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FAZ.NET-Frühkritik: Reinhold Beckmann Ansonsten droht der Kollaps

 ·  Reinhold Beckmanns Sendung mit dem Titel „Pflege Deinen Nächsten – das Leid der Betroffenen und die Last der Angehörigen“ begann erst kurz vor Mitternacht. Schade. Die Zuschauer konnten nämlich etwas lernen: Über sich selbst und ihre Eltern.

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Es ist ein Irrtum zu meinen, über Tabus spräche man nicht. Es fängt noch viel eher an: Man denkt erst gar nicht daran. Eines dieser Tabus in vielen deutschen Familien ist die Frage, was eigentlich passiert, wenn die Eltern Pflegefälle werden. Mittlerweile betrifft das die Baby-Boomer Jahrgänge der fünfziger und sechziger Jahre. Deren Eltern kommen jetzt in das Alter, wo sich die Kinder darüber Gedanken machen müssten. Und es doch nicht tun.

Reinhold Beckmann hat am Donnerstag Abend versucht, darüber so zu reden, dass sich die Zuschauer dieser Frage stellen können. „Pflege Deinen Nächsten – das Leid der Betroffenen und die Last der Angehörigen“, so hieß der Titel, und seine Gäste waren sich in einem Punkt weitgehend einig: Sie hatten sich zu spät dieser Frage gestellt und gerieten so in Situationen, die die Familien bei der Pflege ihrer Angehörigen bald überfordern sollte. Dabei kann es um die bürokratischen Mechanismen der Pflegeversicherung gehen, tiefsitzende familiäre Konflikte, die beim Umgang mit dementen Angehörigen eskalieren oder frühere Alltagssituationen, die plötzlich zu fast unlösbaren Konflikten führen.

Betroffene Familien erlebten einen radikalen Wechsel der eigenen Lebenssituation, der für nicht betroffene Menschen kaum nachvollziehbar sei, so der 32 Jahre alte CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn. Er brachte das Schweigen am Beispiel seiner eigenen Familie zum Ausdruck. Er war als Ersatz für den erkrankten Bundesgesundheitsminister eingesprungen, aber konnte – durchaus beeindruckend – die Ambivalenz der Rolle der Politik aufzeigen. Nämlich mit dem Unglück der Betroffenen umzugehen und zugleich eine Antwort auf die bisher ungeklärte Frage der in den nächsten Jahren rasant steigenden Pflegefälle zu finden.

Das überholte Leitbild der sich aufopfernden Mutter

„Es ist unverantwortlich, am Leben bleiben zu müssen, wenn man sterben möchte. Die hohen Pflegekosten werden zudem noch mit dem Geld des Staates bezahlt. Da bekommt man doch ein schlechtes Gewissen. Man lässt jemanden lieber schnell sterben.“ Das sagte erst vor wenigen Tagen der neue japanische Finanzminister Taro Aso, selbst 72 Jahre alt. Es zeigt, wie eine solche Diskussion verlaufen kann, wenn das passieren sollte, was Claus Fussek bei Beckmann den „Kollaps der familiären Pflege“ nannte.

Die Journalistin Martina Rosenberg hat diese Aussichtslosigkeit in ihrem Buch „Mutter, wann stirbst du endlich?“ dokumentiert. Darin kommt zuerst die Verzweiflung der Mutter über das allmähliche Verschwinden der eigenen Persönlichkeit in der Demenz zum Ausdruck – und schließlich das Verschwinden des Lebens der Tochter in der tägliche Sorge um die Mutter. Es ist der Wunsch nach Wiedererlangung von Autonomie, den Frau Rosenberg artikulierte, nichts anderes, und das mit Recht. Die familiäre Pflege ist immer noch von dem Leitbild der sich aufopfernden Tochter oder Schwiegertochter geprägt, die in früheren Zeiten mit Selbstverständlichkeit ihr eigenes Leben erst den Kindern und später den alt gewordenen Eltern unterordnete. Nur wird das nicht offen thematisiert. Der Verdienst einer Frau Rosenberg ist es, der Gesellschaft deutlich zu machen, dass weibliche Selbstbestimmung Folgen hat – und wie sehr diese Gesellschaft vom Verzicht früherer Frauengenerationen auf ein selbstbestimmtes Leben profitiert hat.

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