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FAZ.NET-Frühkritik: „Meine Wahl“ Die Haudraufpuppe

 ·  Nur munter geraunzt, geklagt und gefordert: Peer Steinbrück wurde im Wohnzimmer-Ambiente der RTL-Sendung „Meine Wahl“ wenig Liebe geschenkt.

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Okay, das ist im Grunde unmöglich. Doch nur mal angenommen, man hätte in den vergangenen zehn Monaten in Sachen Steinbrück nichts weiter registriert als den Namen eines Mannes, der es zum Kanzler bringen möchte (die Selbstdarstellung nicht, die seine Sympathisanten verprellte, die Aufregung nicht, die seine üppigen Vortragshonorare auslösten, die Heuchelei nicht, die in jedem Loblied von Genossen steckt, und auch nicht die Schlagzeilen, die mit einer Flasche Pinot Grigio, einem „Peerblog“ und einem „Eierlikörgate“ verbunden waren), nur mal dahingesponnen also, man hätte all dies nicht gewusst, als man zwischen Abendbrot und Fußballergebnis in einer Diskussionsrunde namens „Meine Wahl: An einem Tisch mit Peer Steinbrück“ hängenblieb – man wäre erschrocken darüber, wie sehr dieser Mann, immerhin der Bewerber um das wichtigste Amt, das diese Gesellschaft vergibt, zuweilen als Haudraufpuppe behandelt wird, statt über seine Pläne zu sprechen.

Denn zwar hangelte sich die von RTL-Anchorman Peter Kloeppel unaufdringlich moderierte Sendung im Eiltempo von Thema zu Thema, der Kandidat erhielt die Gelegenheit, sich schlagwortartig zu den Blöcken „Jugend“, „Pflege“, „Bildung“, „Arbeit“ und „Steuern“ zu äußern, er durfte sich unverrenkt geben, und das machte Steinbrück nach eigenem Dafürhalten so gut, dass er sich vor der Werbepause in hohem Bogen mit einer Portion Nüsschen versorgte.

Abgefragte Tiervergleiche

In erster Linie aber sollten die zu einem Tischgespräch geladenen sieben „Mitglieder des RTL-Wählerrats“, eine intimiere Veranstaltung als die gefloppten „Townhall Meetings“ von 2009, als „Gesicht und Stimme“ des Volkes nur Misstrauen formulieren. Um dem Kandidaten schlussendlich Noten zu erteilen, die allesamt nicht über ein maues „befriedigend“ hinausgekommen wären, hätte ihm eine Unternehmerin, die er besucht hatte, aus Motivationsgründen nicht eine „Eins“ geschenkt. Vor der Sendung, sagte die Frau, wäre es eine „Vier minus“ gewesen.

Steinbrück wird das verkraftet haben. Die letzten Tage liefen vergleichsweise gut, auch wenn das hieß, dass in den RTL-Nachrichten nur das „Kikeriki“, „I-A“ und „Wauwau“ zu hören war, mit dem sie am Rande des SPD-Geburtstagsfestes aus den „Bremer Stadtmusikanten“ lasen. Aber es ist natürlich nicht angenehm, wenn der Moderator einer politischen Sendung seine Gäste zu Tiervergleichen auffordert, wohl ahnend, dass dabei beim Blick auf Steinbrück eine kalte Schildkröte, eine lästige Mücke, ein Elefant im Porzellanladen, ein Tiger als Bettvorleger in spe und ein Wal herauskommen, der recht bald schon wieder in den Tiefen des Ozeans verschwinden dürfte. Bekanntlich sieht sich Steinbrück eher als Nashorn.

Raunzen, Klagen, Fordern

Wenn sich der gehetzten, stets über die Oberfläche der Themen hinwegschmirgelnden Sendung, dieser Simulation eines Gesprächs zwischen Bürger und Kandidat, etwas abgewinnen ließ, dann die Deutlichkeit, in der sie Steinbrück an den Ernst seiner Lage und die politische Zunft an die Erwartungshaltung der Bürger erinnerte, auch an die Distanz vom wahren Leben, die sie bei Volksvertretern wie Steinbrück vermuten.

„Wissen Sie überhaupt, was meine Generation interessiert?“, warf der achtzehnjährige Gymnasiast Mamdouh Butt dem Kandidaten entgegen. Er komme arrogant und unglaubwürdig rüber, monierte die Unternehmerin Sina Trinkwalder. „Wann haben Sie sich das letzte Mal im Wahlkreis sehen lassen?“, raunzte „Let’s Dance“-Juror Llambi. Weshalb er sich nicht für die Rechte der Schwulen in Russland einsetze, fragte Theaterbesitzer Corny Littmann. Wann endlich das oft versprochene Geld ins Pflege- und Bildungssystem flösse, klagten die Leiterin einer Senioren-Einrichtung,

Henrike Köber, und Astrid Sabine-Busse, eine Schul-Leiterin, die von Sprachprüfungen für Einwanderer und Sozialarbeitern auf den Schulhöfen träumt. Und dann saß da noch Henner Buhck, ein Entsorgungs-Unternehmer, der vor einer stärkeren Besteuerung der Vermögenden warnte, weil dies schwerwiegende Folgen für den Mittelstand habe, und Steinbrücks Absage an eine „Substanzbesteuerung“ gegenüber skeptisch blieb. Der Einspielfilm, der ihn vorstellte, ließ Steinbrück- und Merkel-Portraits über ein Abfall-Sortierband wandern.

Fraglich ist nur, ob auch Angela Merkel, wenn sie am kommenden Sonntag an Kloeppels Wohnzimmertisch Platz nimmt, derart viel Wind entgegenschlagen wird.

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