01.02.2013 · Reinhold Beckmanns Sendung mit dem Titel „Pflege Deinen Nächsten – das Leid der Betroffenen und die Last der Angehörigen“ begann erst kurz vor Mitternacht. Schade. Die Zuschauer konnten nämlich etwas lernen: Über sich selbst und ihre Eltern.
Von Frank LübberdingRichtlinien für Lesermeinungen
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Leider erfahre ich aus dem Artikel nicht, inwiefern es in Schweden
leicht ist, alt zu werden.
Wie ist dort das Pflegeproblem gelöst? Die Aussage des japanischen
Ministers erinnert mich an die Legende von alten Eskimos, die ins Eis
gehen und dort verschwinden, wenn ihre Zeit gekommen ist.
Statt "der Verdienst" müßte es übrigens
"das Verdienst" heißen. Ich will annehmen, daß es
sich um einen Schreibfehler handelt.
Nun, wenn ich sehe, dass die Witwenrente gekürzt wird, die
Lebensarbeitszeit verlängert wird, dann stellt sich die Frage, ob
es nur an einem neuen Rollenverständnis liegt, dass sich Frauen
nicht mehr ausschließlich um die Pflege Angehöriger
kümmern, sondern ob sie dies nicht einfach deswegen nicht tun, weil
in dieser Zeit kein eigenes Einkommen/eigene Rentenansprüche
erwirtschaftet werden.
Natürlich will man die Eltern etc. gut versorgt sehen. Wenn aber
die Folge dieses Einsatzes die eigene Altersarmut ist (bei Kinderlosen
zusätzlich mit dem Gedanken, dass man sich selbst um seine Pflege
kümmern oder halt sterben muss), dann überlegt man sich das
zweimal, ohne gleich ein eiskaltes, berechnendes Biest zu sein.
Es wird an der Zeit, dass sich die Menschen mit
Patientenverfügungen etc. beschäftigen. Liegen diese vor, ist
sehr vieles wesentlich leichter zu organisieren. Mal abgesehen davon,
dass Kinder nicht zum Zwecke der eigenen Pflege gezeugt werden sollten.
"Der Verdienst einer Frau Rosenberg ist es, der Gesellschaft
deutlich zu machen, dass weibliche Selbstbestimmung Folgen hat."
Und die sind nicht nur auf die Angehörigenpflege zu
beschränken. Der Rollenwandel der Frau wirkt sich auf jede andere
Rolle und Position in der Gesellschaft aus, was aber -der einseitigen,
unkritischen und ideologieverseuchten Debatte sei dank- einfach nicht
zur Sprache kommt. Die Rollenerwartungen an Männer sind diffus und
widersprüchlich, Aufgaben, die vor der Emanzipation
selbstverständlich von Frauen wahrgenommen wurden, verschwinden
nicht, aber niemand will sie übernehmen. Ein zweifelhafter
Verdienst der Frauenbewegung (der neben vielen positiven
Errungenschaften steht) ist es, altruistisches Verhalten abzuwerten.
Kindererziehung, Ernährung, Haushalt und Pflege werden entweder
delegiert (vom Wochenbett in die Krippe, Restaurant, polnische Putzfrau,
Altersheim) oder finden aus Geld- und/oder Lustmangel nicht hinreichend
statt. Eine fatale Entwicklung.
Das ist kein zweifelhafter Verdienst der Frauenbewegung
sondern das Ergebnis der jahrhundertelangen Erwartung, dass dies
widerspruchs- und entlohnungslos von Frauen übernommen wird.
Und ja, Sie haben Recht, die Aufgaben will keiner mehr übernehmen.
Aber mir erschließt sich jetzt nicht, aus welchem Grund sie
meinen, dass nur Frauen altruistisches Verhalten zeigen sollten. Meinen
Sie, dass Männer nicht imstande sind altruistisches Verhalten
aufzuwerten und Angst um ihren sozialen Status haben?
Sozialversicherungsbeiträge - welche Rolle spielen denn soziale Kriterien?
