Nico Hofmanns Film „Unsere Mütter, Unsere Väter“ handelt von jungen, von normalen Menschen in einer ganz und gar nicht normalen Zeit, in einer Zeit, in der die Perversion herrschende Ideologie und an der Tagesordnung, also „Normalität“ war. Doch anders als sonst sehen wir die Geschichte nicht von einer abgeklärten Perspektive aus oder ex post, sondern mit den Augen von fünf jungen Leuten, die sich 1941 ein letztes Mal treffen, bevor sich ihre Wege trennen. Die Brüder Friedhelm und Wilhelm müssen an die Ostfront, Charlotte geht als Schwester ins Feldlazarett, Greta träumt von einer Karriere als Sängerin und der junge Jude Viktor sucht eine Fluchtmöglichkeit aus dem Land, in dem sich ein systematisch geplanter Massenmord vollzieht.
Das Thema an sich, dem sich am Sonntag eine Sonderausgabe der Talkshow von Maybrit Illner widmete, wäre noch keine Besonderheit gewesen – der Zweite Weltkrieg, die NS-Zeit. Der Zugang war es – die persönliche Erzählung von einer Generation zur nächsten, das also, was in den meisten Familien nicht stattgefunden hat.
„Ein Kind der Freiheit“
Dass es schwerlich noch stattfinden kann, das bezeugte die Sendung von Maybrit Illner allein schon durch die Auswahl der Gäste. Die beiden Ältesten – der Sänger Gunther Emmerlich und der Fernsehmoderator Dieter Thomas Heck – waren im Zweiten Weltkrieg noch Kinder. Daniel Cohn-Bendit wurde von seinen Eltern, die vor dem Holocaust nach Frankreich geflohen waren, an dem Tag gezeugt, als die Alliierten in der Normandie landeten. Weshalb er sich ein „Kind der Freiheit“ nennt. Franziska Augsteins Vater, der „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein, war Soldat im Zweiten Weltkrieg, ist aber inzwischen auch verstorben. Gunther Emmerlichs Vater ist – aller Wahrscheinlichkeit nach – an der Ostfront gefallen, gesucht hat der Sohn ihn bis in das vergangenen Jahr hinein. Die vergebliche Suche nach dem Vater, glaubt er, sei auch eine Ursache für den Tod seiner Mutter gewesen.
Bei Maybrit Illner saßen also Söhne, eine Tochter und – eine Enkelin, die Schauspielerin Katharina Schüttler, die in „Unsere Mütter, unsere Väter“ die Greta spielt. Und deren Großmutter ihr kurz vor dem Beginn der Dreharbeiten ein Buch mitgab, in dem sie Geschehnisse und Erlebnisse aus ihrer Jugend notiert hat.
Was fehlte, war die Generation, aus deren Perspektive die Geschichte von „Unsere Mütter, unsere Väter“ erzählt wird. Aus dieser leben nun einmal nicht mehr viele, als sie noch zahlreicher waren, kam ein Dialog, wie er sich jetzt noch einmal ergeben kann, nicht zustande. Weil Täter und Opfer gleichermaßen lange Zeit nicht sprechen wollten, merkten Franziska Augstein und Daniel Cohn-Bendit an, und – weil ihnen niemand zuhörte, vor allem den Opfern des NS-Regimes nicht. Und dann gab es noch das psychologische Hemmnis, das da lautete: Warum habe ausgerechnet ich überlebt und so viele andere nicht?
Das erste Weißbrot
Das alles ist wahr und wurde in dieser Debatte gleichsam dadurch bestätigt, dass es in Nullkommanichts um die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ging: um das erste Weißbrot, das Dieter Thomas Heck von einem amerikanischen Soldaten bekam; um die harten Brotränder, die Gunther Emmerlich von den Nachbarn zugesteckt bekam, deren Zähne so verfault waren, dass sie nicht mehr richtig kauen konnten; um das schwangere Pferd, auf dem sich Franziska Augsteins Vater von der Truppe absetzte. Allesamt Anekdoten, die vom großen ganzen Grauen ablenken.
