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FAZ.NET Frühkritik: Sandra Maischberger „Wir sind ja nicht nur der nützliche Idiot für andere“

 ·  Helmut Schmidt steht im September bekanntlich nicht zur Wahl. So war SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück der einzige Gast bei Sandra Maischberger.

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© dpa Vergrößern Peer Steinbrück zu Gast bei Sandra Maischberger

Medienkritik ist eine wichtige Sache. Etwa warum jemand eine Zeitung kauft und was er in Zukunft damit zu tun gedenkt. In der kommenden Bundestagswahl wird es aber dennoch nicht um die Frage gehen, welcher Journalist oder Fernsehmoderator bis zum Wahltag am 22. September die beste Performance abgeliefert hat. Journalisten stehen nicht zur Wahl und geraten daher nicht in die Verlegenheit, in den kommenden vier Jahren das umsetzen zu müssen, was sie so in ihren Leitartikeln fordern.

Journalisten sollten zudem der Versuchung widerstehen, ihren Lesern nach dem Munde zu reden. Die früher nur bei Anarchisten und Spontis des Typus Joseph Fischer verbreitete Sichtweise, Wahlen änderten nichts, sonst wären sie ja verboten, beginnt sich nämlich bis weit in das bürgerliche Lager auszubreiten.

Wer findet den Weg in die Wahlkabine?

Insofern hatte Sandra Maischberger gestern Abend alles richtig gemacht. Sie beschäftigte sich mit der Bundestagswahl und hatte daher den Kanzlerkandidaten der SPD, Peer Steinbrück, eingeladen. Dieser hat bekanntlich einen schweren Stand. Seine Beliebtheitswerte sind im Keller, die Umfragewerte seiner Partei mies und dem Wahlkampf fehlt bisher der Kampf: Über dem Land liegt eine bleierne Atmosphäre. Es ist eine Mischung aus Desinteresse, Lethargie und bisweilen offen artikulierten Hass auf die sogenannte „politische Klasse“. Für Steinbrück wird es darauf ankommen, einen Klimaumschwung herbeizuführen, wenn er am 22. September noch eine Chance haben will.

Sendungen wie die von Frau Maischberger erreichen vor allem jene kleine Schicht der politisch hoch interessierten Wähler, die nach aller Erfahrung festgefügte politische Präferenzen haben. Sie werden daher von Steinbrück nicht mehr überzeugt werden müssen, wie jenes immer größer werdende Wählersegment, die kurzfristig und spät ihre Wahlentscheidung treffen. In solchen Sendungen gilt es, die eigenen Anhänger zu motivieren, um sich aktiv für die eigene Partei und deren Kandidaten einzusetzen. Davon – und von nichts anderem - hängt die Fähigkeit ab, das eigene Potential am Wahltag in die Stimmkabine zu bringen.

„Was soll ich darauf antworten?“

Insoweit hatte Steinbrück recht, wenn er bei Frau Maischberger betonte, der Wahlausgang sei offen. Die Regierungsparteien haben ihr Potential schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt mobilisiert. Steinbrück kann es zwar herzlich gleichgültig sein, ob ihn weibliche Wähler anderer Parteien für arrogant halten, er sollte aber nicht die eigenen Wählerinnen verschrecken. Es wird für ihn nicht reichen, mit den bekannten frauenpolitischen Forderungen seiner Partei zu überzeugen. Man muss daher abwarten, ob jener Gefühlsausbruch im Zwiegespräch mit seiner Frau auf einer SPD-Veranstaltung eine Veränderung im Bild von Steinbrück bewirkt hat. Er habe „sich verstanden gefühlt“, so erklärte er die Situation. Es wird vor allem darauf ankommen, ob ihn seine Wählerinnen verstanden haben.

Nun hat Frau Maischberger der Versuchung nicht widerstehen können, eine Bundestagswahl mit einer Persönlichkeitsstudie über den Charakter der Kanzlerkandidaten zu verwechseln. Steinbrück fühlte sich bisweilen auf der „Freudschen Couch“ und antwortete auf solche Fragen mit der passenden Bemerkung: „Was soll ich darauf antworten?“. Steinbrück wird an seinem Image nichts mehr ändern und seine Gegner nicht mehr überzeugen. Dazu gehört auch die Skepsis, ob seine vorgeschlagenen „Korrekturen“ an der Agenda 2010 glaubwürdig sind oder nicht. Steinbrück kann aus dieser Situation nur eines machen: Sie ignorieren. Das ist übrigens eines der Erfolgsgeheimnisse seiner Konkurrentin im Kanzleramt. Frau Merkel lässt sich von Kritik einfach nicht aus der Ruhe bringen.

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