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Dienstag, 18. Juni 2013
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Fernseh-Frühkritik „Anne Will“ Es ist fast ein Wunder zu nennen

 ·  Gestern ging es bei Anne Will um das Thema Leiharbeit. Es wurde ein Lehrstück über unsere Lebensverhältnisse – und guten Journalismus.

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© dpa Aus dem Spiel: Nuri Sahin durfte als Leiharbeiter in München nicht mitspielen, er dürfte aber dennoch besser zurechtkommen als die Angehörigen der industriellen Reservearmee

Der Quotenhit des gestrigen Abends war die Pokal-Partie zwischen Bayern München und Borussia Dortmund. Auf dem Rasen der Arena in München fehlte aber wohl ein Akteur, der in dem arbeitsvertraglichen Verhältnissen von Fußball-Profis keine Seltenheit ist: Der Leiharbeiter. Nuri Sahin saß nur auf der Bank, er spielt derzeit als Leihgabe von Real Madrid für Borussia Dortmund – und die Lohnkosten teilten sich letztlich der spanische mit dem deutschen Fußballverein.

Sahin braucht freilich weder eine Zeitarbeitsfirma, noch eine Gewerkschaft, um seine Interessen zu vertreten. Er ist schon längst ein reicher Mann – und das beste Beispiel dafür, wann Leiharbeit völlig in Ordnung ist. Anne Wills Thema war die Leiharbeit nach dem Fall Amazon - und wurde gestern Abend wieder einmal ein Opfer von König Fußball. Die Sendung begann erst um 23:30 Uhr. Leider.

Ein seltenes Kunststück

Denn ein solcher Hinweis auf die Leiharbeit in einer der für die Beschäftigten profitabelsten Branchen der Welt, wird das Einzige gewesen sein, was Frau Will vergessen haben könnte. Sie nahm die Diskussion über die berührende ARD-Dokumentation „Ausgeliefert“ zum Anlass, um ein seltenes Kunststück fertig zu bringen. Nämlich zum einen zu zeigen, wie sehr sich unsere Arbeits- und Lebenswelt durch die Flexibilisierung und Deregulierung der Arbeitsmärkte in den vergangenen 15 Jahren verändert hat. Und zum anderen ihre Gäste mit jenen Widersprüchen zu konfrontieren, denen sie selbst in dieser Lebenswelt ausgesetzt sind.

Das geschah ohne jene moralisierende Attitüde, die heute anstelle der Moral die öffentliche Debatte bestimmt – und sie durch Instrumentalisierung völlig ruiniert. Wo jede Äußerung, von wem auch immer, zu einer Sache bloßer Interpretation geworden ist, die allein den strategischen Kalkülen der Interpreten gehorcht. Wo das Missverstehen nicht mehr das Missverständnis meint, sondern eine Waffe im Meinungskampf geworden ist, und das Misstrauen zur Basis der Kommunikation hat werden lassen. Wer sich daran nicht hält, wirkt heute bisweilen wie der Idiot bei Dostojewski, wo allerdings die spätere russische Tragödie schon zu spüren ist. Aber das nur nebenbei.

Ein fundamentaler Perspektivenwechsel

Das alles geschah gestern Abend nicht. Es ist fast ein Wunder zu nennen. Natürlich vertraten Frau Wills Gäste auch Interessen, etwa die der Zeitarbeitsbranche, und höchst konträre Sichtweisen. Aber die Sendung blieb von einer einfachen Frage geprägt, die der ehemalige katholische Betriebsselsorger Paul Schobel so formulierte: „Warum verursacht die Politik durch Leiharbeit zusätzliches Leid?“ Er diagnostizierte eine Zweiklassen-Gesellschaft bei Arbeitnehmern aus Stammbelegschaft und Leiharbeitnehmern, deren Psychologie der Angst und Unsicherheit bis in einzelne Abteilungen hineinwirke. Die Stammbelegschaft bekomme jeden Tag vermittelt, was sie verlieren könne – und werde dadurch von den Unternehmen zu Wohlverhalten gezwungen. Diesem Druck könnten sich, so Schobel, nur starke Betriebsräte widersetzen, etwa durch die Durchsetzung von gleicher Bezahlung der Leiharbeiter oder der Kontingentierung ihres Einsatzes im betroffenen Unternehmen.

Dem widersprach Ariane Durian als Vertreterin der Zeitarbeitsbranche noch nicht einmal. Tatsächlich versucht die Branche seit Jahren dieses Image loszuwerden, das im Fall von Amazon wieder auf die Tagesordnung kam. So gibt es mittlerweile einen flächendeckenden Mindestlohn, in seriösen Unternehmen werden Leiharbeitnehmer keineswegs anders behandelt als andere Beschäftigte im sogenannten Normalarbeitsverhältnis. Zudem ist die Leiharbeit nicht mehr allein das Privileg von Menschen ohne berufliche Qualifikation. 70 % der Leiharbeiter, so Frau Durian, verfügten über eine solide Ausbildung, darunter auch Akademiker.

Fortschritte in der Regulierung der Leiharbeit

Selbst der Journalist Günter Wallraff, der in vergangenen Jahren immer wieder in den Niederungen der deutschen Arbeitswelt recherchierte, hatte gegen solche Formen der Leiharbeit nichts einzuwenden. Deren Grundsatz formulierte Schobel so: Jedes Unternehmen brauche Flexibilität und einen Puffer: „Das sollen sie bekommen. Dann sollen sie auch dafür bezahlen.“

Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der FDP, Johannes Vogel, wies auf die Fortschritte in der Regulierung der Leiharbeit der vergangenen Jahre hin. Er akzeptierte sogar den Grundsatz des „gleichen Lohns für gleiche Arbeit“. Die Leiharbeit wird offensichtlich selbst in der FDP nicht mehr als Instrument der Kostensenkung für Unternehmen betrachtet. Das ist tatsächlich ein fundamentaler Perspektivenwechsel gegenüber der Debatte, wie sie etwa im Umfeld der Agenda 2010 im Jahr 2003 geführt worden war.

