Home
http://www.faz.net/-hon-76y0t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Frühkritik: Ulmen Viel Spaß beim Fremdschämen

 ·  Die nächste Sexismus-Debatte fällt aus: Die Satire „Who wants to fuck my girlfriend?“ wird vor allem für Männer peinlich. Man(n) hält sie kaum aus.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (5)
© obs Vergrößern Lizenz zum Fremdschämen: Christian Ulmen in seiner Rolle als Nerd Uwe Wöllner

Man könnte denken, es gäbe den Anlass für die nächste Sexismus-Debatte. Wenn schon ein ebenso andeutungsreicher wie hinterhältig-fragwürdiger „Stern“-Artikel reicht, um eine Diskussion zu entfachen, von der es am Ende heißt, es sei gut, dass wir drüber geredet haben, müsste eine Show mit diesem Titel doch allemal für einen Streit im Grundsätzlichen gut sein: „Who wants to fuck my girlfriend?“ heißt sie. Klingt widerlich oder lässt auf kalkulierte Absurdität schließen. Ist aber, zumindest nach der ersten Ausgabe und den Trailern, die es zum Rest zu sehen gibt zu schließen, beides nicht, sondern einfach nur so misslungen, dass es schmerzt.

Ein „Medien-Kaspar-Hauser“?

Wir sehen Christian Ulmen, einen der eher wenigen unberechenbaren Kreativköpfe der hiesigen Fernsehbranche, wie er in die Rolle seines Alter Ego Uwe Wöllner schlüpft: pferdeartige Kauleiste, Speckbrille, Baseball-Käppi, Klamotten vom Discounter, die Jeans mit Hochwasser. An Peinlichkeit ist diese Figur schwer zu überbieten. Uwe sei ein „Medien-Kaspar-Hauser“, hat Ulmen über seine Rolle gesagt. Das ist nett ausgedrückt und nett ist auch dieser Uwe, ein liebenswerter Trottel, dem jede Peinlichkeit fremd ist.

Also könnte ihm auch eine Show wie „Who wants to fuck my girlfriend?“ einfallen: Zwei Männer wetteifern darin, ihre Freundinnen als Sexobjekte anzupreisen. Wessen Freundin beim Sexappeal-Contest besser ankommt, der hat gewonnen. Die Frauen werden losgeschickt zum Flirt im Café, bieten den Herren der Schöpfung beim Friseur einen Quickie an oder landen gleich auf dem Strich. Die Paare, die Ulmen für sein Spiel engagiert hat, wissen, worum es geht. Diejenigen, welche die Frauen ansprechen oder von denen sie angesprochen werden, wissen es nicht.

Peinlich, unwitzig, langweilig

Das klingt frauenfeindlich, ist aber ein Purgatorium für Männer. Zeugnisse grenzdebiler männlicher Sexualität werde es geben, sagte Christian Ulmen in Interviews noch, und wie das aussieht, kann man sich lebhaft vorstellen. In der ersten Folge jedoch blieben die Frauen in puncto Peinlichkeit unter sich. Um dem kleinen Shitstorm zu entgegnen, den ein paar Feministinnen im Internet entfacht haben, setzten Ulmen und sein Sender Tele 5 die Sonderausgabe ihrer Show „Who wants to fuck my lesbian girlfriend?“ an den Beginn. Da kann man von feministischer Seite her schwer was gegen sagen. Allerdings führt auch kein Weg an der Erkenntnis vorbei: Das ist unfassbar peinlich, grotesk unwitzig und trotz der Sendelänge von nur knapp einer halben Stunde bis kurz vor Mitternacht (vier Fünftel konnte man vorab im Internet sehen, aber eben nur vier Fünftel) grandios langweilig. Junge lesbische Frauen sprechen heterosexuelle Frauen an, in der Hoffnung, dass die sich wenigstens als ein bisschen „Bi“ entpuppen, bekommen einen Korb nach dem anderen, stellen grauenhafte Fragen bei einem vermeintlichen Marketing-Testgespräch und schwirren nachts um drei in die Bar zum „Resteficken“ ab. Das muss man nicht gesehen haben.

Was in den nächsten Folgen geschieht, kann man sich allerdings schon ausmalen. Da es in der Ausgabe „Who wants to fuck my lesbian girlfriend?“ schon an der Grundvoraussetzung fehlte – dem gemeinsamen sexuellen Interesse am jeweils anderen Geschlecht -, musste das zur Alibiveranstaltung werden. Das wird sich ändern. Aber selbst dann – wenn Männer in dieser Show reihenweise aus der Rolle fallen – sollte man Christian Ulmen und Tele 5 nicht den Gefallen tun, diese Möchtegern-Mediensatire auf die Meta-Ebene zu bugsieren. Ist schon klar: Ulmen ist über jeden Sexismus-Verdacht erhaben, aber er richtet auch nicht wirklich etwas aus und ist auch nicht unterhaltsam. Kein Aufreger, nirgends.

Wer sich echtes frauenfeindliches Fernsehen anschauen und zur Kritik ansetzen will, sollte sich übrigens den „Bachelor“ bei RTL ansehen. Wer eine Studie zu familienfeindlichem Fernsehen anstellen will, sei auf „Frauentausch“ bei RTL 2 verwiesen. Männerfeindliches wiederum findet sich bei „Bauer sucht Frau“ (RTL) und „Beauty and the Nerd“ bei Pro Sieben. Und am übelsten zugerichtet werden Frauen im deutschen Fernsehen von einer Frau: von Heidi Klum bei „Germanys next Topmodel“ (Pro Sieben). Im Vergleich zu den dort zu bestaunenden Entwürdigungen und Grausamkeiten erscheint Christian Ulmens Satire nur als eins: als harmlos.

  Weitersagen Kommentieren (46) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
An open letter to Eric Schmidt Why we fear Google

Here for the first time, a German manager confesses his company’s total dependence on Google. What publishers are experiencing today is a sign of things to come: We will soon all belong to Google. An open letter to Eric Schmidt. Mehr

17.04.2014, 18:38 Uhr | Feuilleton
„Women Who Eat on Tubes“ Geschmacksfragen in der U-Bahn

Auf einer britischen Facebook-Seite werden Fotos essender Frauen aus der U-Bahn zur Schau gestellt. In England wird über den Trend diskutiert, viele Frauen fühlen sich gedemütigt - während die Nutzerzahlen steigen. Mehr

07.04.2014, 19:08 Uhr | Gesellschaft
Self-censorship in the digital age We won’t be able to recognize ourselves

More than a century ago, Sigmund Freud showed how we censor ourselves. In the age of digital mass surveillance we are facing self-censorship of a different dimension. We are more cautious, warier. Our behavior is changing drastically . Mehr

07.04.2014, 17:16 Uhr | Feuilleton

15.02.2013, 06:57 Uhr

Weitersagen
 

Haben ist Sein

Von Mark Siemons

Ein Frau wurde verlassen und weiß nicht warum: Sie hat doch einen guten Job und zwei abbezahlte Wohnungen. Warum in Peking das Eigentum und die Liebe einander bedingen. Mehr 4