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Frühkritik Anne Will Eine lehrreiche Geschichtsstunde

 ·  In diesen Tagen wird an die Machtübernahme Hitlers im Januar 1933 erinnert. Wie gehen wir mit der NS-Zeit um, wenn die Erlebnisgeneration gestorben ist? Darum ging es gestern auch in Anne Wills Talkrunde. Eine Geschichtsstunde mit Bezügen zur Gegenwart.

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Als der im Jahr 1989 verstorbene Münchner Zeithistoriker Martin Broszat Mitte der 1980er Jahre eine Diskussion über die „Historisierung“ des Nationalsozialismus begann, ging es um eines der zentralen Themen der deutschen Nachkriegsidentität. Sollte die historische Aufarbeitung unter dem Gesichtspunkt der politisch-moralischen Folgen stehen oder eher mit der Nüchternheit eines wissenschaftlich arbeitenden Historikers erfolgen? Schon damals stand aber zugleich eine andere Frage im Raum: Wie gehen wir mit der NS-Zeit um, wenn die Erlebnisgeneration gestorben ist?

In diesen Tagen wird an die Machtübernahme Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 erinnert. Die ARD nahm das zum Anlass für einen Themenabend. Zuerst mit einem Fernsehfilm und einer Dokumentation, anschließend mit einer Sendung von Anne Will. In dem Titel „80 Jahre nach Hitler – Wie stabil ist unsere Demokratie heute?“ klingt diese damalige westdeutsche Debatte noch nach – und ist doch eine völlig andere geworden.

Doppelte Nachkriegsgeschichte

Heute leben nur noch wenige Zeugen der damaligen Ereignisse, die aus eigener Erfahrung berichten können. So erlebten der Historiker Heinrich-August Winkler und die ehemalige CDU-Politikerin Rita Süßmuth die NS-Zeit als Kinder. Sie wurden schon von der Nachkriegszeit geprägt und damit von der Frage, wie die deutsche Gesellschaft mit den Folgen von Diktatur, Krieg und Völkermord umgehen sollte.

Der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel und die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Sahra Wagenknecht, gehören jener Nachkriegsgeneration an, die den Nationalsozialismus nur noch aus Geschichtsbüchern kennt. Wenn sich bei ihnen auch die Nachkriegsgeschichte eines bis 1990 geteilten Landes widerspiegelt. Der Nationalsozialismus war für die deutschen Teilstaaten auf eine völlig unterschiedliche Weise identitätsstiftend geworden. Das wurde gestern wieder deutlich.

„Hören Sie doch auf mit ihren Gedenkstunden.“

Frau Will versuchte in den 75 Minuten ein anspruchsvolles Programm zu bewältigen. So kamen noch einmal die Gründe für Hitlers damaligen Sieg über die parlamentarische Demokratie zur Sprache. Zugleich versuchte sie die Biographien ihrer Gäste einzubeziehen. Das war zwar nachvollziehbar, vor allem nachdem der SPD-Parteivorsitzende in der „Zeit“ die Lebensgeschichte seines im Sommer vergangenen Jahres verstorbenen Vaters öffentlich gemacht hatte. Er war bis zu seinem Lebensende ein überzeugter Nationalsozialist geblieben. Aber es wäre durchaus ein Thema für eine eigene Sendung gewesen, gerade weil deutsche Lebensschicksale bis heute von diesem nur 12 Jahre existierenden Regime geprägt worden sind. Wenn sich Frau Wagenknecht und Gabriel ohne den ansonsten zwangsläufigen parteipolitischen Konflikt über ihre biographischen Prägungen unterhielten, wäre das interessant. Es sollte aber anders kommen.

