Als erstes muss man sagen, dass die Talkrunde bei Frank Plasberg am Montagabend hochkarätig besetzt war. Ungewöhnlich hochkarätig für ein Lebensmittelthema. Statt der vegetarisch lebenden Fernsehschauspieler, die vom Biosupermarkt in Prenzlauer Berg erzählen, der wechselnden Ökotrophologinnen und der Promiköche mit ihren alten Küchenweisheiten ließ es sich diesmal, auf dem Höhepunkt der deutsch-europäischen Pferdefleisch-Krise, die Bundeslandwirtschaftsministerin höchstpersönlich nicht nehmen, im Studio von „Hart aber fair“ zu erscheinen, um das Thema „Rind gekauft, Pferd gegessen – was steckt noch in unserem Essen?“ zu diskutieren.
Ihr zur Seite saßen nicht minder ausgewiesene Experten: Silke Schwartau von der Hamburger Verbraucherzentrale ist nicht nur Bürger-Beraterin, sondern auch mehrfache Buchautorin seit der Tschernobyl-Krise. Es dürfte schwierig sein, eine Expertin zu finden, die sich besser mit den Lebensmittelängsten der Deutschen auskennt. Auch mit Bärbel Höhn wurde eine Politikerin gefunden, die seit ihrer Zeit als Verbraucherministerin in Nordrhein-Westfalen Expertise hinsichtlich der Krisen der deutschen Lebensmittelwirtschaft besitzt. Und die schwer angeschlagene Lebensmittelwirtschaft selbst war gleich mit zwei Abgesandten vertreten: Der Talkshow-erprobte Schinken-Hersteller Jürgen Abraham und Stefan Genth, der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland, der Ketten wie Rewe und Real vertrat.
Das Fazit dieser auserlesenen Gästeliste dürfte sein: Damit die Debatte über Lebensmittelsicherheit richtig in Gang kommt, braucht man nicht das Tauziehen um die Frage, ob wir Massentierhaltung tolerieren wollen oder nicht, und auch keine öffentliche Auseinandersetzung über Tierschutz und Haltungsbedingungen von Nutztieren. Aber wenn man in Deutschland nicht mehr weiß, was im Essen drin ist: Dann wird es kritisch. Möglicherweise ist das ein uralter Reflex aus der Zeit, als der Lebensmittelmarkt unübersichtlicher wurde, als man den Produzenten nicht mehr persönlich kannte, sondern Herstellerfirmen, Markennamen auf der Bildfläche erschienen, es plötzlich Zwischenhändler gab und neue Darreichungsformen: Konserven zum Beispiel. Emotional haben wir uns vielleicht nie gelöst von dem Kulturschock, den unsere Vorfahren damals erlitten haben, Ende des neunzehnten Jahrhunderts.
„Wir haben es zu tun mit einem Schrottfleisch-Markt“
Pferdefleisch war zudem schon immer ein Reizthema. In uns klingen wohl uralte Fleischtabus nach und tief verwurzelte Ängste. Und offenbar kann nur etwas wirklich Plakatives die Deutschen dazu bringen, in dem Dunkel zu stochern, aus dem unsere von Tieren stammende Nahrung kommt. Pferdefleisch in der Rinderbolognese – diese Nachricht war wirksamer als jeder Fund multiresistenter Keime auf Hähnchenfleisch, jeder heimlich gedrehte Film aus einem Schlachthof und jedes anonyme Interview mit ausgebeuteten Stallarbeitern.
Bei „Hart aber fair“ ergab der Versuch, die verschlungenen Wege zu beleuchten, auf denen es das Pferdefleisch in die Tiefkühllasagne geschafft hat, ein buntes Potpourri, aus dem nur ein einziger Teil der Sendung wirklich hervorstach: ein Interview im Studio mit dem Journalisten Adrian Peter, Autor des Buches „Die Fleischmafia“. In großer Ruhe sagte Peter Unerhörtes, etwa: „Wir haben es zu tun mit einem Second-Hand-, mit einem Schrottfleisch-Markt.“ In Europa werde Fleisch, das eigentlich nicht mehr handelsfähig ist, zwischen den Ländern verschoben. „Solche langen Handelswege lohnen sich nur bei Schrott, bei wertlosem Fleisch“, erklärte Peter - nur dann können viele Zwischenhändler noch daran verdienen. Im aktuellen Fall sei es durchaus denkbar, dass das Pferdefleisch schon zehn Jahre in einem rumänischen Kühlhaus gelegen habe und dann auf den Markt geworfen worden sei, als sich ein Abnehmer fand.
