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FAZ.NET-Nachrichtenvergleich Kühe, Klimawandel und Kokain

25.04.2007 ·  Unterschiedlicher können Nachrichten nicht sein: Mit Berichten über entlaufene Rinder melden die „RTL 2 News“ Rekordwerte bei den jungen Zuschauern - gegen die hochseriöse „Tagesschau“. Was steckt dahinter? Von Peer Schader.

Von Peer Schader
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Uschi wird den Hannoveranern noch eine Weile in Erinnerung bleiben. Drei Stunden ist die Kuh am Montagabend durch einen Vorort der niedersächsischen Landeshauptstadt getobt, hat Fahrräder zertrampelt und sich nicht einmal von Polizeifahrzeugen einkeilen lassen. Erst nach dem dritten Betäubungspfeil haben ihre Verfolger sie einfangen können. „Das ist ja riesig, das Vieh“, staunte eine Anwohnerin. Und die Feuerwehr bilanzierte: „Das war hammerhart.“ 25.000 Euro Schaden sind entstanden, aber Uschi geht es gut, war gestern noch um zehn nach acht in den „RTL 2 News“ zu erfahren, der einzigen Nachrichtensendung im Privatfernsehen, die zeitgleich mit der „Tagesschau“ im Ersten läuft.

Beim Sender sind sie stolz auf ihre „News“, die neben spärlichen Informationen zum Tag vor allem mit Boulevard- und Lifestyle-Themen gefüllt sind. Am Freitag freute sich RTL 2 per Pressemeldung darüber, dass die „News“ in der Vorwoche mehr Zuschauer im Alter von 14 bis 29 Jahren hatten als die „Tagesschau“.

Die Neuigkeit: es gibt keine

Und was bedeutet das? Dass Zuschauer unter dreißig lieber ausgebüchste Kühe als Berichte über Anschläge im Irak sehen? Oder vielleicht auch, dass die „Tagesschau“ mit ihrer manchmal etwas altbackenen Art an den jungen Zielgruppen vorbei sendet? Das lässt sich schwer beurteilen, weil sich die beiden viertelstündigen Sendungen eigentlich unmöglich vergleichen lassen. Wenn man es trotzdem versucht, ganz subjektiv und spontan, lernt man eine ganze Menge über beide - zum Beispiel anhand der Ausgaben vom Dienstagabend.

Als „Nachrichteninstitution“, wie RTL 2 die Konkurrenten aus Hamburg ehrfürchtig bezeichnet, ist die seriöse, nüchterne Information für die „Tagesschau“ Pflicht. Zu Beginn läuft ein ausführlicher Beitrag über den Bericht des Datenschutzbeauftragten der Bundesregierung, der bei RTL 2 nur kurz Erwähnung findet. Dort startet Sprecherin Sandra Thier in österreichischem Akzent mit den Ermittlungen der Polizei nach dem Mord an einer 14-jährigen Schülerin in Berlin - die Neuigkeit: es gibt keine Spur. Von der Hafterleichterung für den ehemaligen Terroristen Christian Klar erfahren nur die „Tagesschau“-Seher, RTL 2 zeigt lieber einen kurzen Nachrichtenüberblick: Trauer um den verstorbenen Boris Jelzin, Kokainfund in Kalifornien, ein Weltrekordversuch australischer Fallschirmspringer.

Take That machen Diät

Neuigkeiten aus Deutschland spielen bei RTL 2 an diesem Dienstag kaum eine Rolle - bis auf ein Schulbusunglück in Niedersachsen, das von einer Augenzeugin ausführlich nacherzählt wird. Die Position des Ethikrats zur Organspendenfrage, das Ende des Briefmonopols, die Anklagen nach dem Zusammensturz der Turnhalle in Bad Reichenhall sind nur der „Tagesschau“ eine Erwähnung wert.

Keine Frage: Mit Nachrichten im klassischen Sinne haben die „RTL 2 News“ nicht viel zu tun. RTL-2-Nachrichtenchef Jürgen Ohls sieht genau das als Vorteil: „Die Zuschauer wollen wissen, was in Politik und Wirtschaft los ist, interessieren sich aber auch für Lifestyle und Promis. Die Newswelt ist eben bunter geworden.“ Kein anderer Sender setzt dieses Prinzip so konsequent um wie RTL 2: Nach acht Minuten kommt der erste Service-Beitrag (Babydoll-Kleider und Tunikas sind diesen Sommer wieder in!), danach folgen die Problemchen von „Deutschland sucht den Superstar“ und die „VIP News“, in denen man vom Auftritt Arnold Schwarzeneggers bei MTVs „Pimp my Ride“ erfährt, von der Haferbrei-Diät der Popband Take That und dass Sängerin Sheryl Crow, die sich für den Klimaschutz einsetzt, dazu aufgefordert habe, kein Klopapier zu verschwenden.