Trotzdem zeigte sich, wie sehr die alten Konflikte der Nachkriegszeit selber schon Geschichte geworden sind. Frau Süßmuth machte das an einem guten Beispiel deutlich: Sie habe in ihrer Zeit als Bundestagspräsidentin von Parlamentariern noch das klassische Argument aus den frühen Jahren der Bundesrepublik gehört: „Hören Sie doch auf mit ihren Gedenkstunden. Das schwächte das deutsche Volk.“ Solche Formulierungen findet man heute noch am rechten Rand, aber wohl nicht mehr unter den gegenwärtigen Bundestagsabgeordneten. Auch über die vor allem von Winkler geschilderten Hintergründe des Aufstiegs der Nazis gibt es mittlerweile einen breiten gesellschaftlichen Konsens. Der von Broszat angestoßene Prozess der „Historisierung“ ist längst Realität geworden.

Debatte unter Verlierern

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sich die Vertreter des linken Parteienlagers immer noch über die eigene Geschichte in die Haare kriegen können. Jener alte Politologenwitz, dass Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und Linkspartei (also ehemaligen Kommunisten) sicherlich mit einer Diskussion über die Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD im August 1914 beginnen würden, fand gestern Abend wieder eine Bestätigung. Es diskutieren mit Frau Wagenknecht und Gabriel allerdings die Verlierer von 1933 über die Frage, wer diese Niederlage gegen die Nazis zu verantworten hat. Und nach 1945 fand sich die SPD bis 1966 in der Opposition wieder, während Adenauers CDU die bis heute entscheidenden Weichen für Westdeutschland stellte. Zwar durften die in SED umbenannten Kommunisten in der DDR regieren, aber das auch nur durch die Anwesenheit der Sowjetunion.

Die Konservativen hatten dagegen immer schon ein pragmatisches Geschichtsverständnis. Zwar waren die katholischen Milieus gegen die Nazi-Ideologie weitgehend immun geblieben. Das hinderte sie aber nicht daran, den ehemaligen Nazis wie auch den Mitläufern eine neue politische Heimat anzubieten. Christliche Barmherzigkeit und Adenauers Machtkalkül sicherten so die Integration jener Bevölkerungsmehrheit, die bis 1945 die Demokratie von ganzem Herzen verachtet hatte.

Während dessen diskutieren 60 Jahre später Frau Wagenknecht und Gabriel über den „Antifaschismus“ in der DDR und die Restauration in Westdeutschland. Es fiel auch der Name Hans Globke. Immerhin sind beide schon bis in das Jahr 2003 vorangekommen, nämlich in der Debatte über die Agenda 2010. Am Ende stand bekanntlich eine, so Gabriel, „verdiente Niederlage der SPD bei der Bundestagswahl 2009“. Insofern blieb auch in dieser Hinsicht die historische Kontinuität gewahrt.

Sich Frau Wagenknecht als Kommunistin vorstellen?

So waren sich die Gäste über die Lehren aus den Ereignissen vor 80 Jahren weitgehend  einig. Sie diagnostizierten auch die positiven Folgen eines Sozialstaates, der die Menschen in der Krise vor existentiellen Sorgen bewahrt, trotz der bekannten parteipolitischen Differenzen. Heute ist zudem der Verfassungskonsens das gemeinsame Anliegen aller im Bundestag vertretenen Parteien. Sich Frau Wagenknecht als Kommunistin vorzustellen, bedarf dann doch einiger Phantasie.

Aber trotzdem blieb das Unbehagen an der Entwicklung des demokratischen Parteienstaates. Gabriel diagnostizierte jenen „Fatalismus“ vieler Bürger, die der Politik nichts mehr zutrauen, weil sie letztlich als bloßes Anhängsel einer ökonomischen Logik wahrgenommen wird. Und Frau Süßmuth wollte sich nicht vorstellen, „was in Deutschland los wäre, wenn bei uns, wie in Spanien, mehr als 50 Prozent der jungen Leute unter 25 Jahre arbeitslos wären.“ In vielen Teilen Südeuropas gibt es jene Krise, die vor 80 Jahren die Weimarer Republik in den Abgrund stieß. So erlebten wir gestern Abend bei Frau Will eine lehrreiche Geschichtsstunde – und bekamen trotzdem das Gefühl, selber in historischen Zeiten mit offenem Ausgang zu leben.

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Von Nils Minkmar

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