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Steinbrück bei „Anne Will“ „Wir küssen nicht“

 ·  Peer Steinbrück bekam bei „Anne Will“ die Chance, endlich über Themen zu reden und nicht über Fettnäpfchen. Aber der SPD-Kanzlerkandidat nutzt die Chance nicht und kneift, als es konkret wird.

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Die Minute der Wahrheit kam exakt um Null Uhr elf. Da wollte die Moderatorin vom SPD-Kandidaten wissen, wer denn nun im Falle eines rot-grünen Machtwechsels von höheren Steuern betroffen werde. Aber Peer Steinbrück kniff. Er wollte nicht verraten, ob sich die Erhöhung des Spitzensteuersatzes auf 49 Prozent erst ab einem Jahreseinkommen von 100.000 Euro auswirkt, oder, wie der Bund der Steuerzahler präzise vorrechnet, bereits ab 64.000 Euro. Dass die Frage triftig ist, hat Steinbrück gespürt. Doch er stand da mit leeren Händen, schwadronierte fachchinesisch verschwiemelnd von Grenzsteuersätzen und proportionalem Tarif und stammelte anschließend nur: „Von den anderen kriegen Sie auch nichts Konkreteres.“ Wie der kleine Junge, der trotzig auf die anderen zeigt.

Dass der spannende Moment bei Anne Will erst um 0 Uhr 11 (und der zweite Höhepunkt, siehe unten, gar erst um 0 Uhr 34) da war, daran ist der Papst schuld. Schade, nicht für den Jesuiten aus Argentinien und die katholische Kirche, aber für jene Zuschauer, denen angesichts fortgeschrittener Stunde eine gelungene Sendung entging, die zur Wahlentscheidungshilfe höchst dienlich hätte werden können.

© ARD Vergrößern

Das wiederum ist einer exzellent vorbereiteten Moderatorin zu danken, die, charmant im Stil, aber ohne falsche Rücksichten in der Sache, Steinbrück endlich da nahm, wo er seit Wochen vorgibt, genommen werden zu wollen: bei den Inhalten. „Wir küssen nicht“, beruhigte Anne Will den Kandidaten, der vor Ansteckungsgefahren angesichts einer hörbaren Erkältung warnte. Sie hat ihn nicht nur nicht geküsst, sie hat ihm auch nichts geschenkt.

Zum Beispiel die dreiste Bemerkung des SPD-Mannes, die Bürger in Deutschland hätten nichts gegen Steuererhöhungen (auf Einkommen, Vermögen und Kapitalerträge). Anne Will brachte eine Umfrage von Allensbach ins Spiel, wonach gerade 17 Prozent der Menschen zu höheren Abzügen bereit seien. Steinbrück kannte diese Umfrage nicht, sagte aber, er kenne andere Umfragen, aber er hatte keine parat. Warum haben ihm seine Berater keine Belege aufgeschrieben, wenn sie ihm schon die Aussage mit auf den Weg geben, die Menschen freuten sich über höhere Zwangsabgaben für den Staat, der – laut Kandidat – kein Ausgaben-, sondern nur ein Einnahmeproblem habe?

Schlecht vorbereitet

Ähnlich katastrophal bricht Steinbrück beim Mindestlohn ein. Will spielte Beispiele eines Bäckers, eines Bauern und einer Friseurin aus Ostdeutschland ein, die glaubhaft (und auch von Steinbrück nicht bezweifelt) bestritten, dass sie sich einen Mindestlohn von 8 Euro 50 als Arbeitgeber leisten können und dass sie womöglich dann die Leute entlassen müssten. Steinbrück stammelte, volkswirtschaftlich könne ein Mindestlohn auch sinnvoll sein, da er mehr Kaufkraft und höhere Steuereinnahmen generiere.

Doch das Argument läuft leer, griffe allenfalls, hätte Steinbrück begründet, warum eine gesetzliche Preiserhöhung der Arbeit keine Auswirkung auf die Arbeitsmenge hat (also keine Arbeitslosigkeit folgt). Denn wer arbeitslos wird, zahlt gerade keine Steuern und hat keine Kaufkraft. Abermals: Warum haben ihm seine Leute nichts Konkretes aufgeschrieben? Zum Mindestlohn hätte sich Material gefunden.

Gelegenheit verpasst

Seit sechs Monaten (Steinbrück hat Halbzeit) läuft der Kandidat nun larmoyant durchs Land und beklagt, Öffentlichkeit (und böswillige Medien) seien nicht an den Sachen orientiert, sondern betätigten sich lediglich im Aufstellen von Fettnäpfchen. Anne Will fragte weder nach Vortragshonoraren, noch nach angemessener Kanzlervergütung. Sie sparte sich (und ersparte ihm) jede Clownerie und gab ihm fast 90 Minuten Gelegenheit, über nichts als seine Themen (abgesehen von Eurokrise und Banken, aber man kann nicht alles haben) zu sprechen, damit der Bürger Anhaltspunkte bekommt für seine Wahlentscheidung.

Jetzt wissen wir, dass höhere Abgaben kommen, dass die Reichen ran müssen, dass der Kandidat aber erst verrät, wer ein Reicher ist, wenn er gewählt wurde. Man muss die wahlkämpfende Katze der SPD also im Sack kaufen? Kein Wunder, dass in den Umfragen die Leute sich lieber auf die amtierende Kanzlerin verlassen. Denn diese Katze hat den Sack verlassen.

Apropos Kanzlerin. Um die ging es in eben jenem zweiten Höhepunkt um 0 Uhr 34, als Anne Will noch einmal (und ohne Bösartigkeit) Steinbrücks Wort vom „Frauenbonus“ aufgriff und darauf hinwies, dass Frauen, zumal in der Politik, eher das Gefühl eines „Malus“ statt eines Bonus hätten, wollten sie Karriere machen in einer Welt der Männer.

Man muss das nicht so sehen wie Frau Will, aber man muss verstehen, welches Gefühl der Benachteiligung sich hier artikuliert. Steinbrück aber guckte wie ein Auto. Will zog die Augenbraue hoch und bot an, ihm eine Zeichnung zu machen. Und der große Schachspieler versteht die Ironie nicht. Soweit ist es gekommen.

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