Die Klopapier-Ente

Da zeigt sich sehr schön, was das Problem der „RTL 2 News“ ist: nicht der Boulevard an sich, sondern die Recherche. Es gibt oft keine. Denn die Crow-Nachricht ist eine Ente, die zwar so am Dienstag auf Seite 1 der „Bild“-Zeitung stand, aber die hatte offenbar bloß einen Spaß der Sängerin missverstanden. Im BILDblog, das die Berichterstattung der Zeitung im Internet kritisch begleitet, war bereits am frühen Abend zu lesen, dass Crow die Äußerung auf ihrer Website als „Joke“ bezeichnete. Bei RTL 2 ist das nicht angekommen.

Die „RTL 2 News“ einzig wegen ihrer teilweise boulevardesken Aufmachung zu kritisieren, greift jedoch zu kurz. Immerhin scheint das bisschen Information, angereichert mit Prominews und Kuriositäten, einem Teil der jungen Zuschauer als abendliche Informationsveranstaltung auszureichen. Und das liegt vielleicht auch an der „Tagesschau“.

Komplexes in anderthalb Minuten

Als vor einigen Jahren in einer Umfrage herauskam, dass viele Zuschauer die Nachrichten der „Tagesschau“ kaum noch verstünden, war das eine Überraschung. In den Läden liegt inzwischen ein Buch mit dem schönen Titel „Die 'Tagesschau' erklärt die Welt“ - aber im Fernsehen passiert das tagtäglich weiterhin mit verschachtelten Experteneinschätzungen und dem Zwang, selbst die komplexesten Zusammenhänge in Anderthalb-Minuten-Beiträge und die wiederum einen ritualisierten Ablauf zu pressen. In Deutschland herrsche wegen Trockenheit erhöhte Waldbrandgefahr, hieß es am Dienstag von Sprecher Jan Hofer. Landwirte befürchteten Ernteeinbußen. Im Beitrag sagte ein Förster im Anschluss: „Jeder Funke kann hier sofort einen Brand verursachen.“ Und der Mann vom Wetterdienst: Das mit der Trockenheit sei der Klimawandel, vielleicht. Der Vorsitzende des Bauernverbands klagte, man befürchte Ernteeinbußen. Gut, verstanden!

Dauernd steht ein ARD-Reporter vor dem Reichstag und bilanziert ins Sekundenschnelle, bloß fragt man sich als Zuschauer weniger: Was erzählt der da? Sondern: Müssen sich die vielen ARD-Reporter vor dem Reichstag eigentlich um die besten Plätze drängeln?

Ausführliche Selbstreferenz

Dazu hat die Selbstreferenz der ARD inzwischen Züge angenommen, die man einmal systematisch untersuchen müsste: Ob nun Intendantentreffen oder Günther Jauch, das Erste ist sich selbst immer eine Nachricht wert. Und wenn die EU-Kommission wie gestern neue Richtlinien für die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland anmahnt, ist das kein all für eine kurze Meldung, sondern reicht für einen ausführlichen Beitrag, in dem wieder von Bestandsgarantie und Entwicklungschancen die Rede ist, von Internet und Handy TV, samt Zitat von ARD-Chef Fritz Raff.

Nein, die „RTL 2 News“ können unmöglich Ersatz für eine seriöse Nachrichtensendung sein, wie sie die ARD sendet. Aber wenn es um die sinnvolle Aufarbeitung des Tagesgeschehens geht, lohnt es sich für die Zuschauer allemal, auf die „Tagesthemen“ zu warten, die vor allem unter der Leitung von Anne Will gegen die 20-Uhr-Nachrichten geradezu jungbrunnenhaft wirken. Die „RTL 2 News“ sind Boulevard, aber sie schämen sich nicht dafür, auch wenn die Redaktion mit ihren Themen öfter mal daneben greift. Die „Tagesschau“ ist eine „Nachrichteninstitution“. An schlechten Tagen aber leider auch nicht viel mehr.

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