„Er ist wieder da“, so heißt das im vergangenen Herbst erschienene Erfolgsbuch von Timur Vermes, das mittlerweile eine halbe Million Mal unter die Leute gebracht wurde. Es lässt als Satire Hitler wiederauferstehen. Grund genug für Frank Plasberg, das Thema „Hitler als Witzfigur – worüber darf Deutschland lachen?“ auf die Dienstagsordnung von „Hart aber fair“ zu setzen.
Ein Problem der Sendung: Vermes war nicht da. Und auch nicht der zweite Satiriker, der in Deutschland über Hitler Lachsalven hervorgerufen hat: Walter Moers, der nicht nur ein höchst erfolgreicher Schriftsteller ist, sondern auch drei sehr komische „Adolf“-Comics gezeichnet hat, das millionenfach im Netz verbreitete Video „Der Bonker“ gemacht hat (mit einem singenden Hitler im belagerten Berlin) und nun mittels Crowdfunding einen abendfüllenden Zeichentrickfilm mit seiner „Führer“-Persiflage finanzieren will. Dass dieser Moers nicht einmal erwähnt wurde, obwohl die ganze Vermes-Idee in seinen Comics schon zu finden ist, sagt alles über die Qualität der Talkrunde.
Nun kommt Moers nie irgendwohin, nicht nur nicht zu Plasberg, auch nicht zu Jauch, Lanz, Kerner, Will e tutti quanti, und das hat nichts mit einer Talkshow-Aversion zu tun (die man gut verstehen könnte), sondern Moers ist seit Jahren nicht mehr öffentlich aufgetreten. Sein Fehlen kann man „Hart aber fair“ also nicht vorwerfen. Aber Timur Vermes nicht zu bekommen (oder wenigstens Christoph Maria Herbst, der das Hörbuch von „Ich bin wieder da“ eingelesen hat und gestern Abend viel häufiger namentlich erwähnt wurde als der Autor), das war eine Bankrotterklärung der Redaktion.
Die fünf von der Ersatzbank
Wer saß stattdessen auf der Ersatzbank im Studio? Einer gegen alle: nämlich Rudolf Dreßler, zweiundsiebzigjähriger SPD-Politiker und ehemaliger deutscher Botschafter in Israel, gegen die CDU-Bundestagsabgeordnete und Vertriebenenpolitikerin Erika Steinbach, den Publizisten Hellmuth Karasek, den Satiriker und „Titanic“-Chefredakteur Leo Fischer und Oliver Pocher, Comedian und Miterfinder des in der verflossenen ARD-Satiresendung „Schmidt und Pocher“ vor Jahren präsentierten „Nazometers“, das nazistisch verseuchte Begriffe verpiepte. Die vier Letzteren wollten durchaus über Hitler lachen dürfen, Dreßler keinesfalls.
Wobei Frau Steinbach zwar Witze über Hitler zulässig findet, aber keine Lust mehr hat, seine Visage überall zu sehen. „Hitler wird eingesetzt, um Kasse zu machen. Der müsste sich ja darüber krummlachen, wie bekannt er heute ist. Wie wir ihn heute vermarkten, das hätte er sich nicht besser wünschen können“, sagte sie in Richtung Leo Fischers, dessen Magazin in den vergangenen Jahren acht Mal Hitler als Coverstar veralbert hatte (unter anderem als Fahndungsplakat des Verfassungsschutzes nach der Aufdeckung der NSU-Mordserie: „Wer kennt diesen Mann?“). Pech nur, dass Fischer schon bei seinem ersten Wortbeitrag keinen Hehl aus den rein kommerziellen Interessen dieser Praxis gemacht hatte: Hitler-Titelbilder lassen den Absatz eines „Titanic“-Hefts um zwanzig Prozent steigen. Plasberg witterte in dieser ernsthaften ökonomischen Kalkulation sofort wieder Satire, um später seinerseits genau mit diesem bekannten Verkaufszuwachs eine Attacke gegen das Satireblatt zu reiten. Aber was geht einen Moderator am Ende seiner Sendung sein Geschwätz vom Anfang an?
Sprechen Sie nach: Am-bi-gui-tät
Den halb so alten Oliver Pocher belehrte Rudolf Dreßler, dass er als Deutscher „kein Recht habe, seine Verantwortung als junger Mensch abzulegen“. Das war eine ziemlich geschraubte Formulierung, die aber dem Moderator keine Schwierigkeiten bereitete. Ganz im Gegensatz zu einem einzelnen Wort in einem sagenhaften Dialog, die mehr über die Allgemeinbildung von Fernsehgrößen sagt (oder über ihre Anbiederungsversuche), als man wissen mochte. Auf die Frage an Leo Fischer, ob es ihm peinlich gewesen wäre, dass bei einer Razzia in einer Neonaziwohnung ein „Titanic“-Plakat mit einer Goebbels-Veralberung gefunden worden sei, antwortete der Satiriker: „Das ist ein Risiko. Satire arbeitet mit Ambiguität.“ Plasberg fasste nach: „Mit was arbeitet die?“ „Mit Ambiguität, mit Zweideutigkeit.“ Plasberg fasste es nicht: „Herr Pocher, da kann man was lernen.“ Und Pocher tastete das Wort feinschmeckerisch nach: „Am-bi-gui-tät“.