Eine Witwe mittleren Alters, berufstätig mit mittlerem Einkommen, schulpflichtige Kinder, pflegebedürftige Eltern, kümmert sich in ihrer spärlichen Freizeit um ihre Familie. Sie zahlt hohe Krankenversicherungsbeiträge, zusätzlich auch noch für ihre Kinder, wenn die Halbwaisenrente über einem niedrig bemessenen Freibetrag liegt. In der Pflegeversicherung erhält sie eine minimale Vergünstigung - eine Regelung, die der Intervention der Verfassungsrichter bedurfte. Zum Vergleich: Lebenspartner von gut verdienenden GKV-Mitgliedern ohne Verpflichtungen gegenüber betreuungsbedürftigen Angehörigen sind beitragsfrei, sofern sie gegenüber der GKV angeben, kein eigenes Einkommen zu haben (was in den meisten Fällen nicht mal überprüft wird). Solidarität lässt sich in diesem System nur schwer erkennen - da hilft auch das viele Schönreden nicht.
Die Situation heute ist anders
Der Artikel liegt nach meiner Meinung daneben. Klar, vielleicht hat sich das Rollenverhalten verändert und Töchter/Schwiegertöchter sind nicht mehr so bereitwillige Pflegekräfte. Der Hauptpunkt scheint mir aber dass unser "Gesundheitssystem" Leben erhält ohne Abwägung der Belastung für die Angehörigen/Gesellschaft. Im gewissen Sinne produziert das Gesundeitssystem Pflegefälle. Extrem überspitzt könnte man es so sehen, die Aktiven der Bevölkerung finanzieren das Gesundheitssystem und erhalten dafür Pflegefälle zurück. Ich glaube wir werden unausweichlich genau die gleichen Schlußfolgerungen anstelle wie der zitiete japanische Politiker.
Die Pflege und Betreuung muss umfaassend neutral staatlich geregelt sein !
Denn es wäre eine Katastrophe, wenn damit die Kinder belastet würden. Die haben wahrlich Anderes zu tun! Als Pflegebedürftiger könnte ich das gar nicht verantworten. Pflege/Betreuung gehört in die Hand von Profis, die dafür Zeit haben und dafür bezahlt werden - denen man als Pflegebedürftiger im Zweifel auch schon mal die Meinung sagen kann und denen gegenüber man auch Anforderungen stellen darf. Im familiären Umfeld kommt stark erschwerend hinzu, dass die (Pflege)beziehungen von Verpflichtungsgefühlen unf wechselseitigem schlechten Gewissen geprägt sind. Das ist für beide Seiten kontraproduktiv - und hat Folgen! Ich spreche hier aus 40 bis 50 Jahren direkter und indirekter Erfahrung. Leider hat die Politik (wieder mal) es versäumt, dafür die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Stattdessen beschäftigt man sich lieber mit billiardenschwerden Euro-Rettungsschirmen ... für selbst inszenierte Fehlentwicklungen.
Warum wird die Aussage des japanischen Finanzministers als Folge einer
fehlgeleiteten Diskussion dargestellt?
Zumindest mit seinem ersten zitierten Satz stimme ich voll überein.
Sterben dürfen, wenn man es möchte
Kann nicht fast jeder sterben, wenn er es möchte? Man muss schon
sehr eingeschränkt sein (Lähmung ab Halswirbel o.ä.) wenn
das nicht möglich sein soll.
Das Problem ist doch ein anderes: Entscheidet Effizenzdruck
darüber, ob ein Mensch leben darf oder sterben muss? Über den
sanften Druck, das (unnütze/ineffiiziente) Leben doch bitte
schön enden zu lassen ist schon in den 70ern diskutiert worden
("soylent green"). Allerdings war das Entsetzen über
solche Gedanken damals wahrscheinlich größer als heute. Die
Frage ist doch: Wollen wir vorher entscheiden, ob wir in eine solche
Richtung gehen (und ggf. gegensteuern, wenn man es nicht will) oder
wollen wir uns durch die normative Kraft des Faktischen durch eine
passive Haltung dahin treiben lassen. Im zweiten Fall könnte man
zumindest sagen: "Unsere Welt ist so kalt geworden, aber man kann
ja nichts machen, wenn man als Kind seine Eltern zum Abschuss frei gibt."