber nicht.

Der Autor ist Programmdirektor Fernsehen der Deutschen Kinemathek/Museum für Film und Fernsehen in Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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