Industrielle Reservearmee in Europa

Leiharbeit, wie sie Frau Durian und Vogel skizzierten, ist keine „Sklavenarbeit“, von der auch in der ARD-Dokumentation die Rede gewesen war. Trotzdem waren sich alle einig, dass die in „Ausgeliefert“ beschriebenen Verhältnisse unzumutbar waren. Diana Löbl, eine der beiden Autorinnen des Films, war immer noch überwältigt von der öffentlichen Debatte nach der Ausstrahlung.

Damit war nicht zu rechnen – und ist selbst zu einem erklärungsbedürftigen Phänomen geworden. Frau Will sprach dabei die Punkte in der Dokumentation an, die kritisch diskutiert worden waren. Etwa was die Darstellung der Unterbringung in dem Ferienpark oder das Lohnniveau der bei Amazon eingesetzten Leiharbeiter betrifft.

Warum aber trotzdem dieses Entsetzen, wo doch Frau Durian und Vogel mit guten Gründen auf die Fortschritte der vergangenen Jahre hingewiesen haben? Frau Löbl erklärte das so: Die von ihr und ihrem Co-Autor Peter Onneken befragten Menschen aus ganz Europa seien vor allem froh darüber gewesen, dass „sie überhaupt Arbeit hatten.“ Sie habe auch das Gefühl, dass Regelungen zum Schutz dieser Leiharbeiter „so in der Realität nicht durchsetzbar sind.“ Wir hätten es tatsächlich mittlerweile in Europa mit jener „industriellen Reservearmee“ zu tun, die den von allen beklagten Missbrauch der Leiharbeit als bloßes Instrument zur Kostenreduzierung wieder möglich macht.

Die in Deutschland erreichten Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt werden damit über den Umweg Europa ausgehebelt. „Ausgeliefert“ hat unsere Wirklichkeit im geeinten Europa sichtbar werden lassen, die ansonsten aber in der Borniertheit nationaler Debatten zumeist ausgeblendet wird.

Wenn Gäste auf ihre Wirklichkeit treffen

So hat Frau Will gestern bewiesen, was guter Journalismus zu leisten vermag. Sie stellte die richtigen Fragen, ging kritisch mit ihren Gästen um, aber ohne sie vorzuführen. Wann hat man es schon erlebt, dass Günter Wallraff in schwere Argumentationsnöte gerät? Er riet gestern auf Frau Wills Frage nach der Marktmacht von Amazon dazu, doch besser bei einem lokalen Buchhändler statt bei dem Onlineriesen aus Seattle einzukaufen.

Als sie Wallraff, einem der erfolgreichsten Sachbuchautoren der vergangenen Jahrzehnte, die Frage stellte, wie sich das mit seiner eigenen Präsenz bei Amazon vertrage, meinte dieser tatsächlich, dass er das „nicht gewusst habe“. Er kümmere sich nicht darum. Die Moderatorin war genauso fassungslos, wie der Zuschauer vor dem Fernsehschirm.

Sie stellte auch Frau Durian die Frage, ob sie denn einem der Leiharbeiter empfehlen könne, sich etwa für einen Hauskauf langfristig zu verschulden. Es ging ihr um einen wichtigen Punkt: Haben Menschen heute noch die Sicherheit, langfristige Verbindlichkeiten einzugehen? Frau Durian hatte sich nun vorher bemüht, genau diesen Eindruck zu erzeugen, obwohl sie einen Nuri Sahin bekanntlich nicht zu ihrer Klientel zählen kann. Sie wollte keine Antwort geben, obwohl genau das in der deutschen Arbeitswelt früher keine Frage gewesen wäre.

„Pragmatische Lösungen“

Frau Will ersparte auch dem Abgeordneten Vogel nicht jene Realität, wie sie im Deutschen Bundestag zu finden ist, wo mittlerweile selbst Schreibkräfte Leiharbeiter sind, wo die Fahrbereitschaft und der Sicherheitsdienst über Subunternehmer organisiert werden, um die Tarifverträge im öffentlichen Dienst zu unterlaufen.

Vogel, sichtbar konsterniert, sprach von „pragmatischen Lösungen“, worauf Frau Will nur trocken meinte, was daran pragmatisch sei, wenn man von seiner Arbeit nicht leben könne? Selbst Frau Löbl sah sich plötzlich gezwungen, sich mit ihrer Wirklichkeit als Journalistin zu beschäftigen. Sie arbeitet als freie Journalistin beim Hessischen Rundfunk. Wie viel Sicherheit habe eine Mutter von 2 Kindern, so die Frage von Frau Will. Es würden kaum noch Redakteure fest eingestellt, so die Antwort – und Frau Löbl sei zum Glück nicht alleine. Es gäbe noch einen Vater, mit dem sie ihre Zukunft gestalten kann. Das ist heute keinesfalls immer vorauszusetzen, wie jeder weiß.

So konfrontierte Frau Will ihre Gäste (und Zuschauer) mit einer dramatischen Veränderung in unserem Gesellschaftsgefüge der vergangenen 15 Jahre. Sie erscheint uns mittlerweile selbstverständlich, ist es aber nicht. Es war eine denkwürdige Sendung über eine Sozialordnung, wo eben ein Nuri Sahin zu jenen wenigen Glücklichen gehört, die sich über das alles keine Gedanken machen müssen – selbst wenn er mit seiner Borussia das Halbfinale verpasst hat und stattdessen Bayern München im Halbfinale des DFB-Pokals steht.

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