Schade, dass in diesem Moment nicht das Gesicht von Rudolf Dreßler zu sehen war, der so sehr die Schulbildung starkgemacht hatte und sich selbst als gebildeter Mensch wohl nur wundern konnte, in wessen Fänge er hier geraten war. Und auch Hellmuth Karaseks Miene blieb unergründlich, was aber auch daran liegen könnte, dass er früh in der Sendung ein amerikanischer Witz über die deutsche Führer-Mythologie erzählt hatte, der ohne jeden Lacher geblieben war. Das ist eine Erfahrung, die man auch bei der Lektüre des Karasekschen Buchs zum jüdischen Humor („Soll das ein Witz sein?“) machen muss, aber als Leser schweigt man wenigstens für sich allein, während das kollektive Ausbleiben von Gelächter nach einem Witz zum Peinlichsten gehört, was man erleben kann.
Doch zu lachen gab es in der Sendung eh nichts. Selbst Fischer, der anfangs mit seinem aufgesetzten Zynismus noch provozieren wollte, kippte schließlich um und ließ sich zu Ausführungen über die Lernfähigkeit der Deutschen hinreißen. Als einzige halbwegs aktuelle humoristische Beschäftigung mit Hitler wurde neben dem Buch von Vermes noch Helge Schneiders Darstellung des NS-Führers in Dani Levys Film „Mein Führer“ genannt, ansonsten fielen der Runde immer wieder nur Charlie Chaplins „Großer Diktator“ und einmal auch Ernst Lubitschs „Sein oder nicht sein“ ein. Aber Oliver Pocher verdanken wir die Einsicht, woher dieses mangelnde Wissen um gegenwärtige Phänomene stammt: „In der Schule kamen erst das ägyptische und das römische Reich, und dann kam lange nur die Nazizeit. Zur Neuzeit hat es nicht mehr gereicht.“ Na ja, woher soll Herr Pocher auch wissen, dass der Nationalsozialismus mit zur Neuzeit zählt?
Beistand aus Israel
Zugegeben, es ist bequem, sich über fünf Diskutanten zu erheben, die mit Frank Plasberg im Studio sitzen müssen und alle paar Minuten von sinnlosen Einspielungen unterbrochen werden. Höhepunkt diesbezüglich: die eingeblendeten Texttafeln „Das klingt schlimm“ und „Noch schlimmer wird es, wenn man weiß, worauf Vermes sich da bezieht“ zum exakt gleichlautend gesprochenen Text, als eine Buchpassage aus „Ich bin wieder da“ als Variation von Himmlers berüchtigter Posener Rede entlarvt wurde.
Aber wie ernst soll man die dokumentierte Halbbildung nehmen, wenn etwa Hellmuth Karasek sich an dieser Stelle sofort mit der Bemerkung einschaltet, da habe es zur Posener Rede „diesen großartigen Film mit einem wunderbaren Schauspieler“ gegeben? Weiß er nicht mehr, wie der „großartige Film“ heißt („Das Himmler-Projekt“ von Romuald Karmakar) oder wie der „wunderbare Schauspieler“ (Manfred Zapatka)? Warum dann diese angeberische Einlassung? Aber wenn darauf wiederum Plasberg antwortet: „Der originale Himmler hat mich befangen gemacht, da brauche ich keinen Schauspieler“, ist man für Karasek wieder richtig dankbar.
Schließlich kamen auch noch die Zuschauer mit einigen Facebook-Einträgen zur Sendung dran, und noch einmal wurde munter wiederholt, was eh schon gesagt worden war – das übliche Ergebnis dieser Art von TV-Populismus. Immerhin hatte sich auch ein Zuschauer aus Israel gemeldet (soll man es glauben?), der mitteilte: „ Ich weiß nicht, worin das Problem liegt. Auch bei uns in Israel macht man sich über Hitler lustig.“
Humorkonstanz über siebzig Jahre
Zu dieser Einschätzung wurde Dreßler als ehemaliger deutscher Botschafter in Israel nicht mehr befragt, das Ende der Sendung war nach 75 überaus zähen Minuten erreicht, und am Schluss musste eh noch weggesendet werden, was die Redaktion vorbereitet hatte, inklusive eines Ausschnitts aus „Der große Diktator“.
Schon toll, dass ein 73 Jahre alter Film immer noch den Maßstab setzt für die humoristische Beschäftigung mit Hitler. Da darf man wohl sagen, dass wir geradezu die Pflicht haben, Hitler lächerlich zu machen, um wenigstens zu versuchen, dem Genie von Chaplin nachzueifern.
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