„Fleischgranulat“ in der Lasagne
Das Gespräch mit dem ARD-Reporter Adrian Peter zeigte vor allem eines: dass Talkshows angesichts des Pferdefleisch-Skandals eigentlich kaum zur dringend gebotenen Aufklärung beitragen können. Stattdessen ist ein anderes Genre gefragt: der Enthüllungsjournalismus, wie ihn Peter nüchtern demonstrierte. Das Gespräch zwischen ihm und Frank Plasberg versetzte dann auch einige der Gäste auf dem Podium in große Unruhe. Als Peter von „vergammelten Schweineköpfen“ berichtete, die einer seiner Informanten zu Wurst verarbeitet hatte, schaltete sich Schinken-Hersteller Abraham ein und beschwor die Erkenntnisse der Naturwissenschaften als Gegenbeweis: „Vergammeltes Fleisch kann man gar nicht bearbeiten. Das ist gar nicht möglich von der Biologie her.“
Landwirtschaftsministerin Aigner beeilte sich zu sekundieren: Die Pferde, deren Fleisch man nun in Produkten bei Edeka, Tengelmann, Rewe und anderen Geschäften gefunden hat, seien, so vermute sie, in Rumänien eigens für die Belieferung der Fertiggerichtehersteller geschlachtet worden – also aus ihrer Sicht wohl nicht vor zehn Jahren schon in einem Kühlhaus gelandet. Es habe sich wahrscheinlich um ganz legal geschlachtete Pferde gehandelt, „ehemalige Ackergäule, ganz normale Pferde“. Sie seien in dem Land, das zunehmend motorisierter werde, einfach einer Umstellung zum Opfer gefallen. Ganz normal also alles, plus ein bisschen Agrarromantik: Das Pferd, das im Herbst vor dem Heuwagen die Ernte eingefahren hat, wurde im Winter in Rumänien „ganz normal“ geschlachtet - nur auf der Lasagne stand dann halt „Rind“. Und was war noch mal mit dem für Schlachtpferde verbotenen Arzneimittel, dem Schmerzmittel Phenylbutazon, das man im Pferdefleisch gefunden hat?
Wer genau hinhörte, konnte an solchen Beiträgen die große Hilflosigkeit erkennen, mit der Politik und Industrie nun vor dem Skandal stehen. So konnte es auch dazu kommen, dass Jürgen Abraham, der für die deutsche Ernährungsindustrie sprach, sich mit dem Versuch, die Unschuld der Industrie zu belegen, noch weiter hineinritt. Er berichtete davon, dass man bei der Verwendung der jetzt entdeckten Pferdefleisch-haltigen Produkte auf Granulat zurückgreife, das sei Fleisch „in so kleinteiliger verarbeiteter Form, dass man das Fleisch nicht mehr erkennen kann“. Deshalb hätten die verarbeitenden Betriebe den Betrug nicht bemerken können, sondern geglaubt, das ihnen Rind geliefert worden war. Granulat in ihrem guten Essen allerdings schätzen die deutschen Verbraucher allerdings wohl ebenso wenig wie Pferdefleisch.
Die Zuschauer sehen die Politik in der Pflicht
„Wir haben es mit großen kriminellen Energien zu tun“, war Aigners Standpunkt, und zweifellos hat sie angesichts der aktuellen Fälle recht. Aber begegnet man dieser Kriminalität jetzt mit dem richtigen Plan, und hätte nicht viel eher etwas passieren müssen? Diese Ansicht vertrat Silke Schwartau, die mehrfach darauf hinwies, dass das europäische Warnsystem immer wieder Hinweise auf Pferdefleisch in verarbeiteten Lebensmitteln gegeben hat – einmal war in einem Produkt auffällig viel Cadmium (Pferde speichern dieses gesundheitsschädliche Übergangsmetall im Körper), ein anderes Mal fand man ungewöhnliche Medikamente. Es war eine Schwäche der Sendung, dass in diese Richtung nicht weiter gefragt und recherchiert wurde. Frank Plasberg hing an seinem großen Thema: den langen Wegen, die niemand mehr fassen kann, den endlosen Strecken, die Fleisch durch ganz Europa zurücklegt, „Interrail für tote Tiere“, nannte der Moderator das. Auch Bärbel Höhns wichtige Hinweise auf Lobbyarbeit in Brüssel, die bisher eine genauere Kennzeichnung von verarbeiteten Fleischprodukten – etwa mit dem Herkunftsland der Schlachttiere – verhindert hat, wurden zwar noch mit einem Einspieler unterstützt, versickerten dann aber irgendwo im Gesprächsstrom der Sendung.
Erst die eingesandten und während der Sendung verlesenen Kommentare der Zuschauer brachten wieder Klarheit in die Thematik, zumindest, was die Gefühle der Verbraucher angesichts der derzeitigen Enthüllungen angeht. Sie sehen die Politik in der Pflicht und hatten noch andere berechtigte Gedanken: „Lebensmittel werden doch von offiziellen Stellen überprüft – die hätten das doch eigentlich entdecken müssen“, lautete eine Zuschrift. Bei „Hart aber fair“ kratzte man nur ein wenig an der Oberfläche der Strukturen in Lebensmittelwirtschaft und Politik, die uns einen der größten und für den Verbraucher eindrucksvollsten Fleischskandale der vergangenen Jahre beschert haben. Aber die Sendung lieferte genug Stichworte für die noch nötige Aufdeckungsarbeit, die viele Journalisten schon jetzt während der Krise leisten, indem sie parallel zu den Behörden selbst immer mehr Fleischprodukte ins Labor schicken.
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