Und doch hat es etwas Besonderes, an einem solchen Abend von Unterhaltungsgrößen wie Emmerlich und Heck Geschichten aus der DDR und der frühen Bundesrepublik zu hören, die sie sonst nicht erzählen. Dass der junge Dieter-Thomas Heck beim großen Bombenangriff auf Hamburg unter eine Treppe verschüttet wurde (er war noch einmal ins Haus geeilt, um seinen verlorenen Teddybär zu suchen) und seither stotterte, was er als später als Weltmeister der Schnellsprechens vor der Kamera wettmachte, wusste vielleicht auch nicht jeder. Es ist ein biographisches Detail, das an einem solchen Abend über das Anekdotische hinausweist. Und kaum jemand benennt so selbstverständlich nebenbei und lässig, unaufgeregt und auch noch witzig die „antifaschistischen“ Lebenslügen der zweiten deutschen Diktatur des zwanzigsten Jahrhunderts wie Gunther Emmerlich.
Dass es jede einzelne Erinnerung derweil auch einzuordnen gilt, darauf wies Daniel Cohn-Bendit richtigerweise hin. Ein amerikanischer Soldat kam am Strand in der Normandie eben aus ganz anderen Gründen ums Leben als ein Soldat der Wehrmacht.
Bilder in schwarzweiß und in Farbe
Interessant war auch, wie Maybrit Illner Katharina Schüttler danach fragte, ob es sie nicht schockiert habe, die NS-Zeit jetzt selbst sozusagen in Farbe zu spielen, da man diese ja vor allem in Schwarzweiß-Bildern kenne. Was doch eine gewisse Distanz schaffe und zu einem Schwarzweiß-Denken verführe, mit klar erkennbaren Grenzen zwischen Gut(en) und Böse(n). Katharina Schüttlers Antwort war ebenso banal wie richtig: Auch damals ging es um Menschen. Deren Jugend gerade einmal 68 Jahre her und doch seit weit entfernt ist. Dass das gar nicht so weit ist, hat vor einigen Jahren der Dokumentarfilmer Michael Kloft mit seiner Entdeckung von Farbaufnahmen aus der NS-Zeit allen vor Augen geführt. Da war sie futsch, die in schwarzweiß markierte, scheinbare Grenze zwischen einst und jetzt.
Ob sich über die Generationen hinweg – bei den Opfern – nicht auch so etwas wie eine „Angst-Matrix“ erhalten habe, wollte Maybrit Illner am Ende der Debatte wissen. Das könne schon sein, meinte der mit den Jahren immer abgeklärter wirkende Daniel Cohn-Bendit. Man hätte an dieser Stelle noch hinzufügen können, dass es für diese Angst-Matrix für in Deutschland lebende Juden oder jüdische Deutsche auch ganz aktuelle Gründe gibt: vom zur Ideologie erhobenen Antisemitismus des Hitler-Regimes über den Antisemitismus der extremen Linken in den sechziger und siebziger Jahren bis zu demjenigen, der heute prägendes Element ebenso einer neonazistischen wie einer islamistischen Szene ist.
Wie vorsichtig, aber von den Deutungskämpfen der Zwischengeneration unbelastet, die Enkelgeneration sich dem Thema Zweiter Weltkrieg und Hitler-Zeit nähert, konnte man an diesem Abend am Beispiel der Schauspielerin Katharina Schüttler sehen. Wie ihre und die schon folgende Generation mit der Vergangenheit umgeht, welche Erzählungen man ihr anbietet und auf welche Erinnerungskultur sie setzt, darauf kommt es jetzt an.
Langsam, langsam!
stefan fosberg (stefanfosberg)
- 20.03.2013, 00:29 Uhr
"Die Deutung des Weltkriegs geht an eine neue Generation über,
Helga Zießler (Steuernagel34)
- 20.03.2013, 00:11 Uhr
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Ingo Lange (Ingoatwork)
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An wen kann man Verbleibsanfragen zu vermissten
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Hans-Hermann Söchtig (Hotelsierra)
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Kriegserzählungen...
Manfred Schwierz (Slonsak)
- 18.03.2013, 23:48